Schulreform

«Schulen denken in Kategorien»

Die Volksschule soll allen Kindern den gleichen Grundstock an Bildung vermitteln. Heterogen zusammengesetzte Klassen machen es schwer, dieses Ziel zu erreichen. Doch Pädagogikprofessor Jürgen Oelkers und Sonderpädagoge Erich Otto Graf glauben – trotz Vorbehalten –, das öffentliche Schweizer Schulsystem sei in der Lage, die Probleme zu lösen.

Roland Gysin

Schule geht alle an, deshalb reden auch alle mit. Eltern, Lehrpersonen, Politiker, Medienschaffende, Wirtschaftsvertreter und Bildungswissenschaftler. Das Volksschulwesen ist zwar Sache der Kantone und Gemeinden, doch Dauer und Bildungsziele der obligatorischen Schule sollen spätestens bis 2015/16 harmonisiert werden.

Volksschüler: Trotz «Harmos» und «Lehrplan 21» «bleibt die Schule im Dorf». (Bild: PD)

Grundlage dafür ist die «Interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule», kurz «Harmos».

Im November 2009 haben die kantonalen Erziehungsdirektoren zudem beschlossen, einen gemeinsamen Lehrplan, den so genannten «Lehrplan 21», zu erarbeiten. Die Kantone werden diesen Frühling entscheiden, ob sie mitmachen oder nicht. Ab Herbst sollen dann die Inhalte erarbeitet werden.

Jürgen Oehlkers, Professor für Allgemeine Pädagogik und Erich Otto Graf, wissenschaftlicher Mitarbeiter Bereich Sonderpädagogik, beide Universität Zürich, geben einen Überblick über den Stand der Diskussion und sagen mit Blick auf den Kanton Zürich, wo sie Handlungsbedarf sehen.

UZH News: Wo sehen Sie aktuell in der Volksschule die grössten Baustellen?

Jürgen Oelkers: Es gibt in Zürich und auch im Rest der Schweiz keine Basisstufe – also keine altersdurchmischte Eingangsstufe –, die für Lernen und frühe Förderung vor Beginn der Volksschule sorgen würde. Das «Harmos-Konkordat» will dies ändern und legt fest, dass die Schulpflicht um zwei Jahre erweitert und mit dem vollendeten vierten Jahr beginnen soll.

Jürgen Oelkers: «Die Volksschule soll integrieren und allen Kindern einen gleichen Grundstock an Bildung vermitteln.» (Bild: Roland Gysin)

Das heisst nicht, dass damit bereits die Schule anfängt. Die Kinder sollen einfach besser als bisher an die Volksschule herangeführt werden. Der Kindergarten erhält erweiterte Aufgaben und kann auch als «Basisstufe» geführt werden. Die Entwicklung dieses Bildungsangebots ist schweizweit eine enorme Herausforderung.

Die zweite Baustelle ist die Entwicklung der Sekundarstufe I. Die dritte betrifft die Übergänge am Ende dieser Stufe. 

Erich Otto Graf: Alle schulpolitischen Auseinandersetzungen hängen damit zusammen, dass die politische Öffentlichkeit genauso wie die Volksschule es verpasst haben, sich rechtzeitig, auf den gesellschaftlichen Wandel einzustellen.

Vor zwanzig Jahren waren Schülerinnen und Schüler mehrheitlich schweizerdeutscher Muttersprache. Heute ist das anders. Die Klassen sind heterogen. Ist die Volksschule dafür gewappnet?

Oelkers : Die Volksschule hat seit dem ersten Zürcher Volksschulgesetz 1832 denselben Auftrag. Sie soll integrieren und allen Kindern einen gleichen Grundstock an Bildung vermitteln, unabhängig ihrer sozialen Herkunft, ihres Geschlechts und ihrer ethnischen Zugehörigkeit.

Nur die Volksschule kann diesen Integrationsauftrag flächendeckend übernehmen. Andere Organisationen wie Kirchen oder Sportvereine sind dazu nicht in der Lage. Die politische Herausforderung besteht darin, die Integrationskraft der Volksschule zu stärken. Ansonsten drohen Parallelgesellschaften.

Wie geht man die politische Herausforderung an und wer?  

Oelkers : Die Spannbreite reicht von Deutschkursen über die Integration behinderter Kinder bis zur Gewaltprävention.

Die Voraussetzungen dazu sind gut, auch deswegen, weil die Volksschulen lokal verankert sind. Es gibt Schulkommissionen und Schulpflegen, politische Gremien also, die vor Ort genau hinschauen.

Das führt dazu, dass mit der Schule zusammen Probleme frühzeitig erkannt und, so weit es geht, auch gelöst werden. Das ist in zentralistisch gelenkten Schulsystemen, etwa in Frankreich oder Deutschland, ganz anders.

Erich Otto Graf: «Trotz Integrationsanstrengungen ist die Schule so konstruiert, dass sie selektionieren muss.» (Bild: Roland Gysin)

Graf: Die Schweiz ist seit über hundert Jahren ein Einwanderungsland, das sich gesellschaftspolitisch schwer tut, diesen Umstand anzuerkennen. Das lokal verankerte Schulsystem hat grosse Vorteile im Hinblick auf den Umgang mit Heterogenität.

Durch die Dezentralisierung lassen sich Lösungen finden, die dort wo sie gebraucht werden, gut angepasst sind.

Im Bildungswesen sind die Kantone wie souveräne Staaten. Die Volksschule war immer schon Gegenstand von Kontroversen, und das ist gut so. Im Grundgedanken geht es früher wie heute darum, Kinder auf ihr Dasein als Citoyen, als Bürgerin und Bürger, vorzubereiten.

Stadt und Kanton Zürich verfolgen eine offensive Integrationsstrategie. Lernschwache, verhaltensauffällige und behinderte Kinder sollen vermehrt in Regelklassen integriert werden.

Oelkers : Das ist auch bitter notwendig bei einer Quote der Auslagerung aus der Regelklasse von über sechs Prozent. Dieser Trend muss gestoppt werden, darum geht es beim Thema Integration und Förderung. Leicht wird das aber auch hier nicht.

Die Frage ist, wie hilft man Kindern mit Auffälligkeiten? Auslagerung ist immer mit einem Makel verbunden, die Lebenschancen werden dadurch nicht besser. Die Regelklassen können aber nicht über Gebühr belastet werden.

Manche Kantone wie Schaffhausen haben Konzepte, wie Klassenlehrpersonen mit Heilpädagoginnen und Heilpädagogen eng zusammenarbeiten. Das ist ein richtiger Weg, der aber zusätzliche Ressourcen verlangt.

Graf: Die Schweiz hat eine lange Tradition der «Ausschliessung» und eine der europaweit höchsten Ausschlussquoten. So genannt behinderte Kinder werden sehr schnell aus den Regelklassen der Volksschule ausgesondert. Das muss sich ändern.

Es gibt keine einzige empirische Studie, die besagt, dass Integration schadet. Eher ist das Gegenteil der Fall. In einer heterogen zusammengesetzten Schulklasse massieren sich die Probleme weniger und die Kinder lernen voneinander.

Oelkers: Integration heisst nicht, dass alle eine Matura machen müssen. Schulen müssen so elastisch sein, dass sie Kindern und Jugendlichen eine Bildung vermitteln, mit denen sie im Leben etwas anfangen können.

Graf: Schulen denken in Kategorien und nicht in Individuen. Das ist erziehungswissenschaftlich falsch. Ein Kind ist nicht behindert, es wird behindert, durch jene Umstände, die sich ihm als Barrieren der Integration entgegenstellen. Die medizinisch-diagnostische Kategorisierung so genannter Behinderungen dient der bürokratischen Verwaltung des Ausschlusses.

Wie bringt man Volksschulen dazu, individueller zu funktionieren?

Graf: Indem die Betroffenen – Lehrpersonen, Eltern, Politiker, Wissenschaftler – darüber streiten. In der Schweiz können wir immer wieder neue Modelle ausprobieren. Das macht zwar den Vergleich mit dem Ausland schwierig, aber es bringt Bewegung ins System.

Oelkers : Die Probleme sind im Kanton Luzern anders als in Zürich oder im Kanton Uri. Lösungen müssen immer vor Ort gesucht werden, von unten nach oben. Die Verknüpfung der Volksschule mit der direkten Demokratie und der Gemeindeautonomie ist ein entscheidender Systemvorteil.

Graf: Einverstanden, dennoch bleibt das Grundproblem: Die Schule ist trotz Integrationsanstrengungen so konstruiert, dass sie selektionieren muss.

Diesen Grundwiderspruch kann keine Reform lösen, weil es zu den Hauptaufgaben der Schule gehört, dass sie die Bildungsausweise selektiv verteilt, und dass sie diese ungleiche Verteilung im Nachhinein rechtfertigt, indem sie etwa biologisiert oder kulturalisiert.

Braucht es in der Volksschule Noten?

Oelkers : Selbstverständlich. Was fehlt, sind Standards und Bezugsnormen der Leistungsbeurteilung.

Graf: Ich sehe das anders.Noten sind nicht zwingend. Die Willkürlichkeit der Notengebung, die problematische Vergleichbarkeit von Noten, etwa die Abhängigkeit der Leistungsbeurteilung eines Kindes von der Klasse, in die es eingeteilt ist, oder die Art des Unterrichts, beeinflussen die Notengebung massiv.

Die Volksschule braucht aus erziehungswissenschaftlicher Sicht zur Beurteilung des Lernens der Kinder keine Noten. Etwas ganz anderes ist es, dass die Eltern, die Kinder und viele andere Stakeholdergruppen der Volksschule der Ansicht sind, auf Noten könne nicht verzichtet werden.

Es gibt in verschiedenen Kantonen Bestrebungen, mit Bildungsgutscheinen Eltern die freie Schulwahl zu ermöglichen. Sprich: Privatschulen staatlichen Schulen gleich zu stellen.

Oelkers : Die Wahl einer Schule ausserhalb eines Schulkreises ist in aller Regel eine Sozialwahl. Bei der freien Schulwahl geht es primär um eine Änderung der Bildungsfinanzierung.

Die Kantone Basel-Land und Thurgau haben kürzlich die «freie Schulwahl» massiv abgelehnt. Weshalb?

Oelkers : Solche Abstimmungen sind immer ein Zeichen dafür, wie stark die Volksschule in der Bevölkerung verankert ist. Die massive Ablehnung zeigt, dass die grosse Mehrheit mit der staatlichen Volksschule zufrieden ist. Und das mit gutem Grund. In Schweden besteht «freie Schulwahl». Die Erfahrung zeigt, dass primär die «weisse Mittelschicht» in den städtischen Agglomerationen davon profitiert. Auf dem Land hingegen gibt es keine Privatschulen, weil die Distanzen zu gross sind.

Graf: Die freie Schulwahl wird sich in der Schweiz nicht durchsetzen. Die Voraussetzung wäre ein zentralistisches Verteilungssystem der Bildungsgutscheine, und das widerspricht dem schweizerischen Selbstverständnis. Zudem wäre es ein Rückschritt im Hinblick auf die demokratische Verfasstheit der Volksschule.

Die Ausgabe von Bildungsgutscheinen würde Zugangsbarrieren errichten, der Erwerb von Bildungszertifikaten würde weiter geschichtet. Er hängt schon heute zu einem guten Teil von Portemonnaie der Eltern ab. Dieser Trend würde sich verstärken.

Wie gut sind Volkschullehrpersonen darauf vorbereitet, mit Reformen umzugehen? Wie gut ist die Lehrerbildung?

Oelkers : Darüber wissen wir empirisch wenig. Klar ist, dass die dreijährige Grundausbildung kaum ausreichend auf die ganze Bandbreite des Berufs vorbereitet. Vieles lernt man erst «on the job».

Graf: Die Frage ist, was passiert nach der Grundausbildung. Allgemein gilt, dass in einem dynamischen System wie der Volksschule die Identifikation mit dem Beruf problematisch ist. Lehrpersonen stellen sich dauernd in Frage und laufen damit Gefahr, in ein Burnout hineinzugeraten.

Oelkers : Früher verliess man mit zwanzig das Lehrerseminar und war die nächsten 45 Jahre Vollzeit als Lehrperson tätig. Das ist vorbei.

Heute ist man beruflich flexibel oder arbeitet Teilzeit. Das mag auf der individuellen Ebene gut sein, nicht aber für die Schule als Ganzes. Um sich zu entwickeln, brauchen Schulen Lehrpersonen, die an der Schule präsent sind. Eine 50-Prozent-Anstellung ist das Minimum.

Laut NZZ plant der Schweizerische Arbeitgeberverband, sich neu in die Volksschul-Diskussion einzuklinken. Die Volksschule als Kaderschule für Wirtschaftsführer von morgen?

Oelkers : Das Interesse der Wirtschaft ist nachvollziehbar und legitim. Sie will wissen, was die Arbeitnehmer von morgen in der Volksschule lernen. Doch das ändert nichts daran: Die Volksschule ist und bleibt Sache der Kantone und Gemeinden. Weder «Harmos» noch der «Lehrplan 21» noch der Schweizerische Arbeitgeberverband werden daran etwas ändern.

Graf: Volksschule muss Kinder zukunftsfähig machen. Dieses Denken ist der Wirtschaft fremd. Die Wirtschaftsverbände sind in ihrer Grundstruktur oft noch konservativer als die Branchen, für die sie zu sprechen meinen.

In den Niederungen der Schulreform wurde zum Beispiel in den 1970/80er Jahren darüber nachgedacht, dass die Kinder Programmiersprachen lernen sollten, was genau so unnütz war wie die Diskussion in den 1930er Jahren darüber, ob sie Schreibmaschinenschreiben als Schulfach besuchen sollten.

Wie sieht die Volksschule 2020 aus?

Oelkers : Die Volksschule bleibt stabil. Systembrüche gibt es trotz «Harmos» und «Lehrplan 21» nicht.

Graf: Kurz und bündig: Die Schule bleibt im Dorf.

Roland Gysin ist Leiter Publishing UZH.

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