Informationsgesellschaft

Die nächste Revolution

Seit diesem Sommer existiert an der UZH das Center for Information Technology, Society and Law (ITSL), das die Auswirkungen des digitalen Wandels auf Recht und Gesellschaft interdisziplinär erforscht. Die Initiantinnen und Initianten eröffneten das Zentrum mit einer Veranstaltung zum Thema «Information und Macht».

Stefan Stöcklin

Rolf H. Weber (li) und Florent Thouvenin: Die Juristen haben das ITSL angestossen. (Bild: sts)

«Es braucht im Bereich der Informationstechnologien interdisziplinäre Forschung», sagte Florent Thouvenin zum Auftakt des neu gegründeten Zentrums für «Information Technology, Society and Law» (ITSL) letzte Woche. Der Inhaber des Lehrstuhls für Informations- und Kommunikationsrecht ist zusammen mit Rolf H. Weber, Ordinarius für Privat-, Wirtschafts- und Europarecht, treibende Kraft des Kompetenzzentrums, das an der Schnittstelle verschiedener Disziplinen die Chancen und Risiken der Digitalisierung und Big Data untersuchen will. Die Universitätsleitung hat das Vorhaben vergangenen August genehmigt. Bereits umfasst das Zentrum 13 Mitglieder aus sieben Disziplinen*, die sich mit verschiedenen Fragestellungen rund um den digitalen Wandel befassen.

«Wir sind zurzeit primär mit der Planung von Forschungsprojekten beschäftigt, die im Schnittpunkt unserer Kompetenzen liegen», sagte Thouvenin. Als Beispiele erwähnte er Fragen des Datenschutzrechts im medizinischen und des Urheberrechts im kreativ-künstlerischen Bereich. Gearbeitet werde auch an Eingaben zum geplanten Nationalen Forschungsprogramm NFP 75 zu «Big Data». Thouvenin machte deutlich, dass das ITSL eine Plattform darstelle, die weiteren Mitgliedern aus der Hochschulforschung offen stehe. Zugleich wies er auf den «wechselseitigen Wissenstransfer zwischen Hochschule und Praxis» hin, den das Zentrum anstrebe.

Die Referentin und Referenten der Kick-off-Veranstaltung des ITSL: Rolf H. Weber, Sven Seuken, Michael Latzer, Gabriele Siegert, Friedemann Mattern, Florent Thouvenin, Alessandro Blassimme und Mike Martin (von links). (Bild: sts)

Macht und Ohnmacht

Die gut besuchte Veranstaltung zum Auftakt des Zentrums diente aber nicht nur einer ersten öffentlichen Vorstellung des Zentrums, sondern auch einer Diskussion zum Thema «Information und Macht», zu dem mittelfristig auch ein Forschungsprojekt geplant ist. Dazu gaben sieben Mitglieder des ITSL in kurzen Vorträgen Inputs aus ihren Forschungsbereichen. Der Informatiker Friedemann Mattern von der ETH Zürich machte die extreme Geschwindigkeit deutlich, mit der sich die Informationstechnologien entwickeln. Die Datenmengen verdoppeln sich alle zwei Jahre, ebenso die Computer- und Netzkapazitäten. Das exponentielle Wachstum führe zu einem qualitativen Umbruch: «Wir stehen am Beginn einer neuen Welle der Digitalisierung, die unser Leben stark verändern wird», sagte Mattern.

Mit Blick auf das Thema Macht erläuterte der Forscher, dass die künftigen Systeme zu einer Machtverschiebung und im negativen Fall zu einer Entmündigung führten. Zum Beispiel dann, wenn vollständig computerisierte Dinge autonom Entscheide fällen, die wir weder verstehen noch beeinflussen können. Etwa ein digital gelenktes Auto, das in einem Notfall aufgrund seiner Algorithmen ausweichen wird. «Macht und Ohnmacht wird in Zukunft ein omnipräsentes Thema sein», prognostizierte Mattern.

Der Informatiker legte den Boden, auf dem die Mitglieder des ITSL verschiedene Aspekte beleuchteten. Zum Beispiel die Macht der Massenmedien: Die Publizistikwissenschaftlerin Gabriele Siegert führte aus, wie die traditionellen Medien ihre Rolle als Gatekeeper relevanter Informationen zunehmend verlieren. «Wird die öffentliche Meinung in Zukunft von automatisierten und selbstreferentiellen Online-Portalen beherrscht, die keine unabhängige Meinungsbildung mehr zulassen», fragte sie besorgt. Ihr Kollege Michael Latzer thematisierte die steigende Macht von Algorithmen in der Gestaltung des Lebens, den Machtverlust traditioneller Medien, eine zunehmende Ökonomisierung und eine neue digitale Spaltung der Gesellschaft. Die «Realitätskonstruktion durch Algorithmen verändert die Machtverhältnisse massiv», betonte Latzer.

Genetische Daten

Der Gerontopsychologe Mike Martin griff den Gesundheitsbereich auf, der hierzulande mit jährlichen Kosten von 75 Milliarden Franken zu Buche schlägt. Im Bereich der Gesundheits- und Altersforschung spielten individuelle Daten eine immer wichtigere Rolle. Gleichzeitig fehlten sowohl rechtliche wie auch ethische Leitplanken zur ihrer Verwendung. Ein Aspekt, den auch der Biomediziner Alessandro Blassimme und die Ethikerin Effy Vayena für genetische Daten hervorhob, die derzeit in immer grösseren Mengen anfallen, weil die Sequenzierung von Erbgutmolekülen einfach und billig ist. Die genetische Privatsphäre sei in Gefahr, mahnte Blassimme und plädierte dafür, die bioethischen und klinischen Standards den Datenrealitäten anzupassen.

Der Informatiker und Wirtschaftswissenschaftler Sven Seuken schliesslich warf einen kritischen Blick auf elektronische Märkte und Online-Plattformen wie Ebay, Airbnb und Uber. Seuken ortete ein beträchtliches und gefährliches Machtmonopol aufgrund der Reputationssysteme, die in diesen Portalen integriert ist. Denn die Teilnehmenden werden fast alles tun, um eine positive Bewertung zu erhalten. Gleichzeitig eröffnen die Portale subtile Formen der Manipulation. Auch in diesem Bereich bedeutet Informationshoheit Machtzuwachs, der sich hinter schwer zugänglichen Algorithmen verbirgt.

Zum Schluss der Inputreferate skizzierte Rolf H. Weber, der zusammen mit Florent Thouvenin den Leitungsausschuss des ITSL präsidiert, einige rechtliche Herausforderungen, die sich angesichts des digitalen Wandels ergeben. Dazu gehören die Auskunftsrechte für breitere Kreise angesichts von Open Governance und Open Data. Oder Fragen der Regulierung und einer sinnvollen Ausgestaltung des Urheberrechts angesichts transnationaler Datenströme und Werknutzungen. Da die Datenkontrolle mit Macht verbunden ist, müsste die Regulierung dafür sorgen, dass Zugangsrechte so gestaltet werden, dass möglichst wenig Menschen diskriminiert werden. Was einfacher gesagt ist als getan, wie die nachfolgende Diskussion zeigte. Denn es wird zum Beispiel kaum möglich sein, eine globale Steuerung zu erzielen, was angesichts der Datenflüsse eigentlich nötig wäre.

Öffentliche Veranstaltungen in Planung

Die Besucherinnen und Besucher verliessen die anregende Veranstaltung mit dem Gefühl, dass der digitale Wandel eine ungeahnte Dynamik entfaltet, die unser Leben je länger je mehr prägen wird. Weitere Vorabend-Veranstaltungen zu Geodaten und Gesundheitsdaten sind für das Frühjahrsemester 2016 geplant.

* Informatik, Geographie, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Soziologie, Ethik und Rechtswissenschaften

Stefan Stöcklin, Redaktor UZH News und UZH Journal

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