Citizen Science

Forschung setzt auf Bürgerwissenschaft

Citizen Science ist aus der etablierten Wissenschaft nicht mehr wegzudenken. Die Universität Zürich setzt sich zusammen mit der ETH Zürich und der Universität Genf für allgemein verbindliche Richtlinien und Grundlagen für die Bürgerwissenschaft ein.

Stefan Stöcklin

Citizen Science basiert auf Vertrauen, sagen die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer. Von links: Effy Vayena (UZH), Josep Perelló (Universidad de Barcelona), Lidia Borrell-Damián (European University Association), Dirk Helbing (ETH Zürich), Jennifer Shirk (Citizen Science Association), Muki Haklay (UCL), Alice Sheppard (Galaxy Zoo), François Grey (Unige). (Bild: Stefan Stöcklin)

Laien zählen Vögel und charakterisieren Galaxien. Sie identifizieren invasive Pflanzen oder vermessen den eigenen Körper. Wissenschaftliche Laien werden immer mehr zu unersetzlichen Helferinnen und Helfern der etablierten Forschung an den Hochschulen. Mit der Digitalisierung der Gesellschaft wird diese Form der Bürgerwissenschaft und –beteiligung in den kommenden Jahren zunehmen.
Darüber waren sich die gut hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der internationalen Konferenz über Standards und Empfehlungen zu Citizen Science an der UZH diese Woche einig.

Transparenz und Offenheit nötig

Zur Debatte standen  allgemein verbindliche Richtlinien für die Bürgerwissenschaft. «Sie sollen einerseits dazu beitragen, dass die geltenden wissenschaftlichen Standards und Qualitätsanforderungen eingehalten werden», sagte Daniel Wyler, emeritierter Professor und ehemaliger Prorektor Medizin und Naturwissenschaft der UZH. «Andrerseits sollen sie den beteiligten Bürgerinnen und Bürgern Transparenz und Offenheit gewähren, zum Beispiel in Bezug auf die Verwendung ihrer Daten.»

Setzt sich für europaweite Richtilnien für die Citizen Science ein: Daniel Wyler, UZH. (Bild: Stefan Stöcklin)

Die Konferenz versammelte eine illustre Schar von Citizen-Science-Spezialisten Europas und der Schweiz, die entweder eigene Erfahrungen mit Bürgerwissenschaft haben oder institutionell damit beschäftig sind. Den Teilnehmenden lagen zwei Arbeitspapiere über «Prinzipien und Richtlinien zu Citizen Science» sowie «Policy-Empfehlungen» vor. Sie sind unter der Leitung von Daniel Wyler und in Zusammenarbeit mit Forschenden der Universitäten Zürich und Genf sowie der ETH Zürich erarbeitet worden. Zwei Workshops zu den Arbeitspapieren waren während der Konferenz anberaumt. Eine Podiumsdiskussion brachte zuvor wichtige Fragen auf den Tisch und diente sozusagen als Aufwärmrunde zu den vertieften Fachkonsultationen.

Öffentlichkeit partizipiert gerne

Das vom UZH-Gerontologen Mike Martin moderierte Podium vermittelte interessante Aspekte der aktuellen Diskussion und machte deutlich, wie wichtig die Beteiligung von Laien in der Forschung bereits ist. «Die Öffentlichkeit ist viel stärker an Wissenschaft und Forschung interessiert als die Leute meinen», sagte Alice Sheppard vom Citizen Science Projekt Galaxy Zoo, das von Kevin Schawinski von der ETH Zürich mitgegründet wurde. Entsprechend partizipierten sie gerne. Jennifer Shirk von der amerikanischen Citizen Science Association verwies auf die grosse Vielfalt von Projekten. Sie reichen von einfachen Beobachtungen in der Natur bis zu eigentlichen Forschungsprojekten, die Laienforscher begründen.

Entsprechend plädierte sie für offen gehaltene Richtlinien, die dieser Diversität gerecht werden und die Qualität der Projekte sicherstellen. ETH-Forscher Dirk Helbing hob die Bedeutung von Transparenz und Vertrauen hervor. «Vertrauen zwischen Forschenden und Bürgern ist absolut notwendig», so Helbing. Mit Blick auf die Daten bedinge dies auch die Bereitschaft, die Daten vermehrt mit den Bürgerinnen und Bürgern zu teilen. UZH-Forscherin Effy Vayena plädierte für allgemein akzeptierte Richtlinien, die auch ethische Aspekte wie das Recht auf Privatheit der Daten garantierten.

Unterstützung durch LERU

Die darauf folgenden Workshops dienten der Bereinigung der Arbeitspapiere. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten ihre positiven und kritischen Punkte äussern und wurden von Daniel Wyler angehalten, die Kommentare schriftlich einzugeben. Bis Mitte Dezember möchte er die Dokumente finalisieren und danach bei wichtigen forschungspolitischen Gremien um Unterstützung suchen. Namentlich bei der LERU (Leage of European Research Universities), der EUA (European University Association) und der ECSA (European Citizen Science Association).

Ziel ist die Aufnahme der Dokumente in offizielle Forschungsrichtlinien und –Prinzipien europaweit. Karin Maes von der LERU signalisierte Unterstützung für diese Initiative. Denn das machten die Vertreter der EU an der Zürcher Konferenz mehrfach deutlich: Citizen Science ist ein irreversibler Prozess, nimmt immer mehr Fahrt auf und hat Regelungsbedarf.

Zürcher Zentrum für Citizen Science

Endet das Vorhaben wie gewünscht, dann wären die Zürcher Dokumente Vorlage für europaweite Richtlinien im Bereich der Citizen Science. Ob es gelingt, werden die kommenden Monate zeigen. So oder so ist die Arbeit nicht verloren. Denn sicher ist jetzt schon, dass die Bürgerwissenschaft auf dem Züricher Forschungsplatz und damit auch das Regelwerk an Bedeutung gewinnen wird. UZH-Rektor Michael Hengartner hätte gerne ein Zentrum für Citizen Science, wie er an der Konferenz sagte. Forschung mit Bürgerbeteiligung hat auf dem Platz Zürich Zukunft.

Stefan Stöcklin, Redaktor UZH News und UZH Journal

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