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Religionswissenschaft

Digitaler Glaube

Vom Online-Gottesdienst bis zum virtuellen Friedhof: Religion und Spiritualität sind auch im Internet präsent und ermöglichen Kontakt zu Gleichgesinnten. UZH-Religionswissenschaftlerin Dorothea Lüddeckens zeigt im Rahmen des «Digitaltages» die Vielfalt des digitalen religiösen Zeitalters auf und plädiert für eine vernetzte Wahrnehmung - auch in der Forschung.
Dorothea Lüddeckens
Dorothea Lüddeckens spricht am Digitaltag vom 21. November darüber, wie Religion und Spiritualität auch übers Internet funktionieren.

 

Das Internet bietet nicht nur über News und Youtube-Videos viel Religiöses - es ist heute auch ein Ort für die religiöse und spirituelle Praxis. Das Angebot an entsprechenden Apps, Blogs und anderen Plattformen wird immer vielfältiger und immer häufiger genutzt.

Religion wird meist mit Gemeinschaften assoziiert. Das Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören, war bis vor kurzem damit verbunden, andere Menschen persönlich zu treffen. Das hat sich mit der Digitalisierung verändert. Auch im Internet lässt sich heute Religion in der Gemeinschaft erleben – besonders beliebt sind derzeit etwa christliche und muslimische Apps, wo füreinander gebetet wird. Aber auch mit Twitter kann sich zum Beispiel über einen Hashtag eine gemeinsame Identität im Hinblick auf religiöse Fragen entwickeln.

Keine Konkurrenz

Studien zeigen allerdings, dass die meisten Menschen religiöse und spirituelle Angebote im Netz zusätzlich zu Offline-Angeboten von religiösen Gemeinschaften und Akteuren nutzen. Wer online religiös aktiv ist, ist das in der Regel auch offline. Digitale Gemeinschaften sind somit keine Konkurrenz zu den traditionellen Gemeinschaften, im Gegenteil: Über das Internet werden zum Beispiel online Beziehungen geknüpft, die dann zu Kontakten ausserhalb des Internets führen können. Jede Online-Partnerschaftsvermittlung arbeitet ebenfalls mit diesem Prinzip.

Die häufig enge Verbindung und Zweigleisigkeit von Offline und Online-Realität gilt auch für die religiöse Mobilisierung und Radikalisierung. Die meisten bisherigen Studien hierzu konzentrieren sich jedoch auf die Seite der Anbietenden im Netz, während wir zu den potentiellen Rezipientinnen und Rezipienten noch relativ wenig wissen. Allerdings sprechen die vorhandenen Forschungsergebnisse dafür, dass religiöse Radikalisierung in den wenigsten Fällen ausschliesslich oder ausschlaggebend über das Internet erfolgt. Vielmehr bedarf es offensichtlich auch sozialer Offline-Kontakte.

Beide Welten im Blick

Digitale Religion kann ebenso religiös und authentisch sein wie Religion ausserhalb des Internets - wenn auch anders. Mit dem Internet steht uns ein Medium zur Verfügung, in dem wir jederzeit Passendes für unsere aktuelle Lage suchen können, auch wenn es um Religion und Spiritualität geht. Es bedient unser Bedürfnis nach Individualität und Flexibilität. Mit wenigen Klicks lässt sich jedes Profil jederzeit schnell anpassen.

Die Digitalisierung der Religion bringt Gefahren in ganz neuem Ausmass mit sich. Datenschutz und Transparenz beispielsweise sind brisante Themen, wenn es um die Religionsfreiheit geht. Manipulation und Kontrolle bis hin zur Mobilisierung von religiöser Gewalt bekommen mit dem Internet neue Dimensionen – der Zugang ist niederschwelliger, die Vernetzung global.

Das hat auch Auswirkungen auf die Forschung: Wir müssen in der Forschung zum Internet auch die Religion im Blick haben und in der Religionsforschung auch die digitale Welt. Wenn wir das nicht tun, verpassen wir eine ganz entscheidende Schnittmenge.