Internationale Beziehungen

Ein zweites Leben in der Schweiz

Eine Ausstellung im Lichthof und eine feierlich enthüllte Gedenktafel erinnern seit gestern an die vielen Menschen, die nach der Niederschlagung des Prager Frühlings vor 50 Jahren in der Schweiz ein neues Zuhause fanden. Die Prager Karls-Universität und die UZH definierten zudem die nächsten Schritte zur Vertiefung ihrer strategischen Partnerschaft.

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UZH und Karls-Universität Zürich
Feierlicher Moment: Jiri Dvorak, UZH-Alumnus, Tomas Zima, Rektor der Prager Karls-Universität, und UZH-Rektor Michael Hengartner enthüllen die Gedenktafel der geflüchteten tschechischen und slowakischen Studierenden. (Bild: Frank Brüderli)

 

Der Prager Frühling im Jahr 1968 war ein Hoffnungsschimmer für die tschechoslowakische Bevölkerung. Viele wünschten sich Eigenständigkeit, Demokratie und einen «Sozialismus mit menschlichem Antlitz». Doch die geplanten Reformen wurden durch eine brutale Invasion sowjetischer Truppen verunmöglicht. Eine Welle der Entrüstung ging durch Europa, insbesondere auch durch die Schweiz: Sofort fanden Solidaritätsbekundungen mit dem tschechoslowakischen Volk sowie Protestaktionen gegen die Sowjetunion statt.

Unbürokratisch und liberal

Kurz nach diesen Ereignissen öffnete die Schweiz ihre Grenzen für tschechoslowakische Flüchtlinge: Völlig unbürokratisch und liberal gestaltete sich die damalige Asylpraxis: Bis 1969 nahm die Schweiz mehr als 20'000 Asylsuchende auf, von denen sich 14'000 schliesslich im Land niederliessen. Sie galten als politische Flüchtlinge, und viele von ihnen fanden hierzulande Arbeits- und Studienplätze. Sie begannen ein zweites Leben in der Schweiz.

Die Ausstellung «A Second Life: Stories of people who found a new home in Switzerland after 1968» im Lichthof der UZH erinnert an die schicksalshaften Ereignisse. Sie porträtiert 25 Persönlichkeiten, die aus der Tschechoslowakei emigrierten und in der Schweiz ein neues Leben begannen. Dominik Furgler, Schweizer Botschafter in Prag, erinnerte bei der Ausstellungseröffnung daran, dass die damals geflüchteten Menschen in der Schweiz nicht nur ein neues Zuhause gefunden hätten, sondern viel zum Gemeinwohl beigetragen hätten.

Menschenrechte wahren

Tomas Zima, Rektor der Prager Karls-Universität, UZH-Rektor Michael Hengartner und der UZH-Alumnus Jiri Dvorak enthüllten kurz vor der Ausstellungseröffnung feierlich eine Gedenktafel. Sie entstammt einer Initiative mehrerer UZH-Alumni, die aus der damaligen Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik geflüchtet waren.

UZH-Alumnus Jiri Dvorak, einer der Initiatoren, erinnerte in seiner Ansprache an die Bemühungen der Universität und des Kantons Zürich, die Integration der Neuankömmlinge zu erleichtern – etwa in Form von Deutschkursen und Stipendien. Dvorak hatte vor seiner Flucht ein Medizinstudium an der Prager Karls-Universität begonnen. Die Professoren hätten viel Verständnis für die besondere Situation der Studierenden aus der Tschechoslowakei gezeigt. «Das Schweizer Volk hat uns sehr freundlich und herzlich aufgenommen. Heute fühlen wir uns in Zürich zuhause.»

Viele der aus der Tschechoslowakei geflüchteten UZH-Studierenden hätten nach ihrem Studienabschluss die kontinuierliche Zusammenarbeit mit der UZH gesucht, sagte Dvorak. Nach 1989 hätten sie die gesellschaftliche Transformation in Tschechien und der Slowakei unterstützt, und heute engagierten sie sich für die akademische Freundschaft zwischen der UZH und der Karls-Universität.

Offener Austausch

UZH-Rektor Michael Hengartner zeigte sich geehrt und dankte den ehemaligen UZH-Studierenden für ihre Initiative. Die UZH-Angehörigen seien vor 50 Jahren bereit gewesen, Menschen in Not zu unterstützen, das erfülle ihn mit Stolz. «Die Gedenktafel mahnt uns daran, auch weiterhin unsere gesellschaftlichen Pflichten wahrzunehmen und die Menschenrechte zu wahren», sagte Hengartner.

Auch Tomas Zima, Rektor der Karls-Universität in Prag, dankte der Universität Zürich für die Aufnahme der geflüchteten Studierenden und Professoren. Er erinnerte daran, dass die europäischen Universitäten schon im Mittelalter einen offenen Austausch untereinander gepflegt hätten. «Studenten und Professoren konnten sich frei zwischen den Universitäten bewegen.» Auch heute sei es eine wichtige Aufgabe der Universitäten, für Freiheit und Solidarität in der Gesellschaft einzustehen.

Ideale Partner

Die beiden Rektoren Michael Hengartner und Tomas Zima lobten die langjährige Freundschaft der beiden Universitäten, die letztes Jahr in einer strategischen Partnerschaft weiter vertieft wurde. «Die Prager Karls-Universität und die UZH sind ideale Partner, da sie viele Gemeinsamkeiten haben», sagte Hengartner. Beide Universitäten seien exzellente Forschungsuniversitäten, pflegten fach- und grenzüberschreitende Kollaborationen, seien stolz auf ihre Geschichte und fühlten sich verpflichtet, zur Weiterentwicklung der Gesellschaft beizutragen.

Dass die Partnerschaft zwischen UZH und der Karls-Universität bereits Früchte trägt, zeigte ein gemeinsames Symposium, das gestern an der UZH stattfand.

 

Strategische Partnerschaft der UZH und der Karls-Universität in Prag

Im Dezember 2017 gingen die UZH und die Karls-Universität Prag eine strategische Partnerschaft ein. Im ersten Jahr dieser Partnerschaft wurden gemeinsam sieben bilaterale Forschungsprojekte in den Fächern Medizin, Germanistik und Musikwissenschaft finanziell unterstützt.

Beim gestrigen Treffen beschlossen die beiden Universitätsleitungen, auch im kommenden Jahr Mittel für gemeinsame Forschungsprojekte zur Verfügung zu stellen. Forschende aus allen Fachrichtungen der beiden Universitäten werden in einem Open Call finanzielle Mittel beantragen können. Bereits geförderte Projekte können in einem Closed Call ebenfalls weitere Fördermittel beantragen. Zudem werden gemeinsame Forschungsprojekte unterstützt mit Beratung für Drittmitteleinwerbung. In einem jährlichen Workshop sollen in Zukunft die gemeinsamen Forschungsprojekte vorgestellt und evaluiert werden.

Der nächste gemeinsame Workshop findet im Dezember 2019 in Prag statt. Zudem soll die Studierendenmobilität in noch fehlenden Bereichen ausgebaut und zusätzliche Forschungspraktika aufgebaut werden. 

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