China

Suche nach dem Weissen Drachen

Letztes Jahr gelang Forschern der Universität Zürich eine Entdeckung, welche die Fachwelt aufhorchen liess: Sie stiessen auf einen alten buddhistischen Tempel. Diesen Sommer kehrten sie nach China zurück, um das Geheimnis um die Anlage zu lüften. Die Resultate ihrer neunwöchigen Grabungsexpedition stellten sie gestern Abend an der Universität vor.

Sascha Renner

Überblick über das Grabungsgelände. Zeitweilig waren bis zu 40 Bauern ... (Bild: Abteilung f???r Kunstgeschichte Ostasiens)

Dass Archäologie das falsche Metier für Schlipsträger und Schreibtischtäterinnen ist, die Schwielen, Schweiss und Schmutz fürchten, führte die kurzweilige Präsentation der Grabungsteilnehmer mit eindrücklichen Bildern vor Augen. Auf allen Vieren wird da gepinselt, geputzt und gezeichnet, bis die Gelenke schmerzen. Damit nicht genug: Die Launen des Wetterserschwerten die Arbeit der chinesisch-zürcherischen Grabungsequipe zusätzlich. Einmal setzte ein Taifun die mühevoll ausgehobenen Gräben innert Stunden unter Wasser; ein andermal musste die wegen der Hitze staubtrockene Erde mit umfunktionierten Giftspritzen befeuchtet werden, um ein Abbröckeln der Profile zu verhindern.

... mit 14 Schubkarren beschäftigt. (Bild: Abteilung f???r Kunstgeschichte Ostasiens)

Impressionen der «sehr rustikalen Umgebung» – schlammige Strassen, spartanische Unterkünfte und kulinarische Eigenheiten – rundeten die einleitende Tour d’Horizon von Professor Helmut Brinker ab. Der Leiter der Abteilung Kunstgeschichte Ostasiens hat zusammen mit Lukas Nickel, bis vor kurzem Assistent am selben Institut, die Grabungskampagne angeführt. Weiter mit dabei war Jorrit Britschgi, Assistent am Lehrstuhl von Professor Brinker. Er bedankte sich bei den anwesenden Gönnern, die das Projekt mit einer Patenschaft unterstützt hatten. Das so gesammelten Geld kam den Studierenden zugute: Vier von ihnen konnte ein zweiwöchiges Praktikum auf der Grabung ermöglicht werden. Zwei Zürcher Kantonsarchäologen komplettierten das Team. Wie schon im letzten Jahr fand die Grabung in Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Institut der Provinz Shandong statt.

Von rechts: Professor Helmut Brinker, Lukas Nickel und Jorrit Britschgi mit einer gefälschten Buddha-Figur im Stil des 6. Jahrhunderts. (Bild: Sascha Renner)

Ziel der Unternehmung war es, die im letzten Jahr entdeckte Tempelanlage (das unijournal berichtete) genauer zu untersuchen. Davon erhoffen sich die Fachleute neue Erkenntnisse über die buddhistische Bildhauerkunst und Architektur im China des 6. Jahrhunderts. Diese ist zwar als sehr hoch stehend bekannt (die Ausstellung «Die Rückkehr des Buddha» im Museum Rietberg in Zürich gab 2002 einen Eindruck davon), aber bisher wenig erforscht. Ausserdem fehlt in ganz China ein Tempel des 6. Jahrhunderts, der archäologisch systematisch untersucht werden konnte. Die Erwartungen der Forscher an den «Zürcher» Tempel waren deshalb besonders hoch.

Der südliche Teil der Tempelanlage. Im Vordergrund wird ein seitlicher Wasserkanal dokumentiert. (Bild: Abteilung f???r Kunstgeschichte Ostasiens)

Sie wurden nicht enttäuscht. Erst einmal galt es aber, so Lukas Nickel, das über der Anlage stehende Maisfeld abzutragen. Mit bis zu vierzig chinesischen Hilfskräften wurden die alten Sondierschnitte in mühseliger Kleinarbeit freigelegt, die Deckschichten bis auf das unterste Gehniveau entfernt und schliesslich die Schuttschichten mit Kelle und Besen freigekratzt. Hierbei kamen erstaunliche Funde zum Vorschein: Reste buddhistischer Kultbilder, ein Sockel mit inschriftlicher Datierung, mächtige Dachziegel und Keramiken. Sie alle machen deutlich, dass es sich um ein bedeutendes Gebäude gehandelt haben muss. Genutzt wurde die Anlage während zwei Phasen: im 6. und nochmals im 10. bis 12. Jahrhundert.

Sichtung und Inventarisierung der Kleinfunde im Grabungshaus. (Bild: Abteilung f???r Kunstgeschichte Ostasiens)

Wie aber muss man sich das Gebäude vorstellen? «Es stand auf einer erhöhten Backstein-Plattform», so Nickel. «Die Wände waren gemustert und farbig verziert.» Dies schliessen die Forscher aus einem Stück Wandverputz und Farbresten an Dachziegeln. Die genaue Gestalt des Gebäudes bleibt aber im Dunkeln. Nickel: «Wir zogen aus, einen Tempeltyp zu untersuchen, den die Wissenschaft bisher nicht kennt.» Da der Zürcher Tempel der erste dokumentierte seiner Art sei, fehle jegliches Vergleichsmaterial. «Für ein lückenloses Bild müssen erst weitere Tempel ausgegraben werden.» Bevor es jedoch dazu kommt, werden die Funde und Aufzeichnungen der Grabung genauestens ausgewertet. Allein die Zeichnungen der Bodenprofile beanspruchen 280 Blatt Papier. Kürzlich hat der Schweizerische Nationalfonds nun die Finanzierung dafür bewilligt. Bis in zwei Jahren sollen die Ergebnisse auf Deutsch und auf Chinesisch publiziert werden.

Sascha Renner ist Redaktor von unijournal und unipublic.