Gleichstellung

Eine Pionierin wird geehrt

Vor genau 150 Jahren hat Nadeschda Suslowa als erste Frau an der UZH die Doktorwürde erlangt. An der UZH gedachte man der Pionierin mit einem feierlichen Jubiläumsanlass. Zudem wurde die UZH-Forscherin Mathilde Boule mit dem Marie Heim-Vögtlin Preis geehrt.

Marita Fuchs

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Preisverleihung
Fröhlicher Anlass: An der Feier zu Ehren von Nadeschda Suslowa wurde UZH-Forscherin Mathilde Bouvel (Mitte) mit dem Marie Heim-Vögtlin Preis ausgezeichnet. (Bild: Frank Brüderli)

 

Nadeschda Suslowa war mutig. Geprägt von der Ära Zar Alexander des II, der das geistige Leben in Russland förderte, wollte sie als Ärztin Menschen helfen und sich als Frau beweisen. Das in einer Zeit, in der Frauen wenig Rechte hatten. Trotz der Reformen, die der Zar auch in der Mädchenausbildung durchsetzte, war es aber in Russland nicht möglich, dass Frauen studierten. Kein Einzelfall – überall in Europa studieren nur Männer an Hochschulen.

Und doch gab es Ausnahmen: Die Universität Zürich war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die zweite europäische Universität nach Paris, an der Frauen studieren durften. Seit den 1860er-Jahren kamen deshalb zahlreiche junge Frauen, die in ihrer Heimat nicht studieren konnten, nach Zürich; darunter viele Russinnen. Suslowa wurde im Jahr 1867 an der medizinischen Fakultät der UZH regulär immatrikuliert. Obwohl es keine Reglemente gab, zeigte sich der damalige Rektor unbürokratisch und noch im selben Jahr wurde Suslowa promoviert. Die ordentliche Promotion einer Frau war damals einzigartig, nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit.

Die jungen Russinnen an der UZH waren fortschrittlich: modern gekleidet, sie rauchten, diskutieren laut. «Sie fielen durch ihr selbstbewusstes Auftreten auf», sagte Nada Boškovska, Professorin für Osteuropäische Geschichte in ihrer Ansprache am Jubiläumsanlass «Vor 150 Jahren - Nadeschda Suslowa erste Doktorin der Universität Zürich» vom letzten Donnerstag. Die Veranstaltung wurde von der Abteilung Gleichstellung organisiert und von Christiane Löwe, Leiterin der Abteilung Gleichstellung, moderiert.

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Nadeschda Suslowa, Porträt aus den 1860er Jahren. (Bild: wikimedia, Public Domain)

Stopp nach dem Doktorat

Mit der Aufnahme von Nadeschda Suslowa an die UZH wurde vor 150 Jahren die Tür der Hochschulen für die Frauen geöffnet. Doch wie sieht die Situation für die Frauen an der UZH heute aus? Mit einem Anteil von 57 Prozent studieren an der UZH inzwischen sogar mehr Frauen als Männer. Dies sei nicht zuletzt die erfreuliche Folge einer konsequenten Gleichstellungsstrategie, sagte Rektor Michael Hengartner.

Und doch gibt es eine entscheidende Hürde: Überdurchschnittlich viele Frauen verlassen die Wissenschaft nach dem Doktorat. Deshalb ist trotz des hohen Anteils an weiblichen Studierenden der Frauenanteil auf der Stufe Professur viel zu niedrig. An der UZH beträgt der Frauenanteil bei den Professuren nur wenig über 20 Prozent.

Nicht nur gerecht, sondern auch klug

Die Gründe dafür seien mannigfaltig, sagte UZH-Professorin Klara Landau, Direktorin der Augenklinik am Universitätsspital. So würden Frauen – gerade in der Medizin – immer noch die Karriere des Mannes in den Vordergrund stellen und die eigene Karriere opfern. Landau führte Daten aus der Geschäftswelt an: So stehe die Schweiz beim Anteil von Frauen in Verwaltungsräten weltweit nur auf Platz 19. Norwegen führe die Tabelle an.

Interessant sei nun, dass der Erfolg von Firmen zunehme, wenn mehr Frauen an Schlüsselpositionen vertreten sind. «Die Daten aus der Geschäftswelt sind auf die Hochschulen übertragbar», sagte Landau. Die vermehrte Repräsentation von Frauen in Leitungspositionen an den Hochschulen sei nicht nur gerecht, sondern auch klug, denn so könnten sich die Hochschulen im Wettbewerb besser behaupten. Landau richtete einen weiteren Apell an alle Anwesenden: «Wir schulden es Nadeschda Suslowa, Marie Heim Vögtlin, unserer Gesellschaft und uns selbst, dass die Gleichstellung der Geschlechter zur Selbstverständlichkeit wird».

Neues Förderinstrument

Um diesem Ziel näher zu kommen, werde die UZH ab 2018 mit einem neuen Förderinstrument Nachwuchsforschende unterstützen, sagte Rektor Hengartner. «Wir haben den 150. Jahrestag der Promotion von Nadeschda Suslowa zum Anlass genommen, ein ‚Suslowa-Postdoc-Fellowship’ zu schaffen.» Es solle Nachwuchsforschenden, die ihre Laufbahn aus Gründen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterbrechen mussten, einen finanzierten Wiedereinstieg ermöglichen, wie Rektor Michael Hengartner erklärte.

Professorin Tatiana Crivelli Speciale, Präsidentin der Gleichstellungskommission, wies darauf hin, dass traditionelle Rollenbilder hinterfragt werden müssten. Es sei auch wichtig, Frauen speziell für die naturwissenschaftlichen Fächer zu begeistern. Crivelli stellte im Anschluss die neue Gedenktafel vor, die Nadeschda Suslowa gewidmet ist und die im Hauptgebäude der Universität im E-Stockwerk angebracht wird. «So wird eine Frau die Riege der Bartträger ergänzen», sagte Crivelli schmunzelnd.

Marie Heim-Vögtlin Preis

Im Anschluss wurde der Marie Heim-Vögtlin Preis an die Mathematikerin Mathilde Bouvel von der UZH vergeben. Den Preis überreichte Professor Matthias Egger vom Schweizerischen Nationalfonds. Die Preisträgerin bedankte sich mit einer persönlichen Ansprache und erklärte kurz ihr Forschungsthema, das sich um Permutationen, Anordnungen von Objekten in einer bestimmten Reihenfolge, dreht. An der UZH zu arbeiten empfinde sie als Privileg, sagte die Mathematikerin. (siehe auch UZH-News-Artikel über Mathilde Bouvel)

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News

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