Prorektor-Wahl

«Wir sollten stolz sein auf das Kulturgut Wissenschaft»

Daniel Wyler, Professor für Theoretische Physik, übernimmt per August 2010 das Amt eines Prorektors an der Universität Zürich. Er plädiert für Zürich als internationales Zentrum der Spitzenmedizin, mehr universitäres Selbstbewusstsein und befürwortet eine organisierte Studierendenschaft.

Adrian Ritter

Professor Daniel Wyler in der Werkstatt des Physik-Instituts: «Gute Wissenschaft braucht Handwerk, Zeit und Hingabe.» (Bild: Adrian Ritter)

Der Universitätsrat hat gestern Professor Daniel Wyler (60) per 1. August 2010 zum Nachfolger von Heini Murer als Prorektor der Universität Zürich  (UZH) gewählt. Er wird zuständig sein für die Medizinische, die Mathematisch-naturwissenschaftliche und die Veterinärmedizinische Fakultät sowie für den Bereich Forschung und Nachwuchsförderung.

UZH News: Herr Wyler, was war Ihre Motivation, sich für dieses Amt zu bewerben?

Daniel Wyler: Motiviert hat mich einerseits, dass die Mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät mich für dieses Amt nominiert hat. Sie war offensichtlich zufrieden mit meiner Arbeit als Dekan der Fakultät – eine Aufgabe, die ich von 2006 bis Anfang 2009 innehatte. Andererseits sehe ich im neuen Amt viele wichtige Aufgaben.

Zu den wichtigsten wird sicher gehören, die Stellung der universitären Spitäler zu stärken. Von diesen wird neben erstklassiger Forschung und Ausbildung eine kostengerechte Betriebsführung erwartet. Für die Professorinnen und Professoren führt dies zu einem herausfordernden Spagat zwischen Lehre und Forschung einerseits und der Patientenbetreuung andererseits.

Welche Bedeutung kommt der Universität Zürich in dieser Situation zu?

Sie muss und kann helfen, diese Spannung zu mindern. Wichtig ist der offene Dialog und die intensive Zusammenarbeit, die auch wegen der Autonomie der Beteiligten zentral ist – in gegenseitiger Respektierung der Anliegen beider Seiten. Gemeinsame Ziele müssen noch vermehrt betont werden.

Die Universität kann die universitären Spitäler unterstützen, indem sie genügend Mittel und optimale Bedingungen für die Forschung und Ausbildung bereitstellt. Zudem gilt es, exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durch rasche, gemeinsam gestaltete Berufungen für den Hochschulstandort Zürich zu gewinnen und mit attraktiven Arbeits- und Forschungsbedingungen auch zu halten. Der Hochschulstandort Zürich ist prädestiniert dazu, ein internationales Zentrum der Spitzenmedizin zu sein.

Wo steht die Universität Zürich allgemein heute in der Hochschullandschaft?

Die Universität Zürich ist sehr gut positioniert. Sie hat ein breites Fächerangebot, wobei Exzellenz in allen Fakultäten vorhanden ist. In allen Fakultäten gibt es Forschende, die Weltberühmtheit erlangten. Dies sollten wir nutzen, etwa um den Stellenwert der Naturwissenschaften in der Bevölkerung zu erhöhen. Eine Möglichkeit dazu ist eine engere Zusammenarbeit mit den Gymnasien. Vor allem aber möchte ich die Universität Zürich als Forum stärken, an dem wichtige gesellschaftliche Diskussionen stattfinden, etwa zu Themen wie Tierversuchen.

Welche Forschungsschwerpunkte sehen Sie für die Universität Zürich in den nächsten Jahren?

Meiner Ansicht nach sollten Forschungsschwerpunkte sehr zurückhaltend von der Universitätsleitung deklariert werden. Die Schwierigkeit einer solchen Programmforschung ist oft die mangelnde Nachhaltigkeit und fehlende Flexibilität. Schwerpunktprogramme laufen nach einer Weile aus, haben aber Bedürfnisse und Stellen geschaffen, die dann vielleicht nicht mehr finanziert werden können, weil man andere Schwerpunkte setzen will.

In welcher Form sollte die Forschung gefördert werden?

Meine Erfahrung aus den Naturwissenschaften ist, dass Exzellenz organisch, also natürlicherweise wächst. Das bedingt primär eine solide Finanzierung vieler Forschungsrichtungen. Dies gibt den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Freiheit, ihre Ideen zu entwickeln. Externe Evaluationen sind dabei der sinnvollste Weg, die besten Forschenden zu identifizieren. Diese können dann gezielt gefördert werden, wenn das sinnvoll ist.

Es ist aber nicht so, dass alle Forschenden nach immer mehr Geld rufen. Wichtig ist ihnen, eine langfristige Perspektive und genügend Zeit für ihre Forschung zu haben. Zusätzliche Gelder machen dann Sinn, wenn man damit exzellente Forscher an die Universität holen kann.

Die einzelnen brillanten Wissenschaftler sind wichtiger als Schwerpunktprogramme?

Ja, Durchbrüche in der Wissenschaft sind meist Einzelleistungen. Der beste Weg, sich als Universität zu profilieren, sind deshalb wahrscheinlich erstklassige Berufungen. Wir müssen bei Berufungen schnell und flexibel handeln können. Nur so können wir Spitzenleute mit neuen Ideen gewinnen.

Diesen die nötige geistige und zeitliche Freiheit zu geben, bedeutet auch, sie von Administrativem zu entlasten. Ich sehe etwa bei Berichten, die wir Forscher schreiben müssen, und bei den internen Evaluationen gewisse Doppelspurigkeiten, die behoben werden können.

Spitzenforschung braucht Geld. Woher soll dieses in Zukunft kommen?

Das Fundament bildet natürlich die Finanzierung durch den Kanton Zürich, also die öffentliche Hand. Dies sollte auch so bleiben, was bedingt, dass Politikerinnen und Politikern immer wieder der Wert der Hochschulbildung aufgezeigt wird.

Gleichzeitig gilt es, die finanziellen Möglichkeiten auszuweiten, etwa mit der geplanten Universitätsstiftung. Ich sehe ein Potenzial an Geldgebern etwa bei Privatpersonen, denen Forschung und Lehre ein Anliegen ist, oder bei Unternehmen, die im grossen Stil Absolventinnen und Absolventen der UZH anstellen.

Als ideale Form der Unterstützung erachte ich nicht-zweckgebundene Gelder, die der Universität zur freien Verfügung stehen. Daneben soll es aber auch möglich sein, gezielt etwa einen Lehrstuhl in einem bestimmten Fachbereich zu finanzieren. Die Freiheit der Forschung muss allerdings garantiert sein.

Was ist nötig, um solche Gelder zu gewinnen?

Die Grundlage dazu ist, dass die UZH als erstklassige Universität sichtbar ist. Ich möchte alle Angehörigen unserer Universität darin bestärken, selbstbewusst aufzutreten – innerhalb der Welt der Universitäten und vor allem auch gegenüber Öffentlichkeit und Politik. Die Wissenschaft ist eine wertvolle geistige Leistung der Menschheit, ein Kulturgut. Darauf sollten wir stolz sein.

Wenn es uns gelingt, diesen Stolz nach aussen zu tragen und die Wichtigkeit der universitären Bildung zu zeigen, wird es möglich sein, die öffentliche und private Unterstützung der Universität sicherzustellen.

Sind wir zuwenig stolz auf die UZH?

Ich glaube, die Identifikation kann noch gesteigert werden, etwa bei den Studierenden. Sie können der Universität auch etwas geben, einen Ruf nach aussen tragen, indem sie sagen: Das ist unsere Universität. Die Aussenwelt soll merken, dass Studierende und Dozierende am selben Strick ziehen, gemeinsam für diese Bildungsinstitution einstehen.

Wie kann diese Identifikation bei den Studierenden gestärkt werden?

Indem wir sie ernst nehmen, mit ihnen diskutieren, gerade auch wenn sie kritisch sind, etwa im Zusammenhang mit Bologna. Ich teile die Ansicht von Rektor Andreas Fischer, dass Korrekturen der Reform nötig sind. An der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät sind die Auswirkungen der Bologna-Reform nicht so gross, das Studium war schon vorher ziemlich strukturiert. Wir sind aber, wie andere Fakultäten auch, besorgt über eine mögliche «Punktementalität». Da gilt es, gemeinsam Lösungen zu finden.

Wie können die Studierenden ihre Anliegen am besten einbringen?

Ich bin ein Befürworter einer verfassten Studierendenschaft, wie es sie früher auch an der Universität Zürich gab und an vielen anderen Universitäten gibt. Eine grössere Organisation der Studierenden, die sozusagen mit einer offiziellen Stimme spricht, wird mehr wahrgenommen. Das gibt den Studierenden mehr Sicherheit, dass sie gehört werden.

Eine andere sinnvolle Idee vieler Universitäten in den USA sind universitätseigene Stipendien für Studierende. Diese könnten durch die erwähnte Universitätsstiftung finanziert werden.

Mein Wunsch, die Identifikation mit der UZH zu stärken, bezieht sich aber nicht nur auf die Studierenden. Es wird mir als Prorektor allgemein ein Anliegen sein, die Bedürfnisse der Mitarbeitenden unserer Universität aufzunehmen.

Werden Sie selber noch Zeit haben für Forschung oder Lehre?

Ich betrachte das Prorektorat als Vollamt. Wenn ich daneben noch Zeit finde, meine jetzigen Doktorierenden etwas zu begleiten, wäre das schön. Für eigene Forschung wird vermutlich kaum Zeit bleiben. Das tut natürlich weh, denn mit dem neuen Teilchenbeschleuniger am CERN befindet sich die Theoretische Physik in einer äusserst spannenden Phase. Neben der Physik interessiere ich mich für Philosophie, Psychologie, Kunst und Politik. Aber die neue Aufgabe als Prorektor wird ab August 2010 Priorität haben. Und ich freue mich darauf.


Aus dem Lebenslauf von Daniel Wyler

1974:
Physik-Diplom, ETH Zürich
1977:
PhD, Carnegie-Mellon University Pittsburgh
1977–1984: Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Rockefeller University, Universität Bonn, ETH Zürich, CERN
1984–1987:Physiker, ETH Zürich
seit 1987:Professor für Theoretische Physik, Universität Zürich
1997–2006:Forschungsrat Schweizerischer Nationalfonds
2006–2009:Dekan der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der UZH

Der Schwerpunkt seiner Forschung liegt in der theoretischen Elementarteilchenphysik, also dem Aufbau von Materie und Kosmos. Daniel Wyler hat zwei Kinder, die beide an der Universität Zürich studiert haben.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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