Meine Alma Mater

«Ich liebe verspielte Geschichten»

Für ihren Job als Direktorin der Solothurner Filmtage erhält Seraina Rohrer viel Lob von allen Seiten. Die vielseitige Alumna der Universität Zürich überrascht aber auch mit anderen Talenten, zum Beispiel als Start-up Gründerin.

Stefan Stöcklin

Seraina Rohrer
Seraina Rohrer
Kennt sich in der lokalen und lateinamerikanischen Filmszene bestens aus: Seraina Rohrer, Direktorin der Solothurner Filmtage. (Illustration: Azko Toda)

Ein schöner Sommermorgen im Juli, ein verschlafenes Aussenquartier in Solothurn: Im Untergeschoss einer ehemaligen Benzintankstelle arbeitet Seraina Rohrer mit ihrem Team an den kommenden Solothurner Filmtagen vom Januar 2018. Das schlichte Gebäude mit den funktionellen Büros kontrastiert mit dem Glamour, den Laien der Filmwelt gerne attestieren. Absolut unprätentiös ist auch die Direktorin, die den Gast willkommen heisst und gleich beginnt, über ihre Studienzeit an der UZH und ihre Karriere zu erzählen.

Eine Karriere, die ihr so schnell keiner nach- macht: Studium, Start-up-Gründerin, Web- Entwicklerin in Mexiko, Pressechefin am Filmfestival Locarno, Doktorat, Dozentin, Direktorin der Solothurner Filmtage – um nur die wichtigsten Stationen zu nennen. Mit 39 Jahren hat die sechs Sprachen sprechende Zürcherin eine Karriere hingelegt, die ihresgleichen sucht. Und das alles mit einem Kind, das sie vor dem Studium zur Welt brachte.

Emotionale Achterbahnfahrten

Die Konstante in ihrem Leben ist die Faszination für den Film, die wie ein Vulkan aus ihr ausbrach und mit einem Missverständnis begann. Die Hippieeltern hielten sie und ihre Geschwister von audiovisuellen Medien fern und versteckten den Fernseher. «Sie dachten, diese Medien würden uns verderben», sagt sie lachend. So schaute sie im Verborgenen den ersten Film, eine Walt-Disney-Produktion über Katzen, und war zugleich hingerissen, aber auch traumatisiert, weil sie das Video ausgerechnet dann beenden musste, als die Geschichte eine negative Wendung nahm. Dass die Story schliesslich mit einem Happy End ausgehen würde, erkannte sie erst Tage später.

Die emotionale Achterbahn weckte Rohrers Interesse für Filme an sich und seine Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen. Als Heranwachsende las sie viel und besuchte die Kinos; Filme der 1990er-Jahre wie «Der grüne Berg», «Delicatessen» oder «MalcolmX» wühlten sie auf. Ein erster Auslandaufenthalt als Austauschschülerin 1995 in Houston, Texas, brachte sie mit der amerikanischen und der mexikanischen Kultur in Kontakt. Nach der Rückkehr 1997 wurde sie schwanger und mit 19 Jahren Mutter.

Interesse an Informatik und Mexiko

Weltoffen und neugierig, wie sie war, faszinierte sie sich nicht nur für die Filmwelt. In den 90er-Jahren begann auch das Internet, die Medienwelt zu verändern. Seraina Rohrer erkannte die Möglichkeiten und gründete mit Kollegen eine der ersten Internet-Start-up Firmen, eine digitale Musikbörse, die heute noch existiert. Folgerichtig trug sie sich 1999 an der Universität Zürich für ein Studium der Filmwissenschaft, Informatik und Publizistikwissenschaften ein. Sie zog das Studium aber nicht möglichst rasch durch, sondern nutzte die Freiheiten, um nebenher zu arbeiten und die Welt zu erkunden. 2002 zog sie mit Partner und Kind für anderthalb Jahre nach Puebla in Mexiko, wo sie für die Deutsche Humboldt-Schule eine Internetseite aufbaute.

Mexiko war eine Herzensangelegenheit wegen der Kultur und prosperierenden Filmindustrie. Kurz zuvor hatte «Amores perros», Alejandro Iñárritus Film über Liebe, Hass, Träume und den Tod, Furore gemacht. «Die emotionalen lateinamerikanischen Filme mit ihren verspielten Geschichten haben mir schon immer gefallen», sagt Rohrer.

Zurück in Zürich, nahm sie das Studium wieder auf, parallel dazu arbeitete sie für das Pressebüro des Filmfestivals Locarno. Die Dreifachbelastung Studium, Arbeit, Familie meisterte sie dank ihres Umfelds, insbesondere ihres Partners. So pendelte sie zwischen dem Tessin und Zürich und beendete das Studium. Danach wurde ihr die Leitung des Pressebüros zugetragen. Zwei Jahre lang führte sie dieses Amt, bevor sie nach sechs Jahren Filmfestival als 32-Jährige mit der Familie nach Los Angeles weiterzog.

Reisserisches Exploitation-Kino

Mit einer Dissertation über Low-Budget- Filme in Mexiko wandte sie sich dort wieder stärker der akademischen Welt zu. Sie vergrub sich in die Welt der B-Movies und des Exploitation-Kinos, das mit wenig Geld, aber frivolen bis gewalttätigen Geschichten Furore machte. Ein gutes Jahr lang forschte sie an der University of California in Los Angeles, besuchte Konferenzen und schrieb erste Kapitel ihrer Dissertation. Erneut zurück in Zürich, dauerte es nicht lange, bis sie zur Direktorin der Solothurner Filmtage gewählt wurde. Die Dissertation schloss sie 2012, nach der Anstellung, ab. Eine Fassung für das breitere Publikum erscheint diesen Herbst unter dem Titel «La India María: Mexploitation and the films of María Elena Velasco».

Für den Job in Solothurn erhält sie von allen Seiten viel Lob. Rohrer hat das behäbige Festival in den vergangenen sechs Jahren revitalisiert und mit einem feinen Firnis Glamour überzogen. «Ich will Filme feiern, ihre Emotionalität auskosten», sagt die Direktorin, die gleichzeitig die künstlerische und administrative Leitung des 3-Millionen-Festivals innehat. Mit ihrem erfrischenden Zugang hat sie der Schweizer Filmszene Auftrieb gegeben und die Regisseure und das Publikum näher zusammengeführt. Einen eigenen Film zu machen, interessiert sie hingegen nicht. «Ich bin Vermittlerin und Netzwerkerin», sagt die Überfliegerin.

Stefan Stöcklin, Redaktor UZH Journal

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