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Tagung des Pädagogischen Instituts

Erziehung ist keine Glücksache

Kommt der Erziehungsführerschein? Auf einer Tagung des Pädagogischen Instituts und des Schweizerischen Bunds für Elternbildung gingen Experten der Frage nach, ob Erziehung lernbar sei.
Marita Fuchs

Regierungsrätin Regine Aeppli: «Die Bildungsdirektion will Eltern bei der Erziehungsarbeit helfen.»

In der Erziehung sind die Ansprüche hoch: Alle sollen sich gegenseitig achten und vertrauensvoll miteinander umgehen. Kinder sollen frei aufwachsen und trotzdem Grenzen erfahren, bedingungslos geliebt und rechtzeitig losgelassen werden. Dabei gehen Eltern unterschiedliche Wege. Wie Eltern bei ihrer schwierigen Aufgabe unterstützt werden können, war Thema einer Tagung des Pädagogischen Instituts der Universität Zürich und des Schweizerischen Bunds für Elternbildung, die am Samstag in der Aula der Universität Zürich stattfand.

Erziehung sei anstrengend und schwierig, erklärte Bildungsdirektorin Regine Aeppli in ihrer Begrüssung. Denn was für das eine Kind gut und richtig sei, gelte noch lange nicht für das andere. Schnell wären Eltern überfordert, deshalb sei es im Interesse des Kindes, wenn Eltern Erziehung lernen, indem sie beispielsweise ein Elternbildungs-Angebot nutzen würden.

Die «gute alte Zeit» existiert laut Jürgen Oelkers wohl eher in Wunschvorstellungen. Die Realität sah anders aus.

Das Märchen von der guten alten Zeit

Angesichts jüngster Diskussionen um mehr Disziplin in Klassenzimmer und zu Hause warf Jürgen Oelkers, Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich, einen Blick zurück in die Vergangenheit. Er relativierte Ansichten von Erziehungsnostalgikern, die mit dem «Früher war alles besser» wohl eher eigene Wunschvorstellungen projizieren, meinte Oelkers.

Als ein krasses Beispiel für den unmenschlichen Umgang mit Kindern in der Vergangenheit nannte Oelkers die Behandlung von Waisen und Scheidungskindern, den sogenannten Verdingkindern, in der Schweiz. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Kinder oft auf einem Verdingmarkt versteigert. In einigen politischen Gemeinden soll diese Praxis noch nach 1950 üblich gewesen sein. Die Kinder wurden meistens auf Bauernhöfen wie Leibeigene eingesetzt, meist ohne Lohn und Taschengeld.

Auch in den bürgerlichen Familien herrschte Strenge und das übliche Erziehungsmittel waren Schläge. Was sich wohl vor allem verändert habe, sei die emotionale Beziehung zwischen Kindern und ihren Eltern, meinte Oelkers. Während in einigen bürgerlichen Häusern des 19. Jahrhunderts sich Kinder nur in Briefform den Eltern emotional öffnen durften, könne man sich diese Distanz heute kaum noch vorstellen.

Sabine Walper entwickelte ein Training für Eltern, damit diese besser mit emotionalen Belastungen der Kinder umgehen können.

Scheidung an sich kein Drama

Die Erwärmung des Familienklimas sei eine positive Wendung, meinte auch Sabine Walper, Professorin für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie entwickelte das Elterntraining «Familienteam». Es fördert zum Beispiel die Kompetenzen der Eltern im Umgang mit emotionalen Belastungen der Kinder.

Eine Scheidung etwa müsse kein Trauma sein. «Die Scheidung ihrer Eltern ist für Kinder offenbar weniger belastend als der elterliche Dauerkonflikt hinter der Fassade einer bestehenden, aber nur mühsam aufrecht erhaltenen Ehe», so die Psychologin. Wenn sich die Eltern ständig stritten und angifteten, gerieten die Sprösslinge in Loyalitätskonflikte, die für sie nur schwer auszuhalten seien.

Die Armen nicht abhängen

Forschungsergebnisse zeigen: Schwierige Verhältnisse in der Familie werden von Kindern in unterschiedlicher Weise bewältigt, erklärte Walper. Unter Berücksichtigung von individuellen, familiären und sozialen Faktoren habe sich zum Beispiel gezeigt, dass eine stabile Partnerschaft zwischen den Eltern den Kindern helfe, mit schwierigen Situationen umzugehen. Auch Scheidungskinder sind dann weniger belastet, wenn die Eltern sich ihren Kindern mitteilen und die Situation erklären.

Unterschätzt würde in unserer Wohlstandsgesellschaft die Auswirkungen der Armut. Sei die sozioökonomische Situation der Familie prekär, steige der Druck auf die Eltern. Das erzeuge Stress, der sich wiederum negativ auf die Kinder auswirke. Walper bezeichnete diese Situation als sehr beunruhigend, denn die soziale Schere tue sich – zumindest in Deutschland - weiter auf. Das bedeute, dass viele Kinder in einen Notstand gerieten. Man dürfe die Armen gesellschaftlich nicht abhängen, forderte Walper.

«Kinder brauchen kompetente Eltern», ist Klaus A. Schneewind überzeugt.

Kinder brauchen kompetente Eltern

Es reiche jedoch nicht aus, Familien nur finanziell zu unterstützen, führte Klaus A. Schneewind aus. «Kinder brauchen kompetente Eltern», ist der emeritierte Professor für Psychologie an der Ludwig-Maximilians Universität München überzeugt. Den Eltern soll deshalb ein gesellschafts- und familienpolitisches Programm zur Stärkung ihrer Erziehungskompetenz angeboten werden. Beispielsweise mit Informationsveranstaltungen oder durch Fachleute, die die Eltern direkt zu Hause beraten.

Schneewind vertritt das Erziehungskonzept «Freiheit in Grenze». Klare Regeln und Grenzen stärken laut Schneewind die Erziehungskompetenz der Eltern und helfen ihnen, dem Erziehungsmanko beizukommen.

Sigrid Tschöpe-Scheffler plädierte dafür, dass Eltern befähigt werden, eigene Wege zu finden, statt einfache Rezepte zu befolgen.

Keine Erziehungsrezepte anbieten

Dabei müsse jedoch die jeweils einzigartige Situation einer Familie betrachtet werden, forderte Professorin Sigrid Tschöpe-Scheffler von der Fachhochschule Köln.

Je mehr Eltern sich in ihren Erziehungsaufgaben überfordert und allein gelassen fühlten, desto eher suchen sie nach einfachen, schnellen Antworten und Lösungen. «Statt Eltern Rezepte für 'richtiges Verhalten' anzubieten», betonte Prof. Sigrid Tschöpe-Scheffler, «sollten Eltern sensibilisiert werden, wieder selbst zu beobachten, wahrzunehmen, nach Ursachen und Zusammenhängen zu fragen und eigene Wege in der Erziehung zu finden.»