Zürcher Baukultur

Was Bauernhäuser und Dorfkirchen erzählen

Ein Forscherteam der UZH befasst sich mit den historisch bedeutenden Bauten des Zürcher Landbezirks Dielsdorf. Die Ergebnisse werden in einen Band der Buchreihe «Die Kunstdenkmäler der Schweiz» einfliessen.

Lukas Kistler

Teaser Bildergalerie
Bildergalerie: Die folgenden Fotografien zeigen eine Auswahl von Bauten, die für den neuen Kunstdenkmäler-Band zum Bezirk Dielsdorf in Betracht kommen. (Bilder: Regula Crottet, Anika Kerstan, Carola Jäggi)

 

Kirchen und Schulhäuser, herrschaftliche Wohnsitze und Wohnsiedlungen, Fabriken, Brücken und Bauernhöfe: Solchen Bauten gilt seit vergangenem Sommer die Aufmerksamkeit der Kunsthistorikerinnen Regula Crottet und Anika Kerstan sowie des Historikers Philipp Zwyssig. Sie sind in den Gemeinden des Bezirks Dielsdorf unterwegs, erfassen dort die noch vorhandenen historisch bedeutenden Bauten, besichtigen nach Absprache Häuser und sichten die Archive. Mit ihren Hausbesichtigungen weckt Regula Crottet die Neugier der Eigentümerinnen und Eigentümer: «Wer erfährt, dass sein Haus in kunsthistorischer Hinsicht wertvoll ist, freut sie sich meist darüber», sagt sie. Die Recherche wird in einen Band der Kunstdenkmäler-Reihe der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK) münden (siehe Kasten).

Zeugen der Zeit

Das Forscherteam wandelt teilweise auf bekannten Pfaden, hatte doch Hermann Fietz 1943 einen Kunstdenkmäler-Band unter anderem zum Bezirk Dielsdorf veröffentlicht. Doch während dem Architekturhistoriker und Architekten 62 Seiten reichen mussten, sind heute 496 Seiten dafür vorgesehen. «Der Blick auf die gebaute Vergangenheit hat sich seit 1943 weiterentwickelt», sagt Carola Jäggi, Professorin für Kunstgeschichte des Mittelalters und Mittelalterarchäologie an der Universität Zürich.

Fietz hatte sein Augenmerk vor allem auf Kirchen oder Repräsentationsbauten aus der Zeit bis 1850 gerichtet, heute fallen auch Bautypen wie Gewerbe- und Fabrikbauten, Geschäftshäuser, Wohnsiedlungen und Schulhäuser in Betracht, auch solche aus der jüngeren Vergangenheit. Nach dem Kriterium gefragt, sagt Regula Crottet: «Entscheidend ist, wie gut die Bauten erhalten sind und ob sie in der Lage sind, von einer oder mehreren Epochen zu erzählen.» Dabei fallen kunst-, architektur- und sozialgeschichtliche Aspekte in Betracht. Neben Einzelbauten analysiert das Team auch Siedlungsgefüge und -entwicklung, den Strassenbau oder auch die Wasserversorgung.

Auch Studierende profitieren

Das Inventarisierungsprojekt, das zusammen mit der Denkmalpflege des Kantons Zürich und der GSK unter Federführung von Carola Jäggi entsteht, knüpft an eine lange Tradition der Zürcher Kunstgeschichte an, die vor rund 150 Jahren mit Friedrich Salomon Vögelin und Johann Rudolf Rahn begann. Letztere erforschten und inventarisierten als erste Kunstgeschichtsprofessoren der Universität Zürich die Baudenkmäler in der Schweiz, diejenigen Bauten also, die als Zeuge einer Epoche gelten können.

Die Arbeit an einem Kunstdenkmäler-Band ist Grundlagenforschung, die ein robustes Wissen über die baulichen Zeugen einer Region zur Verfügung stellt. «Diese Bände sind Handbücher, die man noch in vierzig Jahren zitieren wird», sagt Carola Jäggi.

Die Zusammenarbeit mit der Zürcher Denkmalpflege, sagt Carola Jäggi, komme auch der Lehre zugute: «Den Studierenden werden wir nächstes Semester eine Einführung in die Inventarisierungspraxis anbieten.»

Siedlungsdruck setzt Zeitzeugen zu

Auch zu den Zürcher Landbezirken Affoltern am Albis, Andelfingen, Bülach, Hinwil, Horgen und Meilen sind neue Bände der Buchreihe «Kunstdenkmäler der Schweiz» vorgesehen. Das Buch über den Bezirk Dielsdorf bildet in dieser Serie den Anfang. «Viele Gemeinden der Region, die noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts stark bäuerlich geprägt waren, erlebten in den letzten Jahrzehnten einen Bauboom, der sich stark auf die Siedlungsstruktur und die historisch wertvolle Bausubstanz ausgewirkt hat. Der Zeitpunkt scheint uns daher richtig, die noch vorhandenen Baudenkmäler zu dokumentieren», sagt Regula Crottet.

Die Gemeinde Regensdorf im Bezirk Dielsdorf lieferte jüngst ein unrühmliches Beispiel für das Verschwinden des baukünstlerischen Erbes. Dort liess der Eigentümer das unter Schutz stehende ehemalige Bauernhaus Fröschegrueb von 1559 erst verfallen und dann mit dem Segen des Gemeinderats widerrechtlich dem Erdboden gleichmachen. Der Eigentümer wurde zwar gerichtlich dazu verpflichtet, das Haus wieder aufzubauen, aber die historische Substanz ist unwiederbringlich verloren.

«Was man nicht kennt, schätzt man nicht», sagt Carola Jäggi. Die Kunstdenkmäler-Reihe nobilitiert historische Bauten. Sie ist Teil des kollektiven Gedächtnisses.

Die Kunstdenkmäler der Schweiz

Das Langzeitprojekt «Die Kunstdenkmäler der Schweiz» der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK) bringt es derzeit auf 137 Bände (Stand Dezember 2018), wovon jeder mindestens eineinhalb Kilogramm wiegt und rund 500 Seiten umfasst. Die GSK hatte 1927 mit dem Band über die Schwyzer Bezirke Einsiedeln, Höfe und March begonnen, und seither haben mehrere Generationen von  Forschenden historisch bedeutende Bauten nach allen Regeln der architekturhistorischen Kunst erfasst und beschrieben. Die Reihe ist noch nicht abgeschlossen, von manchen Kantonen liegen noch keine Kunstdenkmäler-Bände vor. Andere Bände wiederum sind in die Jahre gekommen – so wie der Band über die Zürcher Landbezirke Bülach, Dielsdorf, Hinwil, Horgen und Meilen von 1943. Der neue Band zu Dielsdorf wird 2023 erscheinen.

Carola Jäggi leitet in Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege das dreiköpfige Projektteam für die Neuausgabe des Kunstdenkmäler-Bandes zum Bezirk Dielsdorf. An ihrem Lehrstuhl für Kunstgeschichte des Mittelalters und für Archäologie der frühchristlichen, hoch- und spätmittelalterlichen Zeit an der Universität Zürich befasst sie sich vor allem mit Architekturgeschichte. Sie ist Mitautorin des Kunstdenkmäler-Bandes über das Basler Münster und im Vorstand der GSK.

Die Kunsthistorikerin Regula Crottet schrieb bereits an zwei Bänden zur Stadt Zürich mit.

Lukas Kistler ist freier Journalist.

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