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Bibliothek der Zukunft

Die zunehmende Digitalisierung stellt hohe Anforderungen an ein attraktives und zeitgemässes Bibliotheksangebot. Prorektor Christian Schwarzenegger beschreibt im Interview wie die Zukunft des Bibliothekswesens an der UZH geplant wird.

Marita Fuchs4 Kommentare

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Alle UZH-Bibliotheken sollen künftig organisatorisch zu einer Universitätsbibliothek UBZH zusammengeführt werden. (Foto: Hauptbibliothek – Medizin Careum von Frank Brüderli)

 

Die Universität Zürich hat zurzeit mehr als 40 eigenständige Bibliotheken in circa 80 Räumlichkeiten. Neben der grossen Hauptbibliothek (HBZ) gibt es kleinere und kleinste Fachbibliotheken in den Fakultäten und Instituten. Sie sind organisatorisch unabhängig von der HBZ und den jeweiligen Fakultäten oder Instituten. Dieses mehrgliedrige Bibliothekssystem wird den aktuellen und künftigen Anforderungen an eine wissenschaftliche Informationserschliessung nicht mehr gerecht, wie ein internationales Expertenteam 2017 in einer Evaluation des Bibliothekswesens der UZH feststellte. Die Universitätsleitung hat daher Anfang Juli 2017 beschlossen, alle UZH-Bibliotheken künftig zu einer Universitätsbibliothek UBZH zusammen zu schliessen.

Eine zentrale Infrastruktur mit einem klar definierten Leistungskatalog sowie einem optimierten Standortkonzept bringt mehrfache Vorteile, weil das Bibliotheksangebot besser auf die Bedürfnisse der Benutzerinnen und Benutzer ausgerichtet und koordiniert werden kann. Auch hinsichtlich der Herausforderungen der Zukunft, mit denen die Bibliotheken angesichts von Digitalisierung, Open Science und Datenmanagement konfrontiert sind, wird eine Zentralisierung von Dienstleistungen etliche Vorteile bringen. Die Studierenden sollen schliesslich von einem erweiterten Dienstleistungsangebot der Universitätsbibliothek UBZH und einem modernen Lernzentrum profitieren.

Prorektor Christian Schwarzenegger nimmt im Interview Stellung zur Bibliothek der Zukunft.

Prorektor Christian Schwarzenegger
Prorektor Christian Schwarzenegger
«Unsere Bibliotheks-Strukturen müssen effizienter werden»: Prorektor Christian Schwarzenegger.

 

Herr Prorektor Schwarzenegger, Sie leiten das Projekt «UZH Bibliothek der Zukunft». Was ist das Ziel?

Wir wollen das UZH-Bibliothekswesen fit machen für die Zukunft. Mit der bereits beschlossenen Konzentration auf zwei grosse Standorte – UZH Zentrum und UZH Irchel – bietet sich die Möglichkeit, auch im Bibliotheksbereich einen grossen Schritt vorwärts zu tun. Für Forschung und Lehre eröffnen sich Möglichkeiten der digitalen Informationsbeschaffung, -bearbeitung und -speicherung. Professionelle Bibliotheksdienstleistungen können entwickelt werden und gleichzeitig werden die traditionellen Buch- und Zeitschriftenbestände effizient bewirtschaftet.

Gibt es Vorbilder für diese Ziele?

Wir haben uns bei den Überlegungen zum Projekt «UZH-Bibliothek der Zukunft» bei renommierten internationalen Universitäten erkundigt, wie etwa der Universität Harvard oder die Universität Leiden, die modernste Bibliotheks-Strukturen aufgebaut haben. Dabei haben wir erkannt, dass wir an der UZH der aktuellen Entwicklung hinterherhinken. Unsere Bibliotheks-Strukturen müssen effizienter werden, denn der digitale Wandel betrifft alle Wissenschaftsdisziplinen und erfordert neue Strategien in der Informationserschliessung, -verarbeitung und -speicherung. Von diesen Prozessen sind die Bibliotheken stark betroffen. Sie müssen den traditionellen Print-Bestand pflegen, aber gleichzeitig und immer mehr digitale Dienste anbieten. Digitale E-Medien müssen so bewirtschaftet werden, dass es sinnvoll ist für alle Beteiligten.

Was würden denn die Studierenden und Forschenden dabei gewinnen?

Es werden Lernzentren geschaffen mit viel Platz und schönen Räumen. Geisteswissenschaftliche Bibliotheken können in einem für alle sinnbringenden Cluster zusammengefasst werden. Weitere Vorteile: Gruppenarbeitsräume, digitale Unterstützung beim Reservationssystem, mehr Lernplätze, mehr Personal, attraktivere Öffnungszeiten.

Zudem wird die neue Bibliothek viele neue Dienstleistungen anbieten: So etwa Datenmanagement-Pläne für Gesuche beim Nationalfonds, Open-Access-Unterstützung, Datenrecherche mithilfe von Maschinen-Learning. Im Zugang zu Originalen und deren digitaler Aufbereitung sehe ich auch neue Möglichkeiten für die Forschung. Wenn man diese Chance ergreift, ist eine völlig neue transdisziplinäre Forschung möglich.

Wie würden Sie die gegenwärtige Situation beschreiben?

Die Tatsache, dass an der UZH keine eigentliche Universitätsbibliothek existiert, hat im Laufe der Jahre dazu geführt, dass sich die einzelnen Instituts-, Seminar- und Fakultätsbibliotheken sehr unterschiedlich entwickelt haben. So ist eine äusserst heterogene Bibliotheksumgebung entstanden, die keiner einheitlichen Strategie folgt. Dies gilt sowohl für die jeweiligen Personalstrukturen und räumlichen Bedingungen vor Ort als auch für die entsprechenden Serviceangebote.

Einige Instituts- oder Seminarleiter haben Bedenken, dass ihre Fachbibliotheken mit der Neuausrichtung an Gewicht verlieren.

Die Fachbibliotheken befinden sich häufig in den Häusern, die die UZH zugemietet hat. Im kantonalen Richtplan ist festgehalten, dass diese Villen oder Häuser wieder der ursprünglichen Nutzung zugeführt werden müssen. Die neue bauliche Infrastruktur, die im Rahmen der Stadtuniversität entsteht, bietet die Chance, Institute und Seminare räumlich zusammenzuführen. Diese Chance sollten wir nutzen.

Unterschiedliche Fachbibliotheken können heute bis zu 40 Prozent Doppelbestand an Büchern haben. Bei einer zentralen Struktur könnten wir diese Mehrfacheinkäufe reduzieren. Ausserdem können aus einer zentralen Organisation heraus verbindliche Vereinbarungen mit der Zentralbibliothek über ein besser abgestimmtes Sammelprofil abgeschlossen werden. Heute laufen viele Prozesse noch unkoordiniert ab.

Fachbibliotheken gelten als Visitenkarte eines Seminars oder Instituts und sind oft mit besonderen Exemplaren bestückt. Wie kann diese Exklusivität beibehalten werden?

Wertvolle Bücher und Sammlungen werden weiterhin gepflegt und ergänzt. Bei der Anschaffung haben die Fakultätsmitglieder natürlich Mitspracherecht. Wie die Bestellung genau ablaufen soll, wird im Hauptprojekt ab 2019 definiert. Die Fachbibliothekare werden in eine zentrale Organisation eingebettet, aber der Kontakt zu den Forschenden und Studierenden gehört weiterhin zum Dienstleistungsauftrag.

Es war gestern im Tages-Anzeiger die Rede davon, dass von 80 Fachbibliotheken 60 gestrichen werden sollen. Stimmt das?

Die Zahlen sind falsch. Wir haben rund 40 Bibliotheken, die als Organisationseinheiten existieren. Diese Organisationseinheiten betreuen aber mehrere Bibliotheksräume. Der Tages-Anzeiger hat  Bibliotheksräume mit Fakultätsbibliotheken verwechselt. In Zukunft soll es eine einheitliche Bibliotheksorganisation an der UZH geben. Dies ist aber nach wie vor für mehrere Standorte zuständig. In den ersten sechs bis sieben Jahren soll der Bezug des FORUM UZH vorbereitet werden. Dabei werden rund 20 Standorte in diesen Neubau überführt. Es wird also nichts geschlossen, sondern es findet eine räumliche Zusammenführung statt.

Welche Bibliotheken bleiben dort, wo sie jetzt sind?

Der vom Kantonsrat beschlossene Richtplan grenzt das Hochschulquartier ein. Standorte ausserhalb dieser Zone sollen in diesen Hochschulparameter zusammengezogen werden. Dabei sollen Forschende, Studierende, Medien und Bücher zusammen bleiben. Die Details müssen erst noch ausgearbeitet werden, doch haben die Rechts- oder die Wirtschaftswissenschaften grossen Raumbedarf. Ein Teil der geisteswissenschaftlichen Fächer muss aufgrund des Richtplans ebenfalls in das neue Bildungs- und Forschungszentrum «FORUM UZH» eingeplant werden. Hingegen ist die Bibliothek der Theologischen Fakultät beim Grossmünster nicht betroffen. 

Es heisst, dass Bücher entsorgt oder in entfernte Speicherdepots gebracht werden. Stimmt das?

Viele Standardwerke, Lexika und Zeitschriften stehen doppelt oder mehrfach in den Regalen. Wenn die Institutsbibliotheken im FORUM UZH zusammengeführt werden, ist es nicht mehr notwendig, alle diese Bücher mehrfach aufzustellen. Einige sind digital verfügbar, bei anderen entsteht kein Nachteil, wenn nur ein Exemplar in der Bibliothek stehen bleibt. Diese Art einer sorgfältigen Bestandsreduktion ist vorgesehen. Wir gewinnen damit Fläche – das ist der teuerste Faktor im Bibliotheksbereich. 

Wie steht es um die Arbeitsplätze der Bibliothekarinnen und Bibliothekaren?

Es ist ein Gerücht, dass wir Arbeitsplätze einsparen wollen. Das Berufsbild der Bibliothekarin, des Bibliothekars wird sich aber einschneidend verändern, was mit der Digitalisierung zusammenhängt. Wir wollen bei diesem Prozess Handreichungen geben und Schulungen anbieten, damit unsere Bibliothekarinnen und Bibliothekare den Herausforderungen der Zukunft gewachsen sind.

 Wann wird das Neue Forum bezugsbereit sein?

Geplant ist der Bezug auf 2025/26.

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News

4 Leserkommentare

Roman Dosch schrieb am Was für Geisteswissenschaftler wichtig ist Teil II: Der UNI-Leitung geht es nicht darum, die Bibliotheken auf den neusten Stand zu bringen, weil ein Bedürfniss vorhanden wäre. Es ist gerade umgekehrt: Man schafft neue Voraussetzungen und die Studentschaft/Mitarbeiter sind dann gezwungen sich danach zu richten! Der Verdacht erhärtet sich, dass die Uni-Leitung einfach modern, sprich "in" sein will. Vergleiche die Äusserung, man habe "...bei renommierten internationalen Universitäten erkundigt, wie etwa der Universität Harvard oder die Universität Leiden, die modernste Bibliotheks-Strukturen aufgebaut haben." Darum geht es also, um Moderniät, nicht um strukturelle Verbesserungen für die Studentenschaft. Man will etwas schweizweit Einzigartiges, das ist der Antrieb bzw. natürlich Kosteneinsparungen. Dann soll man es aber auch so komunizieren und nicht sich hinter Scheinargumenten verstecken.
Roman Dosch schrieb am Was für Geisteswissenschaftler wichtig ist Teil I: Für eine geisteswissenschaftliche MA-Seminararbeit braucht man mindestens 30 Bücher, nicht ein paar wissenschftliche digitale, im Internet abrufbare Aufsätze. Und selbst wenn alles digital verfügbar wäre: 30 Tools auf dem Computer, das Chaos wäre perfekt im Sinne "wo habe ich das gerade gelesen", Orientierungslosigkeit garantiert. Bei den physisch fassbaren Büchern weiss man aufgrund ihres Aussehens (=fotographisches Gedächtnis) wo und in welchem Buch ungefähr welcher Inhalt ist. Herr Schwarzeneggers Äusserung "Bei der Anschaffung (von Büchern) haben die Fakultätsmitglieder natürlich Mitspracherecht" ist geradezu überheblich. Hier haben die Fakultätsmitglieder eigenständig zu entscheiden, und nicht einfach untertänigst auf dero Gnaden ihre Empfelungen einzubringen.
Lukas Keller schrieb am Die Zentralbibliothek ist Universitätsbibliothek Ich bin erstaunt, dass die Zentralbibliothek nirgends erwähnt wird. Sie ist seit 1835 die Universitätsbibliothek. Es trifft daher nicht zu, dass an der UZH keine eigentliche Universitätsbibliothek existiert. Es ist zu hoffen, dass das Projekt «UZH-Bibliothek der Zukunft» in enger Zusammenarbeit mit der Zentralbibliothek, der grössten Bibliothek unserer Universität, erarbeitet wird.
Alima Leonardi schrieb am Effizienzsteigerung auch für die Studierenden? Wie eine zentralisierte Bibliothek effizienter auf die sehr unterschiedlichen Bedürfnisse der verschiedenen Fächer eingehen kann als eine eigens zugeschnittene Instituts- oder Seminarbibliothek ist mir schleierhaft.

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