Fintech

Finanzwesen im Umbruch

Algorithmen als Anlageberater und Kredite von Privaten: Der Finanzsektor wird durch die Digitalisierung umgewälzt. Das «Swiss FinTech Innovation Lab» an der Universität Zürich erforscht das Potenzial neuer Technologien für den Finanz- und Versicherungsmarkt.

Adrian Ritter

Börsenkurse
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Zentrale Fragen rund um Fintech: Welche Art von Beratung wünschen die Kunden in Zukunft? Inwiefern werden Algorithmen dies übernehmen können? (Bild: Wikimedia/Alla Ajifo)

 

Die Provokation sass: Als Jamie Dimon, Chef der US-Grossbank JPMorgan Chase, kürzlich an einer Investorenkonferenz den Bitcoin als «Betrug» bezeichnete, sackte der Kurs der Kryptowährung kurzfristig ab. Tragisch war das nicht, im Vergleich zur Kursexplosion von mehreren Hundert Prozent seit Anfang Jahr. Dimon warnte die Anleger vor grossen Verlusten – Bitcoin werde in einem Crash enden. Bitcoin-Anhänger kritisierten seine Aussagen umgehend. Er schüre Angst, weil das etablierte Finanzsystem bedroht sei. Bitcoin diene den Bürgern aber weit besser als das herkömmliche Banksystem.

«Eines zeigt dieser Konflikt ganz klar: Das Finanzwesen ist im Umbruch», sagt Thomas Puschmann. Der Wirtschaftsinformatiker ist Direktor des «Swiss FinTech Innovation Lab» der Universität Zürich. Das Lab wurde 2016 vom Institut für Informatik und vom Institut für Banking und Finance der UZH gegründet. Die zentrale Forschungsfrage des Labs: Wie lässt sich Fintech – also moderne Technologie im Finanzwesen – nutzen, um den Finanz- und Versicherungsplatz Schweiz fit zu machen für die digitale Zukunft?

Konkurrenz durch Start-ups

Die Herausforderungen der Branche sind gross. «Der Schweizer Finanzplatz ist international stark unter Druck – gross ist insbesondere die Konkurrenz in Singapur und Hongkong», sagt Puschmann. Zudem setzten die Finanzkrise und die Digitalisierung der Branche zu, wobei die beiden Phänomene miteinander verbunden seien: «Nach der Finanzkrise war das Vertrauen erschüttert, Alternativen zu den etablierten Banken wurden attraktiv. Gleichzeitig gründeten wegen der Finanzkrise entlassene Banker eigene Start-ups im Fintech-Bereich.»

So entstand den Banken eine vielfältige neuartige Konkurrenz – von Apps für mobile Finanztransaktionen über vollautomatisiertes Geldanlegen aufgrund von Algorithmen (Robo-Advisor) bis zu Crowdfinancing, bei dem Privatpersonen sich gegenseitig Kredite verleihen. Der Trend hat unter dem Namen Insurtech auch den Versicherungsbereich erreicht – etwa mit mobilen Anwendungen für Schadenmeldungen oder Apps, die für die Versicherten nach günstigeren Policen suchen.

Braucht es Banken in Zukunft überhaupt noch? «Ja und Nein», sagt Thomas Puschmann: «Tatsache ist: Die Zahl der Banken in der Schweiz und weltweit sinkt und das verbleibende Netz der Filialen schrumpft.» Die zentralen Fragen lauten daher: Welche Art von Beratung wünschen die Kunden der Zukunft? Inwiefern werden Algorithmen dies übernehmen können?

Gemäss Schätzungen könnten aufgrund der Digitalisierung bis zu 50 Prozent der Arbeitsplätze im Bankbereich verschwinden, sagt Puschmann. Die umgekehrte Frage lässt sich noch nicht beantworten: Wie viele Jobs werden aufgrund der Digitalisierung neu entstehen – und wo entstehen sie? « Es wird wohl weiterhin Banken geben, aber Teile ihrer Dienstleistungen werden in Zukunft durch neue Akteure wie Start-ups angeboten», so Puschmann.

Thomas Puschmann
Thomas Puschmann
«Die Umwälzung durch Fintech wird grösser sein als wir es uns vorstellen können»: Thomas Puschmann, Direktor des Swiss FinTech Innovation Lab der UZH. (Bild: Adrian Ritter)

Hoffnung Blockchain

Klar ist, dass auch die Banken zunehmend auf die neuen Technologien setzen. Jamie Dimon von JPMorgan Chase mochte zwar an der kürzlichen Konferenz den Bitcoin kritisieren, gleichzeitig lobte er aber die Blockchain-Technologie. Dabei ermöglicht ein dezentrales Netz von Rechnern sichere Transaktionen. So lassen sich sekundenschnell global Werte verschieben – Geld oder Bitcoins, aber auch immaterielle Werte wie Verträge oder Grundbucheinträge.

Die Banken investieren inzwischen Millionenbeträge in die neue Technologie, weil sie sich Kosteneinsparungen davon versprechen. Auch Thomas Puschmann sieht in der Blockchain ein grosses Potential für den Finanzmarkt.

Nachdem die Fintech-Welle im Silicon Valley begann und dann nach Europa überschwappte, ist China jetzt bemüht, eine Führungsrolle zu übernehmen. Beim Mammutprojekt einer neuartigen Seidenstrasse investiert die chinesische Regierung nicht nur Milliarden in die Infrastruktur wie neue Strassen, Bahnlinien und Häfen, sondern plant auch in eine noch nie dagewesene digitale Infrastruktur: Eine Blockchain, die mehr als 60 Staaten umfasst und den Handel zwischen ihnen vereinfacht. Auch die Schweiz ist an den Gesprächen beteiligt. «Als neutraler Staat mit einem starken Finanzplatz, hervorragenden Hochschulen und viel technologischem Knowhow wäre die Schweiz prädestiniert, eine solche Blockchain mitzuentwickeln», ist Puschmann überzeugt.

Digitale Weltwährung?

Möchte die Schweiz eine führende Rolle hierin übernehmen, bräuchte es allerdings gemäss Puschmann einen Innovationsschub: «Bisher taucht die Schweiz in den Fintech-Rankings meist noch gar nicht auf.» Nötig wären unter anderem mehr Forschung und die bessere Vernetzung von Wissenschaft und Praxis.

Das Swiss FinTech Innovation Lab der Universität Zürich will genau dies leisten. Das Lab am Standort Oerlikon der UZH betreibt Forschung und Lehre zu Fintech und Insurtech. Dazu gehört Grundlagenforschung in Informatik, Banking und Finance sowie angrenzenden Gebieten wie Recht und Betriebswirtschaftslehre. Geforscht wird etwa an den Fragen: Wieweit kann digitale Kundenberatung das Gespräch von Mensch zu Mensch ersetzen? Wie könnte eine internationale Gesetzgebung zum Thema Blockchain aussehen?

«Letztlich sollen aus der Tätigkeit des Swiss FinTech Innovation Lab vor allem auch neue Start-ups entstehen», so Puschmann. Erfolgreiche Beispiele gibt es bereits: Die Firma Contovista etwa ist ein Start-up der UZH. Das Jungunternehmen hat sich auf die grafische Darstellung von Finanzdaten spezialisiert. Wer in seinem Bankkonto neuerdings grafisch dargestellt sieht, wofür er sein Geld ausgeben hat und wie er sich dabei von anderen Kontoinhabern unterscheidet, blickt häufig in eine Applikation von Contovista.

Und das war erst der Anfang, ist Thomas Puschmann überzeugt: «Die Umwälzung durch Fintech wird grösser sein als wir es uns vorstellen können. Wer weiss, vielleicht bezahlen wir in Zukunft zum Beispiel in einer weltweit einheitlichen digitalen Währung.» Ob Jamie Dimon von JPMorgan Chase wohl Freude daran hätte?

Fintech in Phasen

Endlich Geld abheben, wann man will! Als die Schweizerische Bankgesellschaft 1967 den ersten Bancomaten der Schweiz an der Zürcher Bahnhofstrasse in Betrieb nahm, war die Begeisterung gross. Es war gleichzeitig die Geburtsstunde von Fintech – der Nutzung von Technologie im Finanzwesen.

Die zweite Phase von Fintech begann in den 1990er-Jahren und betraf vor allem das Backoffice: Interne Prozesse wie der Zahlungsverkehr wurden automatisiert – und dabei bisweilen gleich ins Ausland verlagert. Parallel dazu kam in der zweiten Phase das Onlinebanking auf.

In der dritten Phase von Fintech entstanden nach der Finanzkrise von 2008 Start-ups, die sich mit ihren Angeboten als neue Konkurrenz zwischen Kunde und Bank schoben: mit mobilen Apps etwa für den Zahlungsverkehr oder automatisierten Anlageberatungs-Apps.

Die seit etwa 2015 laufende vierte Fintech-Phase könnte zu einer gänzlich neuen Infrastruktur für den Finanzmarkt führen – Stichwort Blockchain. Damit würde es möglich, alle Arten von Werten über das Internet zu transferieren.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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