Antike

Attische Nächte

In seinem Werk «Attische Nächte» huldigte der Autor Gellius im zweiten Jahrhundert der feinsinnigen griechischen und römischen Bildung. Der Titel ist Programm: Für seine Textsammlung arbeitete er die Nächte durch. Die Philologin Beate Beer hat sein Werk neu analysiert.

Marita Fuchs

Beate Beer
Beate Beer
Beate Beer erschliesst in ihrer Habilitation fremde Welten. Unterstützt wurde sie vom Forschungskredit der UZH. (Bild: Marita Fuchs)

 

Strassenszene im antiken Rom: Ein junger Mann holt mit grosser Geste aus und erzählt einer Gruppe von Umstehenden, er kenne alle Schriften des berühmten Politikers und Geschichtsschreibers Sallust. In der Runde steht auch Aulus Gellius, der die Szene scharf beobachtet. Er registriert, wie der Gelehrte Sulpicius Apollinaris auf den Plan tritt und den jungen Angeber auf die Probe stellt, indem er ihn nach einer bestimmten Textstelle fragt. Darin ist von einem gewissen Cornelius Lentulus die Rede, von dem man nicht sagen könne, ob er eher dumm oder eher eitel sei (stolidiorne esset an vanior). Sulpicius Apollinaris möchte von dem jungen Aufschneider wissen, was diese Adjektive in ihrer Gegenüberstellung bedeuten. Der Prahlhans kommt ins Schwitzen, windet sich und redet sich heraus. Die entsprechende Textstelle trifft nun auf ihn selbst zu: Er erscheint eitel und dumm.

Doppelt gerichtet

Szenen wie diese, in denen ein Missetäter entlarvt wird, ohne direkt attackiert zu werden, beschreibt der römische Autor Aulus Gellius in seinem Werk «Attische Nächte» zuhauf. Als «doppelt gerichtet» beschriebt Beate Beer solche Textstellen bei Gellius. Beate Beer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Griechische und Lateinische Philologie und hat sich in ihrer Habilitation, die vom Forschungskredit der UZH unterstützt wurde,  mit Gellius’ Werk «Attische Nächte» befasst. Viele der in den Noctes Atticae gesammelten Anekdoten und Begebenheiten spielen in Rom und Italien. Gellius begann dieses Werk, das sein einziges bleiben sollte, während seines Aufenthaltes in Athen. Er hat dann aber in Rom bis zu seinem Lebensende daran weitergearbeitet.

Das umfangreiche Werk, das 400 Kapitel zählt, wurde von den Zeitgenossen geschätzt, weil er einfach, prägnant und leserfreundlich schrieb. Somit könnte man Gellius als Reader's-Digest-Autor beschreiben, der kleine Szenen auf jeweils einer Buchseite zusammentrug. Ziel seiner schriftstellerischen Bestrebungen war es, seinem Publikum Bildungsinhalte zu vermitteln. Dabei war er sichtlich bemüht, sich mit illustren Namen von Gelehrten und Gebildeten zu schmücken. Er huldigte dabei der griechischen Kultur, die er zum Massstab für die eigene machte. Gellius stellte neben Werke und Persönlichkeiten der griechischen Kultur gerne solche der römischen. Es scheint, dass er so die eigene Kultur aufwerten und ihre Vergleichbarkeit mit der griechischen hervorheben wollte.

Gebildete Tischgespräche

In Rom hatte die Bildung einen genauso hohen Stellenwert wie im antiken Griechenland. Gellius lebt im 2. Jh. n. Chr., es war die Zeit der zweiten Sophistik. Sie war geprägt von der Vorstellung der Überlegenheit griechischer Kultur. Im griechischen Raum wurde Bildung in besonderem Masse zur Identifikationsstiftung und zur Legitimation von Machtansprüchen instrumentalisiert. Textstellen auswendig herzusagen und zu kennen, war ein beliebtes Gesellschaftsspiel.

So war es üblich, Wissensfragen zu stellen wie zum Beispiel: «Bei welchem der alten Dichter ist das Wort verant zu finden?» Verare war sicher ein sehr seltenes Wort. Überliefert ist es einzig durch Gellius, der das Rätsel am Ende des Kapitels auflöst und eine Stelle bei Ennius zitiert.

Fragen wie die eben genannte konnten nur diejenigen beantworten, die eine gute Ausbildung genossen hatten. Das traf nur auf Angehörige einer kleinen Elite zu. Gellius gehörte eher zum niedrigen Adel, doch seine Anekdoten, kurzen Erzählungen und zuweilen auch satirisch-kritischen Beiträge stehen ganz im Bestreben, zu den Gebildeten zu gehören. Über seine Beobachtungen führte er Buch und trug sie in langen Nächten bei Kerzenschein zusammen. In Rom wird er tagsüber wohl als Jurist gearbeitet haben, aber viel mehr weiss man über Gellius’ privates Leben nicht.

Dafür können Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen viel aus seinem Werk «Attische Nächte» über das Leben der Griechen und Römer zu damaliger Zeit herauslesen. Allerdings wurden Gellius’ Texte – im Gegensatz zu Gellius’ Zeitgenossen, die sein Buch als unterhaltsame Lektüre schätzten – von Forschenden lediglich als Testimonien-Sammlung und Quelle für Informationen über das Alltagsleben herangezogen. Forschte man zum Beispiel über Tischsitten in der Antike, so schaute man bei Gellius, ob sich entsprechende Textpassagen und damit Belege finden liessen.

Neuer Zugang

Beate Beer machte es sich zur Aufgabe, das Werk mithilfe von narratologischen Kriterien als einen literarischen Text zu lesen. Damit hat sie einen neuen Zugang zu dem Werk erschlossen. Sie untersuchte die Handlung, die Erzählerposition, die Figuren, die literarische Konstruktion von Raum und Zeit. Dabei liess sie sich von folgenden Fragen leiten: Um welche Textsorte handelt es sich? Mit welcher Absicht schrieb Gellius, wollte er ein nützliches Handbuch schreiben oder wollte er Leser in unterhaltender Absicht ansprechen? Im Ergebnis hat Gellius wohl für beide geschrieben, für diejenigen, die sich unterhalten und für diejenigen, die sich bilden wollten. Bildung und Unterhaltung waren für Gellius und seine Zeitgenossen wohl weniger stark voneinander getrennt als für uns. Beides fiel in die Freizeit und die Mussestunden.

Unser nächstes Fremde

Dass Gellius nun zur Schullektüre oder zum Pflichtstoff der Altphilologie werde, bezweifelt Beer. «Es gibt so viele andere bedeutende römische Autoren», sagt sie. Da sie am Seminar für Griechische und Lateinische Philologie lehrt und am Sprachenzentrum Studierende zum Latinum führt, muss sie es wissen. Unabhängig vom Autor gehe es bei der Lektüre lateinischer Schriften immer darum, sich eine fremde Welt zu erschliessen.  Schliesslich sei die Antike, einem bekannten Bonmot gemäss, «unser nächstes Fremdes».

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News

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