Reformation

«Die Welt wurde weltlicher»

Die Reformation setzte Ressourcen für das irdische Leben frei, sagt Peter Opitz. Mit dem Theologen sprachen Roger Nickl und Thomas Gull darüber, wie Zwingli und seine Mitstreiter Religion, Denken und Kultur veränderten.

Roger Nickl und Thomas Gull

Ulrich Zwingli
Ulrich Zwingli
«Heute würde Ulrich Zwingli Gerechtigkeit und Fairness fur alle Handels- und Geschäftsbeziehungen fordern und hervorheben, dass letztlich alles dem Gemeinwohl dienen soll», sagt Professor Peter Opitz im Interview über den Zürcher Reformator.

 

Herr Opitz, in diesem Jahr wird des Beginns der Reformation vor 500 Jahren gedacht. Wie viel Reformation, wie viel Zwingli steckt heute noch in unseren Köpfen?

Peter Opitz: Mehr, als wir denken. Die Reformation war ein religiöser Umbruch, sie leitete aber auch einen kulturellen und weltanschaulichen Umbruch ein, der zu unserem neuzeitlichen Selbst- und Weltverständnis beigetragen hat. Sie prägt uns bis heute sehr stark.  

Welche Aspekte des reformierten Denkens prägten unsere Kultur und unsere Mentalität?

Beispielsweise hat Zwingli stark unterschieden zwischen Gott und Welt, Schöpfer und Geschöpf. Eine solche kategoriale Trennung bedeutete, dass Gott nicht mehr an bestimmte Gegenstände oder kirchliche Riten gebunden ist und «herbeigefeiert » werden kann. Damit veränderte sich nicht nur der Gottesgedanke, auch das Leben in der Geschöpfwelt erhielt eine andere Qualität. Zunächst hat die Reformation die Kirche, die im Katholizismus als hierarchische Vermittlungsinstanz zwischen Gott und den Menschen verstanden wurde, neu gedacht und die Beziehung zwischen Mensch und Gott neu definiert. Die Kirche als Vermittlerin des Heils mittels geweihter Menschen und Sakramente wurde abgeschafft. Neu war die Kirche die Versammlung aller, die gleichsam direkt Kontakt zu Gott hatten.

Welcher Gedanke steht da dahinter?

Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Gnadenlehre der Reformation, die besagt, der Mensch werde durch die Gnade Gottes – durch einen freien, von Gott ausgehenden Akt der Zuwendung – in die Gemeinschaft Gottes aufgenommen; und dies allein durch seinen Glauben, nicht auf Grund guter Taten, religiöser Anstrengung oder irgendwelcher Vermittlungsinstanzen.

Welche Konsequenzen hatte das für die Menschen?

Die Gläubigen mussten sich in der Folge nicht mehr um das Heil im Jenseits bemühen wie im Katholizismus. Das setzte Ressourcen – zeitliche und finanzielle – für das irdische Leben frei. Wenn sich Gott nicht mehr an bestimmten, heiligen Orten materialisiert, wenn es weder heilige Orte noch heilige Zeiten noch heilige Dinge gibt, wird die Welt weltlicher. Der Mensch bekommt in der Folge mehr Zeit und mehr Legitimität, seine Gesellschaft und Umwelt zu gestalten, er erhält aber auch mehr Verantwortung.

Peter Opitz
Peter Opitz
«Die Reformation machte den nüchternen Blick auf die Welt möglich»: Professor Peter Opitz (Bild: UZH)

Wie manifestierte sich dieses neue theologische Denken im 16. Jahrhundert konkret?

Zunächst einmal wurde die Kirche umgestaltet. Der christliche Zürcher Stadtstaat entmachtete die römische Bischofskirche und organisierte sich während der Reformation neu als kirchliche Gemeinde.

Also ohne die klerikalen Hierarchien, wie sie in der katholischen Kirche üblich sind und waren?

Genau. Was man bei dieser Umgestaltung erkannte, war, dass Kirche und Welt keine ewigen, unveränderbaren Ordnungen sind. Sie entsprechen keinem ewigen göttlichen Gesetz, in das man hineingeboren wird und in dem man stirbt. Es wuchs die Einsicht, das die Menschen die religiösen, sozialen und politischen Ordnungen selber gestalten konnten und mussten. Deshalb konnten in der Folge alle Lebensbereiche aus religiös legitimen Gründen verändert werden.

Längerfristig konnten sich Könige und Fürsten nicht mehr so leicht auf ein Gottesgnadentum berufen; man begann, die beste Regierungsform zu diskutieren, und die Bauern forderten Transparenz im Blick auf die Verwendung ihrer Zinsen und Abgaben. Aus der Einsicht, dass man die Gesellschaft verbessern kann, erwuchsen Impulse für Optimierungen im Armenwesen und in der Bildung – bis hin zu Fragen der Gesundheit und der Naturforschung.

So gesehen war die Reformation ein regelrechter Umsturz des Denkens?

Ich habe jetzt historisch ein wenig über das 16. Jahrhundert hinausgeblickt. Wenn man sich die Gesellschaft in den wenigen Jahrzehnten der eigentlichen Reformationszeit anschaut, ging diese weltanschauliche Transformation natürlich nicht so schnell vor sich. Theologische oder auch philosophische Einsichten brauchen ihre Zeit, um ganze Mentalitäten zu prägen. Zum Beispiel glaubte man auch in protestantischen Kreisen im 17. Jahrhundert noch an Hexen. Diese magischen Aspekte von Religion verschwanden erst allmählich.

Ermöglichte die Reformation damit auch den wissenschaftlichen Blick auf die Welt?

Sie machte den nüchternen Blick auf die Welt möglich. Man muss sich vorstellen: Die Naturforscher im 16. Jahrhundert gewannen ihr Wissen nicht in erster Linie aus der Beobachtung von Phänomenen; dieses Wissen stammte vielmehr aus dem Schöpfungsbericht der Bibel und den Naturschriften des Aristoteles. Der Naturforscher Konrad Gessner (1516–1565) begann demgegenüber, Tiere und Pflanzen konkret zu beobachten, zu zeichnen und zu katalogisieren. Das war in dieser Zeit eine enorme Zuwendung zur Realität. Gessner war ein theologischer Schüler Zwinglis. Der Astronom Johannes Kepler baute später ein Fernglas, um den Himmel zu erforschen, er ging damit noch einen Schritt weiter, indem er ein spezielles Erkenntnisinstrument konstruierte. Kepler und Gessner stehen aber in derselben Entwicklungslinie.

Das heisst, kein Kepler und kein Gessner ohne die Reformation?

Das kann man so sagen. Es war Zwingli, der Gessner ein Stipendium verschaffte, und Kepler hat evangelische Theologie studiert und wollte zunächst Pfarrer werden.

Weshalb konnte sich die Reformation überhaupt durchsetzen in der damaligen katholischen Welt? Und konkret in Zürich?

Die Durchsetzung der Reformation als geschichtliche Bewegung war eine politische Sache. Es gelang den Reformatoren, politische Verantwortungsträger für sich zu gewinnen. Das Autonomiestreben der Städte wie beispielsweise Zürich war aber schon vorher ausgeprägt. Die Reformation erlaubte Stadträten oder auch Landesfürsten nun, die katholische Kirche weiter zurückzudrängen und dadurch weitere Unabhängigkeit zu gewinnen – etwa in der Rechtsprechung. Diese lag vorher in vielen Bereichen in der Kompetenz des Bischofs. Auch finanziell war es ein Gewinn, wenn Klöster aufgelöst wurden und das Geld dem Staat zufloss. Solche gesellschaftlichen und politischen Umstände haben sicher viel dazu beigetragen, dass sich die Reformation unter anderem in Zürich durchsetzen konnte.

Das heisst, die Reformatoren rannten da offene Türen ein?

Ja, sie kamen dem Autonomiestreben vieler Orte entgegen. In gewisser Weise wurde dieses aber auch wieder gezähmt, jedenfalls was die Landbevölkerung anging. Vielleicht ist hier 1525 ein entscheidendes Jahr. Nachdem Luther in Deutschland schnell sehr populär geworden war, wurden die Bauern in ihren Hoffnungen enttäuscht. Gemeinsam mit katholischen haben die protestantischen Fürsten die damals aufflammenden Bauernaufstände mit aller Gewalt niedergeschlagen, ohne den Anliegen der Bauern entgegenzukommen. Luther hat sie dabei unterstützt, was zu einer Ernüchterung führte.

Mit welchen Folgen?

Von diesem Zeitpunkt an spricht man von der «Fürstenreformation» im Deutschen Reich. Luther war in der Folge abhängig von den Fürsten. Sie haben ihn zwar beschützt und seine Ideen in gewisser Weise gerettet; sie haben ihm aber auch gesagt, wie sich die Reformation künftig weiterzuentwickeln habe. Das war nicht immer im Sinne Luthers.

Ähnliches gilt für Zwingli. Auch in Zürich machten die Bauern und die radikal-reformatorischen Täufer für den neuen Glauben mobil. Die Zürcher Räte waren bemüht, die Zügel in den Händen zu behalten. Sie haben das dann auch geschafft und die Reformation konsolidiert, aber auch deutlich kanalisiert, und Zwingli musste an einigen Punkten Abstriche machen, was auch für die Landbevölkerung, besonders aber für seine «radikalen» ursprünglichen Anhänger, die Täufer, gilt.

Wie würde die Welt heute aussehen ohne Reformation und ohne Zwingli?

Das kann ich nicht sagen. Und anzufügen ist natürlich, dass nicht die ganze Weltgeschichte der letzten 500 Jahre auf die Reformation zurückzuführen ist. Da wären auch andere Kräfte zu nennen. Etwa das humanistische Denken, das sich schon vor der Reformation ausgebreitet hatte. Bereits im 14. und 15. Jahrhundert griff man auf das Wissen der Antike zurück und entdeckte vorchristliche Weisheiten neu. Ansatzweise wurde schon dort ein neues Menschenbild entwickelt, in dem der Freiheits- und Individualitätsgedanke wichtig war.

Allerdings ist die Sache kompliziert: Gerade die Reformation integrierte den Humanismus und war auch von ihm inspiriert, so dass man von einer gegenseitigen Befruchtung und Förderung sprechen kann. Und die Aufklärung wäre zwar ohne die Reformation schwer denkbar, schliesslich stammten die meisten – aber nicht alle – ihrer Vordenker aus dem Protestantismus, nicht selten aus verfolgten protestantischen Minderheiten. Sie brachte aber durchaus Neues und Eigenständiges.

Ulrich Zwinglis Denken war sehr sozialkritisch – was würde der Reformator heute kritisieren, wogegen würde er ankämpfen?

Zwingli war gegen das Söldnerwesen. Er sprach sich dagegen aus, dass Schweizer mit dem Töten von Menschen im Ausland Geld verdienten. Heutzutage würde er sich sicher für ein Ausfuhrverbot von Waffen aussprechen. Zwingli würde den Handel fördern und Handelsbeziehungen unterstützen. Er hätte auch nichts gegen Geldverleih und massvolle Zinsen. Allerdings würde er Gerechtigkeit und Fairness für alle Handels- und Geschäftsbeziehungen fordern und hervorheben, dass letztlich alles dem Gemeinwohl dienen soll und nicht dem Vorteil eines Einzelnen auf Kosten der Gemeinschaft.

Zur Person

Peter Opitz ist Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich und Leiter des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte. Er interessiert sich im Besonderen für die reformierte Reformation und Theologie und ihre Wirkungsgeschichte bis heute.

Roger Nickl und Thomas Gull sind Redaktoren des UZH-Magazins.

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