Handel mit Lebensläufen

Am 14. Mai fand im Lichthof der Universität Zürich «NGOs meet Students» statt, die erste Kontaktmesse von Nichtregierungsorganisationen für Studierende. Der Einstieg in die Entwicklungszusammenarbeit ist aber nicht ganz einfach.

Sabine Witt

Impressionen von der NGO-Messe im Lichthof. (Bild: Sabine Witt)

Mit einem geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studienabschluss wird man auf dem Arbeitsmarkt nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Inzwischen beginnen die Studierenden dieser Disziplinen deshalb schon am Anfang des Studiums ihr mögliches Berufsfeld zu beackern. So tummelten sich denn auch auf der ersten Messe von Nichtregierungsorganisationen (NGO - Non Governmental Organisations) an der Universität Zürich zahlreiche Studierende der unteren Semester.

Ursi Rösli und Sibylle Studer beispielsweise studieren Ethnologie im 4. Semester. Beide können sich vorstellen, einmal in einer NGO zu arbeiten. Sibylle Studer hatte bereits im Vorfeld schon Kontakt mit einigen Organisationen. An der Messe konnte sie nun direkt ihre Fragen stellen. Sie sucht eine Möglichkeit für einen Einsatz im Ausland, den sie als Zwischenjahr einschalten möchte. So könnte sie ihre Sprachkenntnisse verbessern und die Anwendbarkeit des im Studium Gelernten überprüfen. Ursi Rösli interessiert sich nicht nur fürs Ausland. Sie findet Migrationsprobleme in der Schweiz mindestens so interessant. Heute wollte sie vor allem allgemeine Informationen über NGOs bekommen.

(Bild: saw)

Schade, noch nicht fertig

Organisiert wurde die Messe «NGOs meet Students» von der Kommission für Entwicklungsfragen von Universität Zürich und ETH (KfE). Die Mitglieder der Kommission hatten vorab 200 Fragebögen an Studierende verteilt, um deren Wünsche zu erfragen. Der Andrang auf die Ausstellungsstände am vergangenen Mittwoch im Lichthof des Hauptgebäudes bestätigte den Organisator/innen: Nichtregierungsorganisationen sind als Arbeitgeberinnen für Absolvent/innen verschiedenster Disziplinen von Interesse. Zum Beispiel für Philipp Zimmermann. Er studiert im 10. Semester Theologie. Nach dem Abschluss möchte er gern in einer NGO arbeiten, in der Kommunikation oder im Fundraising. Auf diesen Gebieten war er bereits während des Studiums tätig und rechnet sich damit gute Chancen für den Berufseinstieg aus. An diesem Mittwochvormittag erfuhr er am Stand von «Mission 21», dass es dort gerade eine ideale Stelle für ihn geben würde: «Schade, dass ich mit dem Studium noch nicht fertig bin», bedauerte er.

Keine Jobs auf dem Tablett

Gut 20 Organisationen nutzten die Gelegenheit, mit den Studierenden ins Gespräch zu kommen. Rocco Rossinelli von der KfE freute sich, dass auch kleinere, weniger bekannte Hilfswerke die Einladung angenommen hatten, besonders da diese an der Universität wenig präsent seien.

Wer allerdings gehofft hatte, auf der Messe einen Job serviert zu bekommen, wurde schnell ernüchtert. An mehreren Ständen wurden die Studierenden auf das NADEL verwiesen. Man solle zuerst dieses «Nachdiplomstudium für Entwicklungsländer» an der ETH absolvieren, dann hätte man gute Chancen, in die Entwicklungszusammenarbeit einzusteigen. So erging es auch Damian Dominguez, der in vier Monaten das Studium zum Umweltingenieur an der ETH abschliessen wird. Er hat sich auf das Thema Wasser spezialisiert und war darum umso mehr verwundert, als ihn die «Helvetas» zum NADEL-Stand schickte, wo sie doch selber verschiedene Projekte zum Wasser unterhält.

(Bild: saw)

Abenteurer in der Schweiz

Ebenfalls wenig Verwendung für frisch gebackene Akademiker/innen hat das HEKS. Beim «Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz» liegt das vor allem in dessen Philosophie begründet. Aus Prinzip schickt diese Organisation, die unter anderem Landwirtschaftsprojekte in Timor unterstüzt, keine Schweizer/innen ins Ausland. Sie vermittelt hingegen hin und wieder Spezialist/innen an die Partnerorganisationen im jeweiligen Land. Diese entscheiden dann aber selbst, ob ihr Bedarf so gross ist, dass sie den Mehraufwand für eine ausländische Fachkraft in Kauf nehmen.

Auf einem ähnlichen Konzept basiert die mit 25 Mitarbeitenden in der Schweiz kleine Organisation «Swissaid». Wer bei einer NGO arbeiten möchte, solle sich überlegen, «ob er nicht die Abenteuerlust mit der täglichen Arbeit in der Schweiz verbinden möchte», empfahl eine Swissaid-Mitarbeiterin. Die Menschen im Süden wüssten besser Bescheid, was zu tun ist. Es fehle ihnen alleinan Selbstbewusstsein und Ermunterung.

(Bild: saw)

Butter muss aufs Brot

Wie aber kann man Fuss fassen in einer international tätigen NGO, wenn man nichts von Wasserleitungen oder Reisanbau versteht? Als Absolventin des NADEL hat man die besten Chancen, denn es arbeitet eng mit den Schweizer NGOs und mit dem DEZA (Departement für Entwicklungszusammenarbeit) zusammen. Es stimme auch gar nicht, so die Vertreterin des NADEL, dass der Nachdiplomstudiengang nur für Absolventen einer ETH offen sei. Er richte sich auch an Uni-Absolvent/innen. Es gebe jedoch kein Fach, dass einen für die Entwicklungszusamenarbeit prädestiniere. Wer ein geisteswissenschaftliches Fach studiere, solle Nebenfächer wählen, «die etwas Butter aufs Brot bringen», zum Beispiel Volkswirtschaftslehre oder Pädagogik. Aber auch praktische Fertigkeiten, wie sie studienbegleitende Tätigkeiten auf einer Bank oder in einer Schule vermitteln können, seien wichtige Voraussetzungen.

Auf dieser ersten Messe von NGOs an der Universität Zürich gab es sicher einige Enttäuschungen, aber vor allem die Chance, den Weg in die Entwicklungszusammenarbeit realistisch anzugehen. Manche haben beim Schnuppern auf der Messe eine für sich sympathische Organisation gefunden, mit der sie in Kontakt bleiben wollen. Gut Vorbereitete konnten sogar Lebensläufe und Motivationsschreiben weiterreichen.

Sabine Witt ist Redaktorin des
unijournalsund freie Journalistin.