Wirtschaftsjournalismus

Zwischen Kritik und Kuschelkurs

Wirtschaftsjournalisten erklären uns, weshalb der Dollar sinkt oder die Aktienkurse steigen. Wer es jedoch wagt, das Gebaren von Banken oder anderen Unternehmen zu hinterfragen, sieht sich bald mit PR-Apparaten und Unternehmensanwälten konfrontiert. Ein Medientalk, organisiert vom Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der UZH und NZZ Campus.

Michael Brüggemann

Bankenkrise, Wirtschaftkrise, Debatten um unmoralische Managergehälter, – Wirtschaftsthemen haben sich von einem Spartenthema der Medienberichterstattung zu einem zentralen Gegenstand journalistischer Arbeit entwickelt. Aber wie steht es um den Wirtschaftsjournalismus in der Schweiz? Kann er den hohen Anforderungen an die Vermittlung komplexer Zusammenhänge gerecht werden? Sind Wirtschaftsjournalisten zu zahm mit den Managern umgegangen, die das marktwirtschaftliche System nah an den Zusammenbruch gebracht haben? Oder betreiben die Journalisten unnötige Hetze gegen die Großbanken und verletzen Persönlichkeitsrechte und Geschäftsgeheimnisse?

(v.l.n.r.) Sven Engesser (Moderation), Werner Wirth (Professor für Publizistikwissenschaft UZH), Daniel Glasl (Unternehmensanwalt), Hanspeter Portmann (Direktor Liechtensteinische Bank LGT): Unterschiedliche Interessen. (Bild: Walter Hättenschwiler/IPMZ)

Die Antworten auf diese Fragen gehen notwendig auseinander, wie sich auf dem gemeinsam von NZZ Campus und dem Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich organisierten «Medientalk» zeigte. Es diskutierten Vertreter des Journalismus und der Wirtschaft über «Verantwortung des Wirtschaftsjournalismus, seine Risiken, Herausforderungen und Widrigkeiten».

Verantwortungsvolle Aufgabe

Wirtschaftsberichterstattung hat eine herausragende Bedeutung für Unternehmen, weil sie das Verhalten von Anlegern und Kunden beeinflusst. Die Wirkung der Medien werde zugleich überschätzt und unterschätzt, erklärt Werner Wirth, Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft: Zwar glauben viele Anleger, dass sie sich selbst nicht von Medienberichten beeinflussen lassen. Gleichzeitig denken sie aber auch, dass andere Menschen stark von den Medien beeinflusst werden und richten ihr eigenes Verhalten nach dieser vermuteten Medienwirkung aus. Gerade im Wirtschaftsbereich gebe es ein großes Bedürfnis nach Interpretation und Erklärung. Demnach haben die Wirtschaftsjournalisten eine verantwortungsvolle Aufgabe.

Gleichzeitig befindet sich der Wirtschaftsjournalismus aber in einer prekären Lage: Auf Grund der allgemeinen Medienkrise arbeiten heute weniger Journalisten in den Wirtschaftsressorts der Medien. Ausführliche Wirtschaftsberichterstattung beschränkt sich auf wenige Qualitätsmedien.

Immer weniger Berichterstattung

Die Schweizer Regionalpresse habe die Wirtschaftsberichterstattung stark zurückgefahren, berichtet Jürg Wildberger, ehemaliger Chefredakteur und Gründer von «10vor10». Wochenmagazine wurden eingestellt, online finde Wirtschaftsjournalismus fast gar nicht statt. Dem stehen die stark ausgebauten Kommunikations- und Rechtsabteilungen der großen Unternehmen gegenüber. Auf Grund der besseren Bezahlung und der gesicherten Jobaussichten wechseln viele Journalisten irgendwann die Seite.

Jürg Wildberger (Gründer «10vor10») (l.), Felix Müller (Chefredaktor «NZZam Sonntag»): Wirtschaftsjournalismus findet online kaum statt.

Mahnende Briefe

Felix Müller, Chefredaktor der NZZ am Sonntag, beobachtet eine «gewaltige Aufrüstung der PR-Apparate» der Unternehmen. Besonders die «juristische Bedrohung des Wirtschaftsjournalismus» habe sich verschärft. Symptomatisch sei der Fall der Affäre um die Bank Swiss First von 2005, als die kritische Berichterstattung der NZZ am Sonntag mit einer 10-Millionen-Franken-Klage beantwortet wurde. Und auch jenseits dieses Falls schickten Rechtsabteilungen und Anwälte regelmäßig mahnende Briefe an Redaktionen, mit denen sie kritische Berichterstattung eindämmen wollten, indem sie implizit mit dem Rechtsweg drohten.

Verhärtete Fronten

Diesen Worten konnte Daniel Glasl, Unternehmensanwalt mit großer Erfahrung im Medienrecht, nicht zustimmen. Er sieht seine Rolle eher darin, einen aus den Fugen geratenen Journalismus in die Schranken zu weisen. Einen Journalismus, der seine Mandanten zum Teil «systematisch verunglimpft» habe. Auch für Unternehmen müsse die Unschuldsvermutung gelten. Und darauf würde er in entsprechende Briefe an Redaktionen hinweisen.

Die Verhärtung der Fronten lässt sich als Wechselspiel aus einem sich professionalisierenden Wirtschaftsjournalismus und einer aktiven Abwehrstrategie der Unternehmen interpretieren. Der kritische Wirtschaftsjournalismus sei erst eine Entwicklung der letzten 25 Jahre, so Müller. Gleichzeitig professionalisiert sich die PR.

Stundenlange Hintergrundgespräche

Für Hanspeter Portmann, Direktor der Liechtensteinischen Bank LGT, gehört es zum selbstverständlichen Teil seines Jobs, stundenlange Hintergrundgespräche mit Journalisten zu führen. Dabei, so Portmann, gehe es häufig um die Erklärung komplexer wirtschaftlicher Sachverhalte, ohne dass die Gespräche unbedingt als Interviews veröffentlicht werden.

Dass am Ende nicht immer so berichtet wird, wie die PR-Akteure dies gerne hätten, liegt in der Natur des Journalismus. Denn es prallen zwei Interessen aufeinander, die die Gesellschaft gegeneinander abwägen muss, worauf Moderator Sven Engesser abschließend hinwies: Unternehmen wollen ihren Ruf schützen. Journalisten wollen guten Journalismus machen. Und dazu gehört nicht zuletzt die Kritik und Kontrolle wirtschaftlicher Akteure.


Michael Brüggemannist Oberassistent am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich.

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