Center For Eastern European Studies

«Zeigen, was wir tun»

Aktuelle Fragen zu Osteuropa verlangen nach wissenschaftlicher Expertise. Diese will die UZH mit der Gründung eines neuen Osteuropa-Zentrums weiter ausbauen.

Fabio Schönholzer1 Kommentar

Nada Boškovska (li.) und Jeronim Perović
Nada Boškovska (li.) und Jeronim Perović
Bündeln im CEES Fachwissen zu Osteuropa: Nada Boškovska (li.) und Jeronim Perović. (Bild: Fabio Schönholzer)

Die Welt zu Beginn der neunziger Jahre: Der eiserne Vorhang ist gefallen, das Schreckgespenst des drohenden Kommunismus ist besiegt. «Mit dem Ende des Kalten Krieges schien der Bedarf an aktualitätsbezogener Osteuropaforschung wegzufallen», erklärt Jeronim Perović, SNF-Förderprofessor am Historischen Seminar UZH. «Jetzt erkennt man, dass dies ein Fehler war.»

Denn der Übergang vom Kommunismus zur Demokratie verlief in vielen Staaten Osteuropas nicht reibungslos. So lässt sich seit einigen Jahren eine starke Tendenz zum Militarismus und zur autoritären Staatsführung feststellen – besonders in Russland, im Kaukasus und in Zentralasien. Zudem tragen Geschehnisse wie der Ukraine-Konflikt im Jahr 2014 zu neuen geopolitischen Unsicherheiten in Europa bei, die auch für die Schweiz von Bedeutung sind. Angesichts dieser neuen Unabwägbarkeiten hat der Bedarf nach Expertise seitens der Medien, der Politik, der Wirtschaft und einer interessierten Öffentlichkeit stark zugenommen.

Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, möchten Nada Boškovska, Professorin für Osteuropäische Geschichte, und Perović gemeinsam das «Center for Eastern European Studies» (CEES) an der UZH lancieren. Dies ist nach der zugesprochenen finanziellen Unterstützung durch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation nun geglückt. Die Finanzierung beginnt ab 1. März 2017.

Gemeinsames Dach schaffen

Für das CEES möchte die Abteilung für Osteuropäische Geschichte eng mit der Slavistik und anderen Lehrstühlen zusammenarbeiten, die sich mit Osteuropa beschäftigen: «Unter dem Dach der UZH wollen wir das vorhandene Fachwissen bündeln und neue Forschungsfragen stellen», erklärt Boškovska. Auch weitere interessierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der UZH und andere Institutionen im In- und Ausland sind eingeladen, sich an der Forschung des CEES zu beteiligen. Denn das Zentrum legt viel Wert auf die Interdisziplinarität: So können Synergien für die Wissenschaft und gemeinsame Lehrveranstaltungen genutzt werden.

Den thematischen Schwerpunkt legt das CEES auf die Entwicklungen in der postsozialistischen Zeit. Angesichts der Spannungen des Westens mit Russland sei es nötig, die Russlandkompetenzen innerhalb der Schweiz zu stärken. «Insbesondere darum, weil die Schweiz auf hoher diplomatischer Ebene oftmals eine Vermittlerrolle zwischen den Staaten einnimmt», hält Boškovska fest.

Als mögliches Forschungsprojekt ist eine Untersuchung zum Thema «Feindbilder» geplant, die sich mit der Wahrnehmung des «Anderen» resp. des «Feindes» in Osteuropa und seiner Gesellschaft befasst. «Ein solches Thema ist für viele unterschiedliche Disziplinen, wie beispielweise Geschichte, Linguistik, Politologie oder Ethnologie, interessant», so Perović.

Der Vorteil eines gemeinsamen Dachs ist die Sichtbarkeit gegen innen und aussen. «Wir können zeigen, was wir tun», freut sich Boškovska.

Fabio Schönholzer ist Redaktor UZH News.

1 Leserkommentar

Anastasia Risch schrieb am Kein Schreckgespenst Schon der erste Satz dieses Artikels machte mich fassungslos. "Das Schreckgespenst des drohenden Kommunismus"? Der Kommunismus ist ein philosophisches Konzept aus dem 19./ frühen 20. Jahrhundert und zeichnet das Bild einer Gesellschaft, in der die Menschen solidarisch und friedlich zusammenleben, in der alle die gleichen Rechte haben, sich gemeinsam um das Wohlergehen aller kümmern, in der das Geld nicht mehr nötig ist, weil alle nach Kräften arbeiten und das, was sie zum Leben brauchen, kostenlos bekommen. Medizin, Bildung, soziale Sicherheit für alle. Grundprinzipien der Zusammenarbeit im Kollektiv, der Solidarität, der Gleichberechtigung und der sozialen Verantwortung. Ein Schreckgespenst?... Tatsächlich?.. Es geht dann weiter mit einem "Übergang vom Kommunismus zur Demokratie". Aha. Es gab nie einen kommunistischen Staat auf der Welt - nur sozialistische (so bezeichneten sich die ehemaligen Ostblockstaaten, die offensichtlich gemeint sind). Einer der wichtigsten ideologischen Begriffe der Sowjetunion war "Aufbau", eine der zentralen Metaphern die Baustelle. Den Kommunismus galt es aufzubauen, er wurde zum hehren Ziel erklärt. Um diese Übergangsphase zu benennen, wurde der Begriff "sozialistisch" eingeführt. Historisch gesehen ist dieser Satz also schlichtweg falsch. Und in terminologischer Sicht vergleicht er Äpfel mit Birnen, denn Kommunismus ist ein philosophisches Konzept und Demokratie eine politische Regierungsform.

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