Porträt

Der Querdenker

Finance-Professor Marc Chesney kritisiert die Auswüchse des Finanzwesens und mahnt: Die Finanzkrise ist nicht vorbei, sie nimmt ei­nen permanenten Charakter an.

Adrian Ritter1 Kommentar

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«Es braucht neue Konzepte in der Ökonomie»: Marc Chesney im Labor für Finanzmarktforschung. (Bild: Frank Brüderli)

 

Ist die Finanzkrise vorbei? Marc Chesney ist nicht um eine anschauliche Antwort verlege­n, als ihm bei einem Podiumsgespräch im Februar diese Frage gestellt wird: «Es ist, wie wenn man mit dem Auto mit zu hoher Geschwindigkeit im Nebel fährt. Der Un­fall wird irgendwann kommen.»

Marc Chesney, Professor für Finance an der UZH, ist überzeugt: Die Krise ist nicht vorbei, sondern etwas weniger akut – dafür nimmt sie ei­nen permanenten Charakter an. Noch immer gebe es weltweit rund 30 Banken, die «too big to fail» seien. Sie können weiterhin Risiken eingehen, ohne die Verantwortung dafür tragen zu müssen. Denn sie wissen: Im Notfall werden sie wieder mit Steuergeldern geret­tet. «Das widerspricht den Grundprinzipien unserer Ökonomie», sagt Chesney. Wer ist dieser kritische Ökonom, dessen Name immer häufiger in den Kommentarspalten der Zei­tungen anzutreffen ist?

Eins wird bei der Podiumsdiskussion wie auch im persönli­chen Gespräch schnell klar: Der 57-Jährige ist ein Mann der klaren, aber sorgfältig gewähl­ten Worte. Er hört zu, geht auf Argumente ein. Der französische Akzent lässt seine Worte umso feiner wirken – und verweist gleichzeitig auf seine Herkunft. Aufgewach­sen ist Marc Chesney in Paris. Das diskussionsfreudige Elternhaus prägt ihn ebenso wie die Internationalität der französischen Hauptstadt in den 1970er-Jahren. Als jüngstes von fünf Kindern entscheidet sich Marc Chesney für das gleiche Studienfach wie schon zwei seiner Geschwister – die Mathematik. In seiner Jugend ist Marc Chesney poli­tisch interessiert, aber er lässt sich Zeit bei der Meinungsbildung.

Das scheint bis heute zu gelten: Marc Chesney will es nicht besser wissen als andere, er will besser verstehen. So will er etwa die Logik und die Macht des Finanzsektors verstehen und wechselt des­halb während des Studiums von der Mathematik in die Wirtschaftswissenschaften. Für die Dissertation zieht er ein erstes Mal in die Schweiz und beschäftigt sich an der Universi­tät Genf mit komplexen Finanzprodukten. Zurück in Paris, wird er Professor für Fi­nanzwissenschaft und dank seines Fachwissens Leiter eines Forschungszentrums, das sich der Geldwäscherei widmet.

Schlanke Regulierung

Im Jahr 2003 zieht Marc Chesney ein zweites Mal in die Schweiz. Er wird Professor an der UZH. Je mehr er sein Wissen über den Finanzmarkt vertieft, desto klarer erkennt und kritisiert er dessen Auswüchse. Besonders gefährlich findet er die undurchschauba­ren Finanzprodukte, mit denen Grossbanken und Hedge Fonds wie in einem Casino Wet­ten abschliessen, statt in die Realwirtschaft zu investieren: «Das ist Risikoschöpfung statt Wertschöpfung.»

Aber Chesney bleibt nicht bei der Kritik stehen, sondern zeigt auch Alternativen auf. Die aus seiner Sicht nötige Regulierung des Finanzmarktes etwa soll nicht ausufernd, sondern einfach und effizient sein. Zentrale Punkte dabei: Banken müssen einen Eigenkapitalanteil von 30 bis 40 Prozent aufweisen, und Finanzprodukte sollen sich zertifizieren lassen, um nachzuweisen, dass sie gesellschaftlich und ökono­misch keinen Schaden anrichten.

Ein ebenso einfacher wie radikaler Vorschlag, den Marc Chesney derzeit mit ausarbeitet, ist die Mikrosteuer. Jede elektronische Finanztransak­tion, von der Banküberweisung bis zum Aktienkauf, soll mit einem gerin­gen Prozentsatz besteuert werden – beispielsweise 0,2 Prozent. Mit den Einnahmen lies­sen sich in der Schweiz im grossen Stil andere Steuern reduzieren oder abschaffen. Gleichzei­tig würde die Mikrosteuer das Volumen dubioser Finanztransaktionen verklei­nern und die Wirtschaft dadurch stabiler werden. «Die Verantwortung für eine nachhal­tige Wirtschaft liegt aber nicht nur beim Finanzmarkt, sondern auch bei den Hochschu­len», ist Chesney überzeugt.

Die Verantwortung der Lehre

Nach dem Beginn der Finanzkris­e hat er an der UZH zwei Vorlesungen zum Thema «Nachhaltige Finance» mitkonzipiert. Dass immer mehr Studierende sie besuchen, freut ihn. Jetzt überlegt er sich, einen Master-Studiengang oder ein Weiterbildungsangebot zu entwickeln.

Menschlich­keit, Gerechtigkeit und Verantwortung sind zentrale Werte für Marc Chesney. Das habe nichts mit linker oder rechter politischer Anschauung zu tun, sondern sollte selbstverständlich sein: «Die Aufgabe der Wirtschaft ist es, dazu beizutragen, dass die Menschen ein gutes Leben führen können.» Es ist für ihn problematisch, dass die Chi­cago-Schule, die eine zügellose Deregulierung der Märkte fordert, in den Wirtschaftswissenschafte­n quasi ein Monopol des Denkens ausübt. «Es braucht neue Konzepte und Paradigmen in der Ökonomie, damit diese im Dienst der Gesellschaft steht», so Chesney.

Die UZH erlebt er als offen im Denken. Dass er 2015 zum Direktor des Departments of Banking and Finance ernannt wurde, scheint das zu bestätigen. Sein kritisches Denken war kaum der Grund für die Wahl – aber offensichtlich auch kein Hinde­rungsgrund. Kritik an Auswüchsen des Finanzwesens übe er aber nur in seinem eigenen Namen, betont er. Das ist umso wichtiger, als er derzeit erstmals von der Kritik zur politischen Aktion schreitet. Er hat einen Verein mitgegründet, der eine Volksinitiativ­e für eine Mikrosteuer lancieren will. Parallel dazu startet Chesney demnächs­t experimentelle Forschung zur Mikrosteuer – gesellschaftlich relevante For­schung.

Adrian Ritter ist Redaktor UZH News.

1 Leserkommentar

Renato Orengo schrieb am Der Wolf und das Lamm Es ist gut, dass Marc Chesney und andere hellsichtige Menschen die Gesellschaft vor den Folgen unverantwortlichen Finanzgebarens weniger (oder vieler?) Banken warnen. Keine Bank erhöht jedoch ihren Eigenkapitalanteil ohne Zwang auf 30 - 40 %, und keine verzichtet freiwillig darauf, sich notfalls vom Steuerzahler retten zu lassen. Argumente für den Erhalt des status quo wie auch für Änderungen in die eine oder andere Richtung gibt es zu Hauf. Doch werden sie auch gehört? Das Problem ist doch, dass nicht die stärksten Argumente stechen, sondern die Argumente der Stärksten. In einer Fabel La Fontaines argumentiert der Wolf in hanebüchener Weise gegen das Lamm und wird von diesem intellektuell rettungslos an die Wand gedrückt. Aber was hilft’s? Schliesslich frisst der Wolf das Lamm doch. Das heisst: Es zählt die Macht, nicht die Vernunft. Fazit: Wer der Vernunft zum Sieg verhelfen will, muss sich zuerst die entsprechende Macht verschaffen. Das ist für Demokraten nicht einfach!

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