Im Rampenlicht

Perfektionistin am Drücker

Michelle Aimée Oesch macht als Wissenschaftsfotografin Aufnahmen von Knochen, Würmern und Embryonen.

Andres Eberhard

«Ein gutes Bild entsteht, wenn es gelingt, den Zweck mit der Ästhetik zu verbinden»: Wissenschaftsfotografin Michelle Aimée Oesch.
«Ein gutes Bild entsteht, wenn es gelingt, den Zweck mit der Ästhetik zu verbinden»: Wissenschaftsfotografin Michelle Aimée Oesch.
«Ein gutes Bild entsteht, wenn es gelingt, den Zweck mit der Ästhetik zu verbinden»: Wissenschaftsfotografin Michelle Aimée Oesch. (Bild: Frank Brüderli)

Nach Kairo auswandern und fotografische Projekte verfolgen: Das war der Plan für die Zukunft, als Michelle Aimée Oesch nach ihrem Studium eine befristete Stelle als wissenschaftliche Fotografin an der UZH antrat. Doch anstelle der grossen weiten Welt entdeckte sie zunächst die Mikrowelt von Parasiten, Würmern, Knochen und Embryonen. Die Mitarbeiterin, deren Stellvertretung sie übernommen hatte, kündigte – und Oesch blieb. Statt auszuwandern, begnügte sie sich mit einem dreimonatigen Aufenthalt in Ägypten, bevor sie ins Fotostudio bei der Vetcom am Tierspital dauerhaft einzog.

Fotos von Tieren, Menschen, Räumen

Fünf Jahre sind seither vergangen, und Oesch fühlt sich noch immer sehr wohl. «Die Arbeit ist enorm vielseitig, und ich kann sie mir frei einteilen – ein richtiger Traumjob.» Neben der klinischen Fotografie gehören auch Porträts von Mitarbeitenden sowie Bilder von Tieren, Räumen, Geräten, Medikamenten und 3­D­Modellen zu ihrem Alltag. Es kommt auch vor, dass sie Bilder für Anleitungen in Lehrbüchern schiesst – etwa von einem Tierarzt, der zeigt, wie er den Flügel eines Vogels repariert. Die Bilder macht sie entweder in ihrem vollständig eingerichteten Studio bei der Vetcom oder im Präpariersaal. Für Porträts hat sie in der Kleintierklinik einen permanenten Ort gefunden.

Für Oesch war immer klar, dass sie Fotografie nicht nur als Hobby betreiben, sondern zum Beruf machen möchte. Sie absolvierte ein Fotografiestudium an der Zürcher Hochschule der Künste. Dazu gehörte auch ein Austauschjahr in Melbourne. Es war nicht das einzige Mal, dass Oesch im Ausland lebte: Die ersten fünf Jahre verbrachte sie mit ihrer Familie in den USA; ihre Mutter ist Amerikanerin. Zudem reiste sie mehr­fach und auch für längere Aufenthalte nach Ägypten, wo sie fotografische Projekte verfolgte. Demnächst wird sie einen zweijährigen Master-Lehrgang in Angriff nehmen: Neben ihrem Pensum an der UZH wird sie an der Fachhochschule Nordwestschweiz Visuelle Kommunikation und Bildforschung studieren.

«Axis Giraffe»: Der selbe Giraffenwirbel aus unterschiedlichen Perspektiven fotografiert (Collage).
«Axis Giraffe»: Der selbe Giraffenwirbel aus unterschiedlichen Perspektiven fotografiert (Collage).
«Axis Giraffe»: Der selbe Giraffenwirbel aus unterschiedlichen Perspektiven fotografiert (Collage). (Bild: Michelle Aimée Oesch)

Oeschs Markenzeichen sind die langen, rot gefärbten Haare. Meistens sind sie der einzige Farbtupfer ihres Äusseren. Denn sie trägt praktisch immer schwarze, manchmal auch andere neutralfarbene Kleider. Einerseits tut sie dies aus professionellen Gründen – leuchtende Farben könnten im Studio einen Schatten aufs Bild werfen. Andererseits ist es ihr schlicht zu aufwendig, die richtigen Farben zu kombinieren. «Kommt dazu, dass ich nicht gerne im Mittelpunkt stehe. Da passen dezente Farben besser.»

Den Zweck mit der Ästhetik verbinden

An der klinischen Fotografie gefällt Oesch, dass sie für den Auftraggeber Probleme lösen und trotzdem ihren eigenen Stil einbringen kann. «Ein gutes Bild entsteht, wenn es gelingt, den Zweck mit der Ästhetik zu verbinden.» Ihre Fotografien erscheinen sehr sauber und aufgeräumt unter natürlichem Licht. Oft verwendet sie einen schwarzen Hintergrund, der die Wirkung der fotografierten Objekte noch verstärkt. «Für diese Arbeit muss man sehr flexibel, kompromissbereit und lösungsorientiert sein», sagt sie und schiebt nach: «Ein bisschen perfektionistisch zu sein, hilft sicher auch.» Wenn sie einen Wunsch offen hätte, dann würde sie sich gerne mit den anderen an der UZH angestellten Fotografinnen und Fotografen vernetzen, um sich über die Arbeit auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Oesch zieht den Lendenwirbel eines Pferdes aus dem Regal hinter ihr. «Bei Porträts habe ich oft das Gefühl, dem Menschen dahinter nicht gerecht zu werden. Bei Objekten kann ich mich besser auf das Wesentliche konzentrieren.» Als Hochzeits- oder Babyfotografin wäre sie darum nicht geeignet, sagt sie. In einem Zeitungsinterview begründete sie dies so: «Ich bin zu introvertiert, um anderen die Unsicherheit vor der Kamera zu nehmen.»

Einmal machte Oesch einen kurzen Abstecher in die Modefotografie. Doch mit der Kurzlebigkeit der Branche konnte sie überhaupt nichts anfangen. Ausserdem hatte sie moralische Bedenken: «Man weckt bei Menschen oft Minderwertigkeitsgefühle, damit sie Dinge kaufen, die sie nicht brauchen, um glücklich zu werden.»

Cat Paws
Cat Paws
Für eine Bilderserie hat die Fotografin Pfoten von lebenden(!) Katzen kunstvoll abgelichtet (Collage). (Bild: Michelle Aimée Oesch)

Katzenpfoten und Giraffenwirbel

Längst hat die Arbeit an der UZH auch Michelle Aimée Oeschs private Fotografie beeinflusst. So rückte sie für eine Serie, die sie an der Fotoausstellung Photo17 zeigte, Hunde- und Katzenpfoten ins richtige Licht. Ebenfalls als privates Projekt verwirklicht hat sie eine Serie mit vier Ansichten eines Giraffenwirbels, die sie in derart verschiedenen Winkeln aufgenommen hat, dass man sie für unterschiedliche Knochen halten könnte. Für ein Langzeitprojekt hat sich Oesch kürzlich sogar ein todgeweihtes Schwein gekauft. Details möchte sie noch keine verraten, da das Projekt noch am Anfang stehe. Nur so viel: Die Motivation dahinter sei ihre Empörung über die Fleischindustrie und das Fehlen eines gesunden Bezugs zum Nutztier, «vor allem gegenüber dem völlig unterbewerteten Hausschwein». Und was ist nun mit Kairo? Irgendwann wolle sie zurückgehen, sagt Michelle Aimée Oesch, sie habe noch offene Projekte. Dann verräumt sie den Lendenwirbel des Pferdes wieder im Regal.

Andres Eberhard, freier Journalist.

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