125 Jahre Psychologisches Institut

Erklär mir, Expert:in, was ich mir nicht erklären kann

Psychologie gehört an der UZH nicht nur zu den beliebtesten Studienrichtungen, sondern auch zu den ältesten. Am 23. September feiert das Psychologische Institut sein 125-Jahr-Jubiläum, unter anderem mit dem attraktiven Angebot «Meet the Experts».

Brigitte Blöchlinger

Mike Martin Bildergalerie
Mike Martin
Klicken Sie sich durch die Bildergalerie: Diesen UZH-Psychologinnen und -Psychologen können Sie beim öffentlichen Jubiläumsanlass «Meet the Experts» Fragen stellen. (Bild: Komm)


Probleme oder stressige Situationen kann man ganz unterschiedlich angehen. Diese Bandbreite an Bewältigungsstrategien wollen die Professorinnen und Professoren am Institut für Psychologie beim Jubiläumsanlass «Meet the Experts» aufzeigen. Und zwar so: Wer eine Frage von allgemeinem Interesse zu einem psychologischen Thema hat, kann sie live bei «Meet the Experts» stellen. Die anwesenden Expertinnen und Experten werden sich dann jeweils aus Sicht ihrer psychologischen Fachrichtung dazu äussern. Die Fragen sollten aus einem der folgenden Themenbereiche stammen: Depression, Stress, Psychotherapie, Motivation, Risiko und Gesundheit im Jugend- und Erwachsenenalter, Persönlichkeit, Individuum – Gruppe – Gesellschaft, gesundes Altern sowie Gehirn und Geist. Wer den Expert:innen zu einem dieser Themenbereiche gern eine Frage stellen möchte, soll das bitte online anmelden. Bei der Online-Anmeldung muss er oder sie die Frage noch nicht angeben, die stellt man dann vor Ort im Publikum.

Meet the Experts: Ihr Anliegen für alle besprochen

Nun ist es natürlich nicht ganz einfach, in einem Raum voller fremder Leute eine Frage zu formulieren. Deshalb gehen wir hier mit gutem Beispiel voran. Wir haben uns überlegt, was UZH News bei «Meet the Experts» fragen könnte – wenn UZH News ein Mensch wäre. Wenn er zum Beispiel Herr Uzet H. Nius wäre, ein Mann im mittleren Alter, der damit konfrontiert ist, dass er massiv Konkurrenz von Jüngeren bekommen hat und sich verändern sollte. Wenn Herr Uzet H. Nius bei «Meet the Experts» dabei sein könnte, würde er vielleicht die folgenden Fragen stellen. Die Antworten stammen von fünf der Psychologie-«Experts».

1. Frage

Herr Uzet H. Nius: Ich habe gut zwanzig erfolgreiche Jahre im Beruf hinter mir, bin noch immer leistungsfähig und schnell. Doch seit einiger Zeit reden die Leute fast nur noch von Frau Tiktok und Frau Instagram. Die seien noch dynamischer und vor allem kommunikativer als ich. Ich muss sagen, diese Konkurrenzsituation setzt mir zu. Es deprimiert mich, schliesslich war ich jahrelang die Nummer eins im Online-Bereich.

Antwort von Expertin Veronika Brandstätter-Morawietz:

Zeiten ändern sich, Menschen ändern sich, man selbst ändert sich – und so muss man auch manchmal von liebgewordenen Gewohnheiten oder Überzeugungen Abschied nehmen und sich alternativen, attraktiven Dingen zuwenden. In der Motivationspsychologie sprechen wir in diesem Zusammenhang von Zielablösung, die bisweilen die gesündere Variante ist, wenn ein Ziel sich als nicht mehr gut erreichbar oder unattraktiv erweist. Die Kunst liegt darin, sein Handeln und damit auch seinen Selbstwert auf Dinge auszurichten, die für einen persönlich wichtig und erreichbar sind. Diese Neuorientierung im persönlichen Zielstreben ist eine Kunst, die erlernt werden kann.

Antwort von Experte Chris Hopwood:

Ich verstehe und teile Ihre Herausforderung – habe ich doch die gesamte High School durchlaufen, ohne jemals etwas vom Internet gehört zu haben. Aber ich denke, dass es sehr einfach ist, den Anschluss zu verlieren, wenn man einmal zurückgefallen ist. Deshalb versuche ich mein Bestes, um mitzuhalten, auch wenn ich mich dabei manchmal etwas verloren fühle.

2. Frage

Herr Uzet H. Nius: Bisher bin ich mit meiner seriösen zurückhaltenden Art gut angekommen. Doch heutzutage werden solche Personen kaum mehr wahrgenommen. Es heisst, sie würden sich unter ihrem Wert verkaufen. Ich möchte mich deshalb gern extrovertierter und zeitgemässer geben. Als ersten Schritt werde ich erneut mein Styling anpassen. Meine edlen gold-olivfarbenen Cordhosen habe ich ja schon vor Jahren umgetauscht in ein elegantes blau-weisses Outfit, nun gedenke ich, mir ein luftigeres Erscheinen zu geben. Doch es beschäftigt mich schon: Muss ich mich dauernd dem Zeitgeist anpassen, um wahrgenommen und geschätzt zu werden?

Antwort von Experte Johannes Ullrich:

Wir wissen aus zahllosen Studien, dass sich Menschen gegenseitig um so mehr mögen, je mehr Übereinstimmungen in ihren Einstellungen sie feststellen. Ähnlichkeit ist eine wichtige Grundlage zwischenmenschlicher Anziehung. Lieber Herr Nius, wenn Sie feststellen, dass die Leute, mit denen Sie zu tun haben, nun ganz andere Einstellungen haben als früher, dann ist es nachvollziehbar, dass auch Sie sich ändern wollen, um gemocht zu werden. Bedenken Sie jedoch auch, dass Menschen Kontinuität und Stabilität in ihren Beziehungen schätzen!

Antwort von Experte Chris Hopwood:

Sie haben so einen tollen Stil, ich würde nichts daran ändern. Zwar ist es der beste Weg, schnell alt zu werden, wenn man in seinen Gewohnheiten feststeckt. Der «Trick» scheint darin zu bestehen, die Person zu sein, die man ist, in der Zeit, in der man lebt. Das ist für jeden von uns schwierig.

3. Frage

Herr Uzet H. Nius: Ich bin von Natur aus an vielem interessiert und äussere mich gerne jeden Tag zu neuen Themen – ehrlich gesagt texte ich manchmal die anderen fast ein wenig zu. Geistig bin ich sehr fit. Doch mit dem Sport will und will es nicht klappen. Nach all den Jahren erfolgloser Versuche scheint mir, Bewegung passe einfach nicht zu mir. Muss ich mir Sorgen machen, weil Bewegung zu einem gesunden Altern gehört? Oder reicht es, geistig fit zu bleiben?

Antwort von Expertin Ulrike Ehlert:
Also Ihre Begeisterung für die unterschiedlichsten Dinge des Lebens ist super! Das ist sicherlich eine sehr gute Voraussetzung, um sich auch im Alter mit vielleicht ganz neuen Dingen und Themen zu beschäftigen und dadurch kognitiv flexibel zu bleiben. Ihre Strategie, die Sie mit Sir Winston Churchill gemeinsam haben – «no sports, please» –, können Sie vielleicht noch leicht ändern. Es geht ja nicht darum, irgendwann Senioren-Marathon-Gewinner zu werden, sondern Bewegung in den Alltag einzubauen. Sie wissen schon, Treppe statt Lift oder kürzere Strecken zu Fuss gehen, statt mit dem Bus fahren. Wenn Sie das jetzt regelmässig machen, dann ist das eine sehr gute Investition ins gesunde Altern.

Antwort von Experte Mike Martin:

Es ist bei jeder Person ein Leben lang ein reflektiertes Zusammenspiel zwischen den eigenen Zielen und Wertvorstellungen und den eigenen Fähigkeiten, Eigenschaften, Umwelten und Aktivitäten notwendig, damit Lebensqualität erreicht und erhalten wird. Deshalb hängt im Normalfall die Lebensqualität nicht von einem einzigen Aspekt des Erlebens oder Verhaltens ab. Aber: Je grösser das Repertoire an Möglichkeiten, desto flexibler kann man unter den unterschiedlichsten Umständen bis ins höchste Alter Lebensqualität erreichen.

Antwort von Expertin Veronika Brandstätter-Morawietz:

Gesundes Altern gelingt besser bei einer gesunden und vor allem «bewegten» Lebensweise. Körperliche Bewegung ist das A und O für körperliche und mentale Gesundheit – in jedem Lebensalter. Nun fällt es einem ja aber manchmal sehr schwer, sich zu überwinden, regelmässig Sport zu treiben. Mein Tipp ist hier: Gestalten Sie das Sport-Treiben so, dass sie möglichst viele angenehme Aspekte damit verbinden. Suchen Sie sich beispielsweise eine Sportart aus, die Ihnen zusagt, machen Sie zusammen mit anderen Sport, wenn sie gern in geselliger Runde sind, hören Sie Musik dabei – was auch immer Ihnen Freude bereitet.

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Die Anfänge des Psychologischen Instituts

Es gibt wenige Untersuchungsgegenstände, die den Menschen so stark ausmachen und gleichzeitig im wahrsten Sinne des Wortes unfassbar sind, wie die Psyche. Diese Herausforderung teilt die Psychologie mit der Theologie, die mit Gott ebenfalls eine grosse Unbekannte erforscht. Diesem Umstand ist es vielleicht geschuldet, dass es viele Generationen von Experten und (nach langer Zeit endlich auch) Expertinnen brauchte, bis man zur Psyche einen eigenen wissenschaftlichen Zugang fand. Lange Zeit orientierten sich die Wissenschaftler an anderen Disziplinen wie der Medizin, Philosophie oder gar der Physik. Auch die frühen Psychologieprofessoren an der UZH stammten ursprünglich aus diesen Fächern.

Ernst Meumann
Ernst Meumann gilt als Gründer des Psychologischen Instituts. (Bild: zVg)

Als Gründer des Psychologischen Instituts an der UZH gilt der deutsche Experimentalpsychologe Ernst Meumann. Er wurde als Professor für Philosophie angestellt, eröffnete jedoch 1897 ein Psychologisches Labor, in dem er die Verarbeitung von einfachen Reizen auf die verschiedenen Sinnesorgane mit damals hoch präzisen Instrumenten untersuchte. Der Pastorensohn Meumann hatte sich in Leipzig mit seinen «Untersuchungen zur Psychologie und Ästhetik des Rhythmus» habilitiert. In Zürich setzte er dann aber den Fokus zunehmend auf die Pädagogische (Jugend-)Psychologie. Er verschmolz die damaligen empirisch-psychologischen Methoden mit erziehungswissenschaftlichen Problemen zur Experimentellen Pädagogik. Regelmässig bot er experimentalpsychologische Kurse an, die auf grosses Interesse bei den Studierenden stiessen – obwohl sie teilweise um 5 Uhr morgens begannen.

Wahrnehmungspsychologie und Psychophysik

Weil das Psychologie-Studium von Anfang an beliebt war, wurde das Lehrangebot ausgebaut. Erst wurde der Mediziner Gustav Störring berufen (der sich auch mit religionsphilosophischen Fragen auseinandersetzte und u.a. die «Realität Gottes» als wissenschaftlich begründbar bezeichnete), dann der Wahrnehmungspsychologe Friedrich Schumann und schliesslich der «Psychophysiker» Gottlob Friedrich Lipps. Lipps war der Sohn eines Pfarrer und hatte Mathematik, Physik, Philosophie und Psychologie studiert, danach wirkte er lange als Oberlehrer in Leipzig. Er prägte das Psychologische Institut an der UZH während zwanzig Jahren mit seiner «Psychophysik» und der statistischen und experimentellen Methodik, unterstützt von zwei Fachkräften aus der angewandten Psychologie.

Gottlob F. Lipps
Der Zeit- oder Bewegungsschreiber. (Bild: Henri Gossweiler)

Trotz des langen und erfolgreichen Wirkens von Lipps wurde nach dessen Tod 1931 das psychologische Labor aufgegeben und Psychologie als Prüfungsfach gestrichen. Es dauerte 17 Jahre, bis Psychologie mit der Berufung von Wilhelm Keller 1948 an der UZH als Hauptfach studiert werden konnte. Rasch war das Studium wieder beliebt und erlebte in den 70er-Jahren einen regelrechten Boom: 1975 belegten 750 Studierende Psychologie im Hauptfach und 220 im Nebenfach.

In der Folge wurde bei der Besetzung der Lehrstühle darauf geachtet, dass sowohl die empirische Psychologie (Ulrich Moser, Gerhard Schmidtchen u.a.) als auch die theoretische Psychologie (Detlev von Uslar) abgedeckt waren. Später wurden Lehrstühle für Klinische Psychologie (Inge Strauch, Brigitte Boothe u.a.), Sozialpsychologie (Heinz Gutscher, Rainer Hornung u.a.), Psychologische Methodenlehre und Neuropsychologie geschaffen.

Pluralität der Methoden

2002 wurden gleich acht neue Lehrstühle besetzt, um die ungebrochen wachsende Zahl von Studierenden aufzufangen. Bis heute ist Psychologie einer der am häufigsten gewählten Studiengänge.

Brigitte Blöchlinger, Redaktorin UZH News