Ethnologie

Unter der Sonne von Myanmar

Die Gewalt gegen die muslimische Minderheit der Rohingyas rückte Myanmar in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Der Ethnologe Georg Winterberger hat vor Ort die Lebensverhältnisse der buddhistischen Mehrheitsbevölkerung erforscht.

David Werner1 Kommentar

Einblicke in die ethnologische Forschung: Georg Winterberger in Myanmar. (Video: MELS)

 

Während fünfzig Jahren war Myanmar eine sich gegenüber der restlichen Welt abschottende Militärdiktatur. 2011 erlangte eine Zivilregierung die Macht. Das Land öffnete sich, und ein rasanter Wandlungsprozess kam in Gang.

Ein Jahr lang hielt sich der Ethnologe Georg Winterberger für ein Feldforschungs-Projekt in Myanmar auf. Er wollte herausfinden, welcher Strategien sich die Bewohnerinnen und Bewohner Myanmars in Zeiten des Umbruchs bedienen, um ihre Existenz zu sichern.

Mawlamyine, eine Provinzhauptstadt im Süden des Landes, bildete den Ausgangspunkt seiner Exkursionen. Die Stadt und ihr Umland leben vom aufblühenden Handel mit dem nahegelegenen Thailand, von der Kautschuk-Gewinnung, der Fischerei, von Kleinindustrie und dem zunehmenden Fremdenverkehr.

Die richtigen Fragen stellen

Im Gespräch mit Einheimischen wollte Winterberger ergründen, wie sie ihren Alltag und ihre Lebensumstände selbst sehen und erleben. Dabei galt es, wie Winterberger erklärt, behutsam vorzugehen: Die Kunst des Ethnologen besteht darin, die richtigen Fragen stellen. Fragen, welche die Antworten nicht schon vorwegnehmen.

Winterberger bediente sich eines methodischen Tricks: Er stellte den Personen, für deren Lebensweise er sich interessierte, Kameras zur Verfügung und liess sie Szenen aus ihrem Alltag fotografieren. Er verwendete die Fotos anschliessend für seine Interviews. Aus dem Gespräch über die Hintergründe der Bildmotive entwickelten sich Fragestellungen, auf die er sonst nicht gekommen wäre.

Fischerei in der Nähe der Bilu-Insel.
Fischerei in der Nähe der Bilu-Insel.
Fischerei in der Nähe der Bilu-Insel. (Bild: Ye Lin Oo)

Bauern, Fischer, Wasserträger

Die Fotografien entstanden zwischen Januar und Juni 2016. Winterberger war von den Bildern so angetan, dass er beschloss, sie unabhängig von seinem Forschungsprojekt in Form eines Bildbandes zu veröffentlichen.

Das Buch trägt den Titel «Myanmar – Durch die Linse der Menschen». Es erzählt in zahlreichen grossformatigen Aufnahmen vom Alltag der Menschen in Myanmar. Zu sehen sind Zeitungsverkäufer im Stadtgewimmel, Coiffeursalons unter freiem Himmel, Bauern beim Dreschen, Bauarbeiter beim Zementmischen, Fischer auf hoher See, Taxifahrer beim Warten auf Kundschaft, Marktszenen, Pilgerreisende, Wasserträger, jugendliche Mönche und vieles mehr.

Reinhold Briegel von der Abteilung Multimedia & E-Learning Services (MELS) begleitete das Foto-Projekt mit der Videokamera. Die Video-Dokumentation liegt dem Bildband in Form einer DVD bei.

Zur Person

Georg Winterberger ist Geschäftsführer der Abteilung Ethnologie am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der UZH. Er ist zudem Co-Präsident der Vereinigung akademischer Mittelbau der Universität Zürich (VAUZ).

David Werner, Leiter Storytelling & Inhouse Media

1 Leserkommentar

U.Werner Winterberger schrieb am Visual Anthroplogy gründet auf Methodenentwicklung Margret Meads .... "Winterberger bediente sich eines methodischen Tricks: ..." Diese Arbeitsweise als Trick zu bezeichnen, ist aus meiner Sicht nicht korrekt. Gregory Bateson & Margret Mead legten 1942 mit ihrer Arbeit Balinese Character den Grundstein für die Ethnologische Forschung mit dem Einsatz der Fotografie. John Collier entwickelte daraus in den 60er Jahren die Methode weiter u.a. mit dem Fotointerview. Seit 30 Jahren ist Visual Anthroplogy eine anerkannte Methode.

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