Evolutionsbiologie

Die Riesen von Aldabra

Es existiert noch, das Paradies auf Erden. Für Riesenschildkröten liegt es auf dem Atoll Aldabra im Indischen Ozean. Eine interdisziplinäre Forschergruppe des Instituts für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften der Universität Zürich widmet sich der Erforschung dieser Reptilien.  

Lena Serck-Hanssen

Wer von Riesenschildkröten hört, denkt an die Galapagos-Inseln oder möglicherweise an den Zoo. Doch das wirkliche Schildkrötenparadies ist die Inselgruppe Aldabra. Das Atoll im Indischen Ozean, das zu den Seychellen gehört, beherbergt heute die grösste Riesenschildkröten-Population der Welt.

Aldabra ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Dank seiner Abgeschiedenheit konnte es sich im Gegensatz zu vielen anderen Inseln im Indischen Ozean dem Einfluss des Menschen weitgehend entziehen und weist eine einzigartige Fauna und Flora auf. Die 1979 gegründete Seychelles Islands Foundation (SIF) widmet sich der Erforschung und Bewahrung dieses Atolls und unterhält eine eigene Forschungsstation auf Aldabra.

Seit Anfang Jahr besteht zwischen dem SIF und vier Postdoktoranden des Instituts für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften der Universität Zürich eine Zusammenarbeit, die vom Forschungskredit der Universität Zürich unterstützt wird. Ziel ist die Erforschung der Riesenschildkröten und deren Wechselwirkungen mit der Vegetation und dem Klima. Ein weites Feld, doch betrachten die Forscher gerade dies als Chance.

Turtelnde Greise: Riesenschildkröten werden über 200 Jahre alt. (Bild: Michal Sur)

Interdisziplinäres Projekt

Das Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften bietet ideale Voraussetzungen für interdisziplinäre Zusammenarbeit, sind doch dort Experten aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen vertreten. So haben sich mit Erik Postma, Lindsay Turnbull, Gabriela Schaepman-Strub und Dennis Hansen vier Spezialisten zusammengefunden, die ihr Wissen in Evolutionsgenetik, Pflanzenökologie, Fernerkundung und Verhaltensökologie in das Projekt einbringen. Diese Interdisziplinarität ist für die vier Forscher ein grosser Vorteil. «Dass wir alle unterschiedliches Wissen in das Projekt einbringen, macht die Arbeit sehr spannend und ist unserer Meinung nach wegweisend für zukünftiges Forschen», sagt Lindsay Turnbull.

Einfluss auf die Vegetation

Riesenschildkröten gehören zu den ältesten heute noch lebenden Tierarten. Die grossen Reptilien, die bis 300 Kilogramm schwer werden können, haben die Natur auf den Südseeinseln stark geprägt. So herrscht auf Teilen von Aldabra eine Graslandschaft, die sich in Wechselwirkung mit den Riesenschildkröten entwickelt hat. Um zu untersuchen, welchen Einfluss genau die Riesenschildkröten auf die Vegetation haben, wollen die Forscher nun einige Gebiete auf Aldabra von Riesenschildkröten freihalten. Auch soll die Analyse von Kotproben zeigen, welche Rolle Riesenschildkröten bei der Verbreitung von Samen spielen.

Schwergewichtige Inselbewohnerin: Diese Riesenschildkröte wiegt über 300 Kilogramm. (Bild: Jock Currie)

Genetische Vielfalt

Früher waren viele Südseeinseln von Riesenschildkröten bevölkert. Doch vor etwa 3000 Jahren begannen Menschen die Inseln zu besiedeln und die Riesenschildkröten zu jagen. Noch schlimmer wurde es mit dem Aufkommen der Hochseeschifffahrt, denn die anspruchslosen Tiere liessen sich problemlos an Bord mitführen und eigneten sich deshalb hervorragend als Hochseeproviant. Auch auf Aldabra brach die Zahl der Tiere vor 120 – 150 Jahren stark ein und umfasste damals möglicherweise weniger als 1000 Exemplare. Anders als auf den anderen Inseln im indischen Ozean konnte sich die Riesenschildkrötenpopulation auf Aldabra aber wieder erholen. Auf einer Fläche, die etwa ein Zehntel des Kantons Zürich umfasst, leben heute mehr als 100'000 Riesenschildkröten.

Die Forscher interessieren sich für die genetische Vielfalt dieser Population und ihrer Entwicklung während der letzten 150 Jahre. In Zusammenarbeit mit dem Zoo Zürich und der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich sollen den Riesenschildkröten Blutproben entnommen werden, die genetisch untersucht und mit dem Genprofil von Riesenschildkröten auf anderen Inseln und in Gefangenschaft verglichen werden. Das erlangte Wissen soll auch dazu verwendet werden, Riesenschildkröten auf anderen Inseln wieder anzusiedeln.

Interdisziplinäres Team: (v.l.n.r.): Lindsay Turnbull, Pflanzenökologin, Dennis Hansen, Verhaltensökologe, Erik Postma, Evolutionsgenetiker, Gabriela Schaepman-Strub, Expertin für Fernerkundung und Richard Baxter von der Seychelles Islands Foundation. (Bild: Lena Serck-Hanssen)

Da Riesenschildkröten mehr als 200 Jahre alt werden können, leben vermutlich noch einige Individuen, die den Einbruch der Population vor 150 Jahren überlebt haben. Alle anderen Tiere stammen direkt von diesen Stammeltern ab, so dass viele verschiedene Generationen gleichzeitig vorhanden sind. Diese Tatsache ist für die Forscher ein Glücksfall: «Während wir bei anderen Studien über viele Jahre Daten erheben müssen, haben wir hier bei den Riesenschildkröten alle Daten gleichzeitig zur Verfügung», sagt Erik Postma.

Klimaforschung

Das Schildkrötenparadies Aldabra überragt die Meeresoberfläche nur um durchschnittlich acht Meter und ist deshalb für allfällige Klimaschwankungen besonders anfällig. Die Forscher planen eine Sammlung von Daten bezüglich Klima, Vegetation und Anzahl Riesenschildkröten, die es erlauben soll, die wechselseitigen Beziehungen dieser drei Faktoren in der Vergangenheit darzustellen und Modelle für die Zukunft zu entwickeln. Teilweise stehen den Forschern bereits vorhandene Daten zur Verfügung. Neue Satellitenbilder und die Analyse von Baumringen sollen die Sammlung ergänzen.

Forschungskredit

Mit Beiträgen aus dem Forschungskreditfördert die Universität Zürich Nachwuchskräfte durch die Finanzierung eines Forschungsprojekts von hervorragender wissenschaftlicher Qualität. Gefördert werden Angehörige der Universität Zürich, die am Anfang ihrer akademischen Karriere stehen und ein Dissertations-, Postdoc- oder Habilitationsprojekt an der Universität Zürich durchführen möchten. Der Forschungskredit unterstützt die Forschungsprojekte namentlich mit Salärbeiträgen. Zusätzlich beantragt werden können Beiträge an Sachmittel, die für die Durchführung des Projekts notwendig sind.

Lena Serck-Hanssen, Dipl. Natw. ETH

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