Collegium Helveticum

Kunst als Katalysator

Der Fotokünstler Hans Danuser ist der diesjährige künstlerische Gast am Collegium Helveticum. Sein «Kunst in Architektur»-Projekt zeigt Wissenschaft von einer unerwarteten Seite.

Sascha Renner

«Erste Begegnungen»

Was hat Valserwasser mit Wissenschaft zu tun? Existenziell viel: «Die Wasserflasche symbolisiert das Wasser, das ich benötige, um während der langen Arbeitstage leistungsfähig zu bleiben», erklärt Rechtsprofessorin Andrea Büchler.

Präziseres über Büchlers fachlichen Hintergrund sagt ein anderer Gegenstand aus: eine Schriftrolle mit arabischen Zeichen, ein Urteilsspruch. «Das Urteil symbolisiert mein Interesse für das Islamische Recht, den arabischen Rechtsraum und den Vergleich zwischen europäischem und arabischem Recht.»

Dinge können sprechen. Sie erzählen von Wissenschaft, aber auch von den Menschen dahinter, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Der Künstler Hans Danuser hat die neuen «Fellows» und die Mitarbeiter des Collegium Helveticum darum gebeten, ihm drei Gegenstände anzuvertrauen, die ihre Interessen, Kompetenzen und Arbeitsweisen widerspiegeln. Diese hat Danuser in Vitrinen arrangiert, zu individuellen Porträts des Collegium-Personals.

Sprechende Dinge: Sonnenhut und Spielfigur

Manche Dinge überraschen. Wie Johannes Fehrs Sonnenhut. «Ohne frische Luft geht wenig, auch in der Philologie – weshalb es für jedes Wetter die angemessene Ausrüstung braucht», ist in gravierter Schrift auf einem der Stehpulte zu lesen, die Danuser eigens für die Ausstellung entwerfen liess.

Diesem eher idyllischen Bild von Geistesarbeit setzt die Pharmakologin Elvan Kut einen «Helden» entgegen, eine Spielfigur aus Plastik im Ritterkostüm: «Das Selbstbild beeinflusst die Wahrnehmung von Schmerz. Zuversicht, Sinngebung und Kontrollgefühl, mit denen Helden gewappnet sind, erhöhen die Schmerztoleranz.»

Die ihm anvertrauten Dinge hat Hans Danuser zusammen mit den Publikationen der betreffenden Wissenschaftler in je einer Vitrine im Foyer des Collegium Helveticum installiert. Die Forschungsberichte in unzähligen Sichtmäppchen spiegeln, wie die Wissenschaftler normalerweise in die Öffentlichkeit treten: objektiv, sachlich, unpersönlich, fokussiert, formell. Die Dinge hingegen legen eine eher private Seite frei: eine persönliche, subjektive, assoziative.

Poetischer Bildkasten

So ist eine Mischform entstanden: von Bibliothek und Museum, von Öffentlichkeit und Intimität, von Fremd- und Selbstbild. Der hohe Abstraktionsgrad heutiger Wissenschaft löst sich auf in Gegenständen, die von Zentralem und Ernsthaftem erzählen, aber auch von Nebensächlichem und Kuriosem. Gleichsam als Schablone nutzte Danuser dafür das Raumprogramm der klassizistischen, 1864 fertig gestellten Sternwarte.

Fotokünstler Hans Danuser installierte die Vitrinen im Foyer des Collegium Helveticum. (Bild: Sascha Renner)

Der Meridian-Saal diente einst als Labor, etwa zur Beobachtung von Sonnenflecken; der Rudolf-Wolf-Saal war der Vorlesungssaal, und das Obergeschoss stand dem Institutsdirektor als Wohnung zur Verfügung.

Das Foyer mit seinen Vitrinen war die Schnittstelle zwischen all diesen Nutzungen. Diesen Schnittstellencharakter hat Danuser aufgegriffen und im Sinn einer Gelehrtenstube des 19. Jahrhunderts, wo sich Bücher und Kuriosa aneinanderreihten, zum poetischen Bildkasten weiterentwickelt.

Grenzüberschreitende Kooperationen

Mischformen und Grenzgänge sind die Kernkompetenz des Collegium Helveticum, das sich als transdisziplinäres Labor versteht. Natur- und Geisteswissenschaftler arbeiten hier an einem gemeinsamen Thema. In der neuen «Fellow»-Periode ist dies Reproduzierbarkeit. Und ein Grenzgänger ist auch Hans Danuser.

Danusers reiche Erfahrung mit grenzüberschreitenden Kooperationen machten den Churer mit dem strähnigen Haar und dem weissen Bart zum Wunschkandidaten des Collegium Helveticum. Seit letztem Herbst – mit Beginn der neuen, auf fünf Jahre angesetzten «Fellow»-Periode – ist er Gastprofessor an der ETH Zürich und künstlerischer Gast des Collegium Helveticum.

Seine künstlerische Intervention in der Sternwarte nimmt auf diesen Neuanfang Bezug. Die Arbeit will die Potenziale der neuen «Fellows» mit ihren unterschiedlichen Kompetenzen sichtbar machen und zu Interaktionen anregen.

Seine Rolle versteht der Künstler als Katalysator. Er will Prozesse, Kooperationen, Gespräche initiieren. «Colloquium der Dinge» nennt Hans Danuser denn auch seine Installation. Unterschiedliche Positionen kommen darin über Dinge miteinander ins Gespräch. Diese Idee hat der Künstler auch filmisch umgesetzt. Als ob die Dinge nachts lebendig würden, gleiten sie als frei schwebende Bedeutungsträger über einen Bildschirm in der Ausstellung.

Eine Begegnung der fantastischen Art, zwischen den verschiedenen akademischen Disziplinen, zwischen Kunst und Wissenschaft.

«Fellows» des Collegium Helveticum Im Herbst 2009 haben die neu gewählten «Fellows» des Collegium Helveticum ihre Arbeit aufgenommen. Sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, je drei von der Universität Zürich (Andrea Büchler, Andreas Pospischil, Wulf Rössler) und der ETH (Kay Axhausen, August Schubiger, Angelika Steger) sowie ein Professor der Universität Basel (Alex Eberle), investieren einen Tag pro Woche, um am gemeinsamen Leitthema zu arbeiten. Der Forschungsfokus des transdisziplinären Labors liegt während der nächsten fünf Jahre (2009–2014) auf dem Thema «Reproduzierbarkeit». Die «Fellows» entwickeln gegenwärtig zusammen mit ihren Postdocs und Doktorierenden konkrete transdisziplinäre Forschungsprojekte. (sar) Der Künstler Hans Danuser Seine künstlerische Arbeit hat Hans Danuser stets als ein Eingreifen in virulente gesellschaftliche Diskurse verstanden. 1989 erregte er Aufsehen mit einer mehrteiligen Fotoarbeit über die zentralen Macht- und Wertebereiche der westlichen Kultur. Er wählte Atomkraftwerke, Banktresore und Chemielabors als Orte seiner fotografischen Bildarbeit, machte die Genforschung oder den Umgang mit dem Tod zum Thema. Die Kunstinstallation von Hans Danuser kann frei besichtigt und benutzt werden.

Sascha Renner ist Redaktor des «unijournals».

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