Religionswissenschaft

Sterben für den Staat

Märtyrer-Figuren haben die Kraft, Staaten und politische Gruppierungen zu vereinen oder zu spalten, erklärt Religionswissenschaftler Baldassare Scolari in seiner Dissertation. Dieses Phänomen gilt seit Jahrhunderten.

Fabio Schönholzer

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Christdemokrat und späterer «Märtyrer der Republik» Aldo Moro (rechts) mit dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens, Enrico Berlinguer. (Bild: LaPresse – Archivio Storico Politica)

 

Ausgepeitscht, gesteinigt oder von wilden Tieren zerfetzt: Mitglieder der ersten christlichen Gemeinden widersetzten sich zu Zeiten des römischen Imperiums den Machthabern und erlitten deshalb einen gewaltsamen Tod. Durch die Darstellung des gewaltsamen Todes als ein Martyrium – als Akt der Selbstaufopferung für ein Ideal – wird die bestehende politische Autorität angefochten und deren Legitimität infrage gestellt. Ihre Herrschaft ist ungerecht, weil sie auf Gewaltausübung beruht. Das Inkaufnehmen des gewaltsamen Todes für ein höheres Ziel ist ein kraftvolles rhetorisches und politisches Symbol, das über die Jahrhunderte hinweg bis heute seine Wirksamkeit nicht eingebüsst hat.

Heute präsentieren sich Märtyrer-Darstellungen in einem neuen Kontext und mit veränderter Funktion. Die Entstehung des Nationalstaates geht Hand in Hand mit dem Aufkommen von 'Staatsmärtyrern'. «Sogenannte Staatsmärtyrer dienen als Identifikationssymbole und vereinen die Bevölkerung hinter einer Nation und ihren politischen Entscheidungen», erklärt Religionswissenschaftler Baldassare Scolari. In seiner Dissertation, die vom Forschungskredit mitfinanziert wurde, legt Scolari das Augenmerk auf die mediale Darstellung eines spezifischen Ereignisses politischer Gewalt: Die Entführung und Ermordung des italienischen Politikers Aldo Moro.

55 Tage Gefangenschaft

Italien, 1978: Innere Streitigkeiten haben die Regierung zerrissen. Nun soll ein Solidaritätspakt zwischen den Kommunisten und den Christdemokraten die Situation klären. Doch dieser sogenannte «historische Kompromiss» hat Gegner. Am 16. März überfallen Mitglieder der linken Organisation «Rote Brigaden» den führenden Christdemokraten Aldo Moro auf seinem Weg ins Parlament. Moros Leibwächter werden erschossen, er selbst wird entführt. Damit wollen die Terroristen unter anderem den Kompromiss verhindern und die Freilassung von inhaftierten Mitgliedern der eigenen Organisation erzwingen. Doch die italienische Regierung lässt sich nicht auf Verhandlungen ein und auch die Medien stellen sich mehrheitlich hinter diesen Entscheid. Die Staatsräson verbot jeglichen Verhandlungsversuch: Man dürfe nicht mit Terroristen verhandeln.

55 Tage dauert Moros Gefangenschaft, bis er im Mai 1978 im Zentrum von Rom tot aufgefunden wird. Die genauen Hintergründe der Tat sind bis heute umstritten. Zahlreiche Bücher, Filme und Theaterstücke wurden über den Fall Moro verfasst. Ebenso zahlreich sind die Verschwörungstheorien, die kursieren. «Beim Fall Moro ist die ideologische Konstruktion eines Staatsmärtyrers durch Staatsapparat, Parteien und Medien besonders eklatant und sichtbar», sagt Scolari. «Bewusst oder auch unbewusst – hat man ihn zu einem Staatsmärtyrer gemacht.»

Scolari
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Religionswissenschaftler Baldo Scolari: «Mit rhetorischen und narrativen Elementen versuchen wir, Gewalt zu verstehen.» (Bild: zVg)

 

Ein unvermeidbares Übel

Seit seinem Tod wird Moro als Märtyrer dargestellt, der sich für das Wohl und die Sicherheit der Bürger und der Italienischen Republik aufgeopfert habe. Seine Ermordung wurde als ein notwendiges und unvermeidbares Übel erklärt, das er selbst in Kauf genommen habe, weil die Freilassung von Terroristen eine Gefahr für die Bevölkerung gewesen wäre. Besonders brisant: Moro selbst wollte nie zum Märtyrer gemacht werden, was er während seiner Gefangenschaft auch in Briefen an die Öffentlichkeit klar ausgedrückt hatte. In seinen Schreiben kritisierte er die Rhetorik der Staatsräson als eine scheinheilige Berufung auf ein 'abstraktes Prinzip von Legalität', durch das man eigentlich nur seinen Tod zu bewirken erwünsche. In einem Brief an die eigene Partei schrieb Moro: «Wenn ihr nicht eingreift, würde ein schauderhaftes Kapitel der italienischen Geschichte geschrieben werden. Mein Blut würde auf euch fallen, auf die Partei, auf das Land.»

Märtyrer der Republik

Warum wird auch heute noch so schnell auf die Märtyrer-Figur zurückgegriffen, beispielsweise bei Terrorangriffen? Für Scolari ist das eine sehr menschliche Strategie im Umgang mit Gewaltereignissen: «Mit rhetorischen und narrativen Elementen versuchen wir, Gewalt zu verstehen.» Es sei daher nicht verwunderlich, dass man gerade im katholischen Italien auf religiöse Muster wie Märtyrer-Figuren zurückgreife. Entscheidend ist dabei, dass der Begriff des Märtyrers auch häufig angewendet und wiederholt werde, so Scolari: «Hätte im Fall Moro beispielsweise nur eine kleine Zeitung vom 'Märtyrer der Republik' gesprochen, dann hätte sich der der Fall Moro nicht so tief in das Gedächtnis der italienischen Bevölkerung gegraben.»

Rhetorik, die missbraucht werden kann

Mit seiner Forschung zeigt Scolari auf, wie Staaten, Parteien oder politische Bewegungen Ereignisse politischer Gewalt nutzen können, um Propaganda für eigene Ziele zu machen oder umstrittene politische Massnahmen umzusetzen. «Durch martyrologische Darstellungen wird die mythische Vorstellung aufrechterhalten, dass nationalstaatliche Gemeinschaften permanent von bösen Mächten bedroht sind», sagt Scolari. «Wird jemand in einem Terrorakt verletzt, dann wird oft die Individualität des Einzelnen vom Staat vereinnahmt – man macht die Person zum ‚Märtyrer’ der Nation», führt Scolari aus. Der Gegner wird dadurch als absoluter Feind wahrgenommen, der um jeden Preis und mit allen Mitteln – falls nötig auch rechtswidrig – bekämpft werden müsse. So können beispielsweise umstrittene Sicherheitsmassnahmen durchgesetzt werden oder sogar der Aufruf des Ausnahmezustandes legitimiert werden, sagt Scolari.

Wenn sich eine Nation hinter einem Märtyrer vereint, dann kann sie sich damit auch von anderen Gruppen abgrenzen: «Jede Art von Gruppenidentität basiert im Grunde auf einer Ausgrenzung von Anderen», erklärt Scolari. Nationale Identitäten werden mittels rhetorischen und narrativen Mustern, die eine absolute und metaphysisch konnotierte Grenze zwischen Freund und Feind ziehen, konstruiert und aufrechterhalten. Der Märtyrerkult ist sicherlich ein wichtiger Bestandteil solcher identitätsstiftenden Staatsmythologien.  

Fabio Schönholzer ist Redaktor UZH News.

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