Open Access

Geschichten können warten – die Wissenschaft nicht

Mit der neuen Plattform «ScienceMatters» will der UZH-Systembiologe Lawrence Rajendran das wissenschaftliche Publikationswesen revolutionieren. Forschende sollen ihre Daten stufenweise, dafür schneller veröffentlichen können.

Adrian Ritter

Bietet mit der Plattform «ScienceMatters» eine Alternative zum heutigen Publikationswesen: UZH-Systembiologe Lawrence Rajendran. (Bild: zVg)

Die Universität Zürich verfolgt seit 2008 eine Open-Access-Strategie – wissenschaftliche Arbeiten müssen öffentlich zugänglich sein. Lawrence Rajendran, UZH-Professor für Systembiologie und Alzheimerforscher, will die Idee des Open Access im Bereich der Naturwissenschaften jetzt noch konsequenter umsetzen und das Publikationswesen revolutionieren: Mit «ScienceMatters» hat er eine Online-Plattform gegründet, auf der nicht nur fertige Studien, sondern auch Einzelbefunde auf dem Weg dorthin veröffentlicht werden können.

Er kritisiert die Tatsache, dass angesehene Publikationen wie «Science» und «Nature» keine Teilbefunde einer Forschung, sondern nur fertige, kohärente Geschichten akzeptieren. «Das verlangsamt den wissenschaftlichen Fortschritt», findet Rajendran.

Er sieht im heutigen Publikationswesen noch weitere Mängel: Forschungsergebnisse sind oft nicht reproduzierbar oder werden gar nicht publiziert, weil sie für die Journals zu wenig relevant oder zu wenig innovativ sind. So sind etwa Wiederholungen von Experimenten mit demselben Resultat für Journals unattraktiv, für die Wissenschaft aber bedeutungsvoll. Für Rajendran ist klar: «Öffentlich finanzierte Forschung soll öffentlich zugänglich sein.»

Druck aus dem System nehmen

«Stories can wait. Science can't» heisst das Motto der neuen Online-Publikationsplattform «ScienceMatters». Damit will Lawrence Rajendran eine Alternative zum heutigen Publikationswesen bieten. Dabei stehen nicht fertige «Geschichten» im Zentrum, auf die ein Forscher oder eine Forscherin jahrelang hingearbeitet hat. «ScienceMatters veröffentlicht auch einzelne Beobachtungen, denn das ist die relevante Einheit in der Wissenschaft», ist Rajendran überzeugt.

Eine Forscherin soll also beispielsweise nicht warten, bis sie die Entstehung einer Krankheit erklären kann, sondern bereits die Einzelbeobachtung publizieren, dass die Krankheit in einem Land bei einer bestimmten Bevölkerungsgruppe vermehrt auftritt. «So nehmen wir den Druck aus dem System, die Daten zurechtzubiegen, damit sie zur präsentierten Geschichte passen», sagt Rajendran. Daten sollen stattdessen Schritt für Schritt der weltweiten Forschungsgemeinschaft vorgelegt und damit überprüfbar und nutzbar gemacht werden.

Forschungsergebnisse, die bei ScienceMatters eingereicht werden, durchlaufen zwei Peer Reviews. Dabei ist den Editoren und Reviewern die Identität der Autoren nicht bekannt und die Autoren wissen nicht, wer die Reviewer sind. Genügen die Forschungsergebnisse den Anforderungen, werden sie innerhalb von zwei Wochen publiziert – mitsamt der Reviewberichte. Anschliessend können auch andere Nutzer der Plattform das Publizierte kommentieren. «Forschende erhalten so wertvolle Rückmeldungen», sagt Lawrence Rajendran.

Die Forschenden können ihre bereits publizierten Daten laufend ergänzen. Gleichzeitig können auch andere Nutzer themenverwandte Daten hinzufügen. Dadurch entsteht ein Netzwerk zusammenhängender Erkenntnisse und Schritt für Schritt ein Gesamtbild: «Ein LEGO-Baukasten für die Wissenschaft», nennt es Lawrence Rajendran. 

ScienceMatters

ScienceMatters ist eine reine Online-Plattform und für Publikationen aus den Biowissenschaften offen. In den kommenden Jahren sollen weitere Fachbereiche hinzukommen. Ein teures Abonnement einer Zeitschrift entfällt bei ScienceMatters. Wer Daten oder eine Publikation einreichen will, bezahlt 150 Dollar pro Beitrag. Damit soll die Plattform auch für Forschende in Entwicklungsländern attraktiv sein. ScienceMatters unterscheidet sich auch von herkömmlichen Journals, indem Reviewer und Editorinnen ein Honorar erhalten. Unterstützt wird ScienceMatters von einem wissenschaftlichen Beirat unter dem Vorsitz von Medizin-Nobelpreisträger Tom Südhof. Dem Beirat gehören seitens der UZH Rektor Michael Hengartner, der frühere Prorektor Daniel Wyler sowie Professor Richard Hahnloser (Institut für Neuroinformatik) und Professor George Lake (Institute for Computational Science) an. Zahlreiche UZH-Angehörige sind zudem im Editorial Board vertreten, darunter Professor Adriano Aguzzi. Finanziell wird die neue Plattform von der Velux Stiftung unterstützt – weitere Zuwendungen sind willkommen.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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