Calvin-Jahr 2009

Happy Birthday, Calvin!

Heute vor 500 Jahren wurde Johannes Calvin geboren. Peter Opitz, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Zürich, gratuliert dem Reformator, dessen Ruf bis heute so umstritten ist wie zur Zeit seines Wirkens.

Peter Opitz

Johannes Calvin: Die Verbreitung des Evangeliums als Lebensaufgabe. (Bild: Wikimedia)

Hochverehrter, allertreuster Diener der Genfer Kirche Johannes Calvin!

So haben Dich Deine Briefpartner gewöhnlich angesprochen. Ja, das wolltest Du sein. Mit der Aufgabe, Genf zu dienen, hat Dich der Rat auch angestellt, und mehr als ein städtischer Angestellter warst Du nie. Es brauchte allerdings seine Zeit, bis man in Genf Deine Verdienste auch zu würdigen wusste.

Dein erster Aufenthalt in der Rhonestadt endete schon nach anderthalb Jahren mit einem Fiasko: Zusammen mit Deinem Freund und Mentor Wilhelm Farel wurdest Du wegen Ungehorsams gegen die Obrigkeit aus der Stadt gewiesen und man verbot Dir, den Stadtboden jemals wieder zu betreten. Glücklicherweise fanden in Genf jährlich Neuwahlen statt. Aber erst fünf Jahre vor Deinem Tod hat man Dir das Genfer Bürgerrecht verliehen – Deinem Bruder Antoine wurde diese Ehre bereits früher zuteil.

Die langen Jahre dazwischen waren ausgefüllt mit harter Arbeit, mit zahllosen Anfeindungen, Streitigkeiten und Auseinandersetzungen. Wie muss es einem Pfarrer zumute sein, wenn die Leute ihren Hund mit seinem Namen rufen! Wer sich einsetzt, setzt sich aus. Auch die Genfer selber waren alles andere als ein einmütiges Völklein, und gelegentlich waren sie froh, dass sie Dich als Vermittler und Friedensbringer bei internen Zwistigkeiten in Anspruch nehmen durften. Einmal konntest Du gar nur mit Deinem physischen Dazwischentreten ein Blutbad verhindern.

Trotz Deiner schmächtigen, stets kränklichen Gestalt warst Du eine Autorität und den Genfern mit Deiner Bildung, Deinem Scharfsinn und Deinem phänomenalen Gedächtnis intellektuell überlegen. Und so hattest Du meist auch die besseren Argumente, was nicht heisst, dass der Rat Deinen Anträgen stets gefolgt ist, jedenfalls selten so, wie Du Dir das gewünscht hättest.

Du hast Dein Amt in der Tat treu ausgeführt, treu vor allem gegenüber dem Auftrag, der Dein Leben bestimmte: Der Auftrag, das Evangelium, die gute Nachricht von der freien Zuwendung Gottes zu den Menschen, zu verbreiten. Als Jurist und Bibelexperte war Dir aber auch stets klar: Dieser gnädige Gott hat auch einen Rechtsanspruch auf seine Geschöpfe! Die Lebensführung jedes einzelnen Christenmenschen, die Ordnung der Kirche und das Zusammenleben der Genfer Bevölkerung sollten diesem göttlichen Rechtsanspruch entsprechen. Ein Zusammenleben in christlicher Harmonie und Versöhnung!

Nicht alle Genfer waren gleichermassen von dieser Idee beseelt. Der Kampf gegen Ehebruch und Gewalt in der Ehe, gegen öffentliche Verleumdungen, Geldspielsucht, Alkoholismus und Doppelmoral jeder Art, aber auch gegen das, was Du und der Rat als «Aberglauben» angesehen haben, war nicht leicht zu gewinnen. Die Bilanz Deiner Lebensarbeit fiel in Deinen eigenen Augen hier eher negativ aus.

Immerhin haben später auch erklärte Gegner Deiner Reformation aus anderen Konfessionen das christliche Klima und moralische Niveau im reformierten Genf gelobt und es mit einem Trick des Teufels zu erklären versucht. Ja, sogar die Statistik spricht für Dich: Die Rate der ausserehelichen Geburten in Genf unmittelbar nach Deinem Wirken war erheblich niedriger als später zur Zeit der Aufklärung und der Feier der menschlichen Tugend.

Dein Ruf allerdings, lieber Meister Calvin, ist bis heute so umstritten geblieben, wie er es schon während Deines Wirkens war. Die Zahl deiner Schülerschaft ist eindrücklich. Etwa 75 Millionen Menschen, die allermeisten weit ausserhalb Europas, nennen Deinen Namen mit Stolz und feiern dieses Jahr Deinen Geburtstag.

In Deiner näheren Umgebung sieht die Bilanz durchzogen aus, angesichts der langen Tradition der Polemik gegen Dich insgesamt aber doch überraschend positiv! Immer noch ist es allerdings Mode, Dir die Schuld für Mentalitäten und Unzulänglichkeiten eines ganzen Zeitalters in die Schuhe zu schieben.

Mit Verlaub: Die Strafjustiz Deiner Zeit war schlicht barbarisch, und es ist heute wohl auch Deinen glühendsten Verehrern ein Rätsel, wie Du mit Deiner theologischen Klarsicht und Deiner tief humanistischen Bildung die Widersprüche zur Botschaft des Neuen Testaments so wenig gesehen hast wie die allermeisten Deiner Zeitgenossen. Dabei kanntest Du ja die Seite der Opfer zur Genüge: Du selber bist nur knapp der Inquisition entgangen und bliebst ein Leben lang im Exil.

Zahllose Briefe hast Du an gefangene Glaubensgenossen, die auf ihre Hinrichtung warteten, Frauen und Männer, verfasst, Briefe, die von bewundernswürdigem Glaubensmut ebenso zeugen wie von Deinem seelsorgerlichen Mitleiden. Immer wieder hast Du in Deinen Predigten zu mehr «Humanität», zu Solidarität mit allen Menschen aufgerufen, besonders den Armen, Benachteiligten und Verfolgten, und Du hast unentwegt darauf hingewiesen, dass allen Menschen die Würde zukommt, Ebenbild Gottes zu sein.

Dass man Dich seit hundert Jahren als den Vater des «Kapitalismus» bezeichnet, hätte Dir gewiss die Zornesröte ins Gesicht getrieben. Die Sympathien des Soziologen Max Weber und noch stärker des Kulturphilosophen Ernst Troeltsch hättest Du dabei gehabt. Diese haben ihre Thesen über die «Wahlverwandtschaft» zwischen dem späteren Calvinismus und der Entstehung einer «kapitalistischen Wirtschaftsgesinnung» deutlich differenzierter formuliert, als sie heute herumgereicht werden. Und sie haben Dich selber ausdrücklich davon ausgenommen, der Vater des Kapitalismus zu sein.

Manche fragen in diesem Jahr, was von Dir und Deinen Impulsen bleibt, immerhin ein halbes Jahrtausend später. Die Antworten fallen naturgemäss unterschiedlich aus. Nicht selten sagen sie mehr über die Autoren aus als über Dich selbst. Aber allein schon die Frage zeigt, dass Du zu den ganz Grossen der Weltgeschichte gehörst. Und dabei wolltest Du doch nichts anderes sein als: Ein treuer Diener der Genfer Kirche.

Happy Birthday!

Peter Opitz ist Professor für
Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich.

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