Arabische Revolutionen

Globaler Mufti als Quotenhit

Die islamische Talkshow «Sharia and Life» des arabischen Satelliten-TV al-Jazeera erreicht Woche für Woche bis zu 40 Millionen Zuschauer. In der Sendung wendet sich der populäre muslimische Prediger Jussuf al-Qaradawi regelmässig an seine globale TV-Gemeinde. Amir Hamid, Islamwissenschaftler und Doktorand an der Universität Zürich, hat seine Reden analysiert.

Interview: Marita Fuchs

UZH News: Herr Hamid, Sie sprechen heute an der Veranstaltung «Media and Politics in Asia and Europe» an der Universität Zürich über «Sharia and Life», eine Sendung des Satellitensenders al-Jazeera, die Woche für Woche bis zu 40 Millionen Zuschauer weltweit erreicht. Worum geht es in den Sendungen?

Amir Hamid: Bei «Sharia and Life» geht es um die muslimische Lebenspraxis vor dem Hintergrund der Scharia, also des islamischen Rechts. Die thematischen Inhalte reichen von der Kindererziehung über das Verhalten von Eheleuten bis zu Fragen der Politik. Formal ist die Sendung so konzipiert, dass jeweils ein Reporter religiöse Experten interviewt.

«Sharia and Life» mit Jussuf al-Qaradawi (l.): Westliche Intervention in Libyen klar unterstützt. (Bild: al Jazeera/Youtube)

In gut der Hälfte der Sendungen tritt der Gelehrte Jussuf al-Qaradawi auf, der dieses TV-Format 1996 entwickelte und damit sofort grossen Erfolg hatte. Aber auch andere Grössen der muslimischen Welt werden interviewt und erhalten durch die Sendung ein breites Forum. Jede Sendung dauert 45 Minuten und steht in der Tradition westlicher politischer Talkshows, die al-Jazeera bei Sendern wie BBC und CNN abgeschaut hat.

Wer bestimmt die Themen?

Die Sendung widerspiegelt das «Who is Who» in der muslimischen Welt, doch die Themensetzung wird stark von Jussuf al-Qaradawi bestimmt. Er richtet sich nicht nur an die Muslime im arabischen Raum, sondern auch an die Muslime im Westen und in Asien. Darum wird «Sharia and Life» auch  am Sonntag und nicht am Freitag – dem traditionellen Gebetstag – ausgestrahlt.

Spielte die arabische Revolution in den letzten Sendungen eine Rolle?

Ja, die letzten drei Sendungen waren ausschliesslich politischen Themen gewidmet. Interessant ist, dass sich schon vor den Protesten auf dem Tahir-Platz die kommenden Ereignisse in den Sendungen mit al-Qaradawi abgezeichnet haben. Damit versuchte al-Qaradawi gezielt, sich als revolutionärer Scheich zu positionieren.

So forderte er bereits in der Frühphase der Proteste Mubarak zum Rücktritt auf. In der Freitagspredigt, die er nach dessen Rücktritt auf dem Tahir-Platz hielt, und in der er sich an Christen und Muslime wandte, wiederholte er einzelne Passagen seiner Sendungen wörtlich – vor allem die Verdammung des Pharaos und seiner Erben. Später verdammte er das libysche Staatsoberhaupt Muammar Gaddafi, der zutiefst unreligiös handle, indem er die Waffen gegen sein eigenes Volk richte.

Das Wort al-Qaradawis hat Gewicht in der arabischen Welt. In einer kürzlich erschienenen Publikation wurde er als «globaler Mufti» bezeichnet. Trifft das den Kern?

Al-Qaradawi versteht es, alle medialen Techniken für sich zu nutzen, um seiner Stimme Gehör zu verschaffen. Er bestreitet nicht nur die Sendung «Sharia and Life», sondern er ist auch Vorsitzender des European Council for Fatwa and Research und derInternational Union for Muslim Scholars.

Er hat über achtzig Bücher geschrieben und bis vor Kurzem war er an der muslimischen Website «islamonline» beteiligt, einem der wichtigsten islamischen Internetportale. Da die Financiers aus Katar aber nicht mehr mit den kritischen Beiträgen einiger junger, muslimischer Blogger einverstanden waren, wurde die ägyptische Redaktion – und mit ihr al-Qaradawi, der sich vor sie gestellt hatte – im März 2010 entlassen. Ein digitales Vorzeichen der Revolution.

Was für ein Mensch ist al-Qaradawi?

In ihm widerspiegelt sich ein Grossteil der Geschichte der islamischen Welt des 20. und 21. Jahrhunderts. Er stammt aus Unterägypten und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Im Alter von zehn Jahren soll er den Koran auswendig gelernt haben, was ihm grossen Respekt bei der dörflichen Gemeinschaft einbrachte.

Amir Hamid, Islamwissenschaftler und Doktorand, Universität Zürich: «'Sharia and Life' wiederspiegelt das 'Who is Who' in der muslimischen Welt.» (Bild: PD)

Er besuchte das religiöse Institut in Tanta und das Theologische Seminar der Azhar-Universität in Kairo, wo er als Jahrgangsbester abschloss. Danach trat er der Muslimbruderschaft bei. Aufgrund dessen und durch seine nicht staatskonformen Publikationen kam er mehrmals in Haft. Bereits 1960 schrieb er sein bis heute wichtigstes Werk «Erlaubtes und Verbotenes im Islam».

Durch seine Lebensgeschichte gilt al-Qaradawi in der arabischen Welt als glaubwürdig. Konkret: durch seine Verankerung in der arabischen Gelehrsamkeit, seinen politischen Aktivismus in der Muslimbruderschaft und durch seinen Bruch mit dem politischen System in Ägypten, den er schon in den 1960er Jahren vollzogen hat.

Welche Rolle spielt die Muslimbruderschaft in Ägypten?

Es gibt Ableger in der ganzen arabischen Welt. Die Bewegung ist sehr heterogen. Sie wurde 1925 in Ägypten gegründet und entwickelt sich im Moment sehr stark. Politisch ausgerichtet war sie schon immer, doch wurden ihre Aktivitäten seit den fünfziger Jahren zunächst von den kolonialen, dann den nationalen Behörden unterdrückt.

Gegenwärtig scheinen sich die Verwerfungen innerhalb der ägyptischen Gesellschaft auch in der Bruderschaft widerzuspiegeln, wie die gespaltene Haltung der Organisation zum Verfassungsreferendum am 19. März deutlich zeigt. Wie es mit der Muslimbruderschaft in einem freieren Ägypten weitergeht, ist schwer einzuschätzen.

Steht al-Qaradawi für islamische Toleranz und wäre er ein Gesprächspartner für den Westen?

Die Frage lautet: Wer bestimmt, wer ein Gesprächspartner ist? Und wer setzt die Themen fest? Darüber müssen sich die arabischen Gesellschaften zunächst frei verständigen können. Ob dieser Gesprächspartner und seine Agenda dann auch dem Westen und seinen Verbündeten genehm ist, steht auf einem anderen Blatt. 

Al-Qaradawi sieht sich als Vertreter eines islamischen Zentrismus, der sich von säkularen und aber auch von religiös-fundamentalistisch Positionen abgrenzt. Dieser Zentrismus beinhaltet konservative Werte. So sieht er den Ort der Frau in der Familie und lehnt Homosexualität strickt ab – Vorstellungen, die uns von gewissen Parteien hierzulande durchaus vertraut sind.

Al-Qaradawi vertritt jedoch auch liberale Werte wie Meinungsfreiheit und Demokratie, für die er den Westen bewundert. Zugleich verurteilt er die imperialistischen Tendenzen des Westens ebenso wie die Diktaturen in der arabischen Welt oder die Politik Israels gegenüber den Palästinensern.

Zudem hat er aktuelle Entwicklungen erkannt und auf sie reagiert – auch in seiner Auslegung des islamischen Rechts. So hat er klar die westliche Intervention in Libyen unterstützt und mit deutlichen Worten die zögerliche Haltung der Arabischen Union kritisiert.

Wie sollte sich der Westen in der aktuellen Situation gegenüber der arabischen Welt verhalten?

Der Westen hat die letzten 30 Jahre eng mit den Diktatoren der arabischen Welt zusammengearbeitet. Ich denke, er sollte nun vor allem die hiesigen Zivilgesellschaften in ihrem Aufbau unterstützen. Ein neuer Deal also: Es kann nicht mehr nur darum gehen, an billiges Öl zu kommen, egal zu welchen politischen Konditionen. Die arabischen Länder müssen vom Westen als gleichberechtigte Handelspartner und Mitspieler auf der politischen Bühne angenommen werden.

Dies bedeutet auch ein Umdenken für die Wissenschaft: Wir haben die arabischen Gesellschaften in den letzten Jahren oft darüber verhört, wie fundamentalistisch, frauenfeindlich oder terroristisch sie sind. Damit haben wir das Bild einer vormodernen und rückständigen Gesellschaft kultiviert. Dass die arabischen Gesellschaften längst viel weiter sind, haben sie nun deutlich bewiesen. Nur haben wir das verschlafen.

Marita Fuchs ist Redaktorin UZH News.

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