Jahrestagung UFSP Finanzmarktregulierung

Best Practice, Boards und Boni

Ticken angelsächsische Banken anders als Schweizer Finanzinstitute? Und mit welchem Anreizsystem würde man am schnellsten eine Finanzkrise provozieren? Die Jahrestagung des Universitären Forschungsschwerpunkts (UFSP) Finanzmarktregulierung stand im Zeichen von lebhaften Debatten über Corporate Governance in der Finanzindustrie.

Claudio Zemp

Alexander Wagner, Rolf Sethe und Kern Alexander (v.l.n.r.)
Alexander Wagner, Rolf Sethe und Kern Alexander (v.l.n.r.)
Experten zur Regulierung des Finanzplatzes: Alexander Wagner (l.) und Kern Alexander (r.) sprachen an der Tagung des UFSP Finanzmarktregulierung. Rolf Sethe (Mitte) ist Leiter des Forschungsschwerpunktes. (Bild: Claudio Zemp)

 

Die jüngste Finanzkrise, welche die Welt ab 2007 durchschüttelte, ist mittlerweile gut erforscht. Die zeitliche Distanz erlaubt der Forschung auch eine kritische Auseinandersetzung mit den Reaktionen der Regulatoren und Aufsichtsbehörden. «Nachher ist man immer gescheiter», sagte dazu Swiss Finance Institute Professor Alexander Wagner vom Institut für Banking und Finance zu Beginn seines pointierten Referats an der 5. Jahrestagung UFSP Finanzmarktregulierung, die am Mittwoch an der UZH stattfand. Wagner stellte in seinem Vortrag die provokative Frage, wieso bei der Mehrzahl der Banken heute ähnliche Anreizsysteme in Kraft sind – und wies darauf hin, dass viele verwendete Systeme keineswegs so risikofrei seien, wie gemeinhin angenommen werde.

Wagner beleuchtete insbesondere die verbreitete Obergrenze für Boni kritisch. Das sei kein Allheilmittel. Wagners Untersuchungen zeigen, dass «caps on pay» oft unerwartete Nebenwirkungen haben. Problematisch seien auch undurchsichtige Anreizsysteme. Vor der Finanzkrise sei das riskante Handeln der Bank-Manager im Übrigen durchaus mitunter im Sinne der Aktionäre gewesen. Denn bis zur Krise hätte sich das riskante Verhalten schliesslich für alle ausgezahlt.

Einen weiteren Kontrapunkt zur herkömmlichen Sichtweise setzte Wagner beim Thema Struktur der Vergütung. Auch Fremdkapital könne ein Bestandteil des Lohns für Angestellte von Banken sein. Gerade bei Finanzinstituten sei Fremdkapital zusätzlich zu Aktien als Vergütungselement sinnvoll, um einen Ausgleich der Interessen zu schaffen, sagte Wagner. In einer ironischen Zusammenfassung skizzierte er zum Schluss ein Rezept, wie man eine Bank mit hoher Wahrscheinlichkeit direkt in die nächste Krise führen könnte. Das erste Gebot dieser abschreckend gemeinten «Conclusion» lautete: «Richten Sie Ihr Anreizsystem nach einer «best practice» aus und denken Sie ja nicht selber.»

Comeback des Fixlohnes?

Die zahlreichen Vertreter der Finanzinstitute auf dem Schweizer Bankenplatz nahmen die steilen Thesen gerne auf. UZH-Professor Rolf Sethe stellte in der Diskussion die Frage, ob die Zeit reif sei für das Comeback des guten, alten Fix-Salärs: «Sind Boni überhaupt noch zeitgemäss?» Sethe brachte die schöne Metapher des Esels, der mit einem bunten Strauss von Karotten zu immer schnellerem Trab angehalten wird. Andere Teilnehmende gaben in der Diskussion zu bedenken, dass das Lohn-Reglement einer Bank nicht nur der Mitarbeitermotivation diene, sondern auch der Bindung – sowohl in guten wie in schlechten Zeiten. Es sei insbesondere in Krisensituationen schwierig, Mitarbeiter in Schlüsselpositionen zu halten, gab ein Teilnehmer zu bedenken. Auch dazu müsse das Lohnreglement einer Bank weitsichtig und klug gestaltet sein.

Einig war sich die Runde darin, dass die Anreizsysteme einfacher und ausgeglichener werden sollten. Seit der Finanzkrise müssen die Verantwortlichen der Vergütungs-Reglemente der Banken auch Reputationsrisiken bedenken. Wenn es zu einem überraschend hohen Rekord-Bonus für den Chef komme, sei der Aufschrei der Öffentlichkeit gewiss. Und die gewünschte Verschleierung von leistungsfördernden Bonus-Elementen wirke kontraproduktiv. 

Vertrauen als Basis

Eingeladen zur fünften Jahrestagung hatten die Professoren Hans Caspar von der Crone und Alexander Wagner, welche die Veranstaltung auch moderierten. Die Jahrestagung des Forschungsschwerpunktes Finanzmarktregulierung an der UZH ist jeweils ein Ort des Austausches für Forschende, Vertreter der Wirtschaft und für die Regulatoren. Sie stand im Zeichen der internationalen Governance und bot den anwesenden Experten Gelegenheit für Debatten.

Eröffnet wurde die Tagung durch Prorektor Christian Schwarzenegger. Im ersten Referat nahm der Präsident des Verwaltungsrates der Swiss Re, Walter B. Kielholz, eine umfassende Standortbestimmung zum Financial Stability Board vor. Er ging dabei höchst anschaulich auf die politische Ökonomie der Finanzmarktregulierung ein. Der Spezialist für Finanzmarktrecht an der UZH, Professor Kern Alexander verglich anschliessend in seinem Vortrag die Regeln des Finanzplatzes London mit jenen der Schweiz. Am Beispiel der britischen Bank Barclays und der UBS illustrierte Alexander, wie wichtig die interne Unternehmenskultur sei.

Ein Risikobewusstsein im Verwaltungsrat allein genüge nicht, sagte Alexander in seiner Analyse. Die Banken müssten auch den Dialog mit der Öffentlichkeit stärker pflegen. Oft hätten Banken in der Vergangenheit kein geschriebenes Gesetz gebrochen, und trotzdem mit riskanten Produkten ihre Kunden geschädigt. Hier seien auch die Verwaltungsräte in der Pflicht, die Risiken richtig einzuschätzen, meinte Alexander. Er zitierte den ehemaligen Gouverneur der Bank of England, Lord Mervyn King, der 2015 festgestellt hatte, dass sich die Grösse, Natur und Kultur des Bankenwesens wesentlich verändert habe. Angesichts der steten Veränderung des Geschäfts besinnen sich die Banken wieder auf ihre Wurzeln. Denn die Basis ist und bleibt das Vertrauen der Kundschaft.

Claudio Zemp, freier Journalist

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000