50 Jahre VAUZ

Hippies und Hochschulpolitik

Flower-Power und Globuskrawall: 1968 waren die Studierenden in Aufruhr – auch in Zürich. Damals wurde die «Vereinigung der Assistenten an der Universität Zürich» gegründet, die mehr Mitbestimmung an der Hochschule forderte. In einer hier publizierten Rede zum 50-Jahr-Jubliläum der VAUZ erinnert sich der emeritierte Philosophieprofessor Helmut Holzhey an diese Zeit zurück.

Helmut Holzhey

Studentenunruhen Sorbonne
Studentenunruhen Sorbonne
1968 in Paris: An der Sorbonne besetzten Studierende einen Hörsaal. (Wikimedia commons)

 

Es war eine erregte Übergangszeit, als wir am 11. Juli 1968 die «Vereinigung der Assistenten an der Universität Zürich» gründeten – wofür damals die Buchstabenfolge V A U Z stand. Westeuropa machte eine Erschütterung seiner gesellschaftlichen Strukturen durch, die sich auch universitätspolitisch Bahn brach. Ein Vorbild dafür war die von Kalifornien ausgehende Hippiebewegung. Sie griff die Wohlstandsideale der Mittelschicht an und setzte sich für ein von Zwängen und bürgerlichen Tabus befreites Leben ein. Das Ziel war Selbstverwirklichung, doch die Fokussierung auf ein individuelles Lebensprogramm barg gesellschaftspolitischen Zündstoff. Das Schlagwort Flower-Power, geprägt von Allen Ginsberg, ging um die Welt.

Besetzte Sorbonne

In Westeuropa brachten vor allem politisch engagierte, linksstehende Studierende den Protest gegen zentrale Elemente bürgerlicher Ordnung zum Ausdruck, einer Ordnung, wie sie – getragen von der elterlichen Generation – den Krieg überdauert hatte. Weil hauptsächlich von Studenten getragen, krallte sich der öffentlich artikulierte Reformanspruch zuvorderst an der traditionellen Universität fest.

Zu einem Fanal wurden die Besetzung der Räume der Sorbonne am 3. Mai 1968 und insbesondere die auf die polizeiliche Räumung des Gebäudes folgenden Pariser Strassenschlachten in der Nacht vom 10. auf den 11. Mai mit Hunderten von Verletzten. Obwohl schon etwas zu alt für die Rebellion, erschütterte uns 30Jährige damals insbesondere der Mordanschlag auf den deutschen Studentenführer Rudi Dutschke am 11. April 1968. Überall in Westeuropa ereigneten sich Besetzungen von Hörsälen, wurden Vorlesungen be- oder verhindert, Professoren angegriffen.

Erstarkte Reformbewegung

Wie stand es in Zürich an der Uni? Soviel nationale und internationale Aufmerksamkeit auch der Zürcher Globuskrawall vom 29./30. Juni 1968 auf sich zog, so wenig stand er zunächst mit universitären Anliegen in Verbindung, ging es doch um die Schaffung eines autonomen Jugendzentrums im leerstehenden Globusprovisorium. Aber er fand seinen Widerhall in der Universität und trug dort zur Stärkung der Reformbewegung bei, die auch hier ihre Forderungen nach Mitbestimmung der Studentenschaft bei Strukturreformen immer lauter – wenn auch noch wesentlich moderater als in anderen Ländern – äusserte.

Eine Reform von oben, ausgehend von der Erziehungsdirektion, war bereits angesagt. Denn die  gesetzliche Basis, auf der die Universität Zürich stand, erheischte eine grundlegende Reform. Auch aus der Sicht von uns Assistierenden trugen die zwei Säulen der Professoren- und der Studentenschaft den Bau schon längst nicht mehr allein. Und man bemerkte das plötzlich.

Gian Töndury
Gian Töndury war in den 1960er-Jahren Rektor der Universität Zürich. Er zeigte sich aufgeschlossen gegenüber den Vorschlägen des Mittelbaus. (Bild: zVg.)

 

Als Hans-Ueli Wintsch, ein befreundeter Kollege von den Pädagogen, und ich am 22. Mai 1968 bei Rektor Töndury, einem Mediziner, vorsprachen, um ihm die Idee vorzutragen, dass irgendwie analog zur Studentenschaft auch die Assistentenschaft organisiert werden müsste, fanden wir unerwartet offene Ohren. Denn der Bedarf an einer repräsentativen Vertretung des so genannten Mittelbaus war bereits von verschiedenen Seiten angemeldet worden (wie es übrigens schon in einzelnen Fakultäten uns unbekannte Bemühungen um die Gründung einer solchen Vertretung gab). Entsprechend unproblematisch verlief die vom Unisekretariat unterstützte Phase der in einer Versammlung von 106 Kolleginen und Kollegen am 11. Juli 1968 beschlossenen Gründung der Vereinigung.

«Politisch einseitig ausgerichtet»

Eine VAUZ zu gründen war eines – unsere Stimme tatsächlich zu Gehör zu bringen ein anderes. Das zeigte sich wiederholt im ersten Jahr unserer Tätigkeit. Es war mühsam, nur schon in ein amtliches Verzeichnis unter «Universität» zu gelangen oder Einladungen zur Mitarbeit in gemischten Kommissionen zu erhalten. Das lag wohl, wie es im Jahresbericht für 1968/69 heisst, man höre: «an der bisweilen recht einseitigen Ausrichtung der Universitätsorgane auf die Studentenschaft und deren Politik».      

Alles in allem stand es der Universität gut an, seit 1968 dem faktischen Gewicht der Assistentenschaft Rechnung zu tragen. Und dies insbesondere angesichts der von Assistenten mehr oder weniger unauffällig übernommenen Funktionen zu tun: ihrer Tätigkeit in der Studienberatung, im Lehrbetrieb, in der Forschung – einer notabene nun zunehmend selbständig ausgeübten Tätigkeit. Es lag auch nahe, dass die Assistenten sich selbst um die Definition ihrer Stellung, ihrer Aufgaben, Pflichten und Rechte kümmerten. Dazu bot sich der jungen Assistentenvereinigung eine überaus willkommene Gelegenheit: Wir wurden aufgefordert, zum Entwurf für ein neues Universitätsgesetz, den die Erziehungsdirektion am 15. August 1968 veröffentlichte, Stellung zu nehmen. Haben wir diese Chance damals wirklich dafür genutzt, uns in der Universität angemessen zur Geltung zu bringen? Die Frage kann ich auch heute noch nicht eindeutig, sondern nur mit einem Ja und Nein beantworten. Das will ich im Rückblick auf unsere damaligen Bemühungen kurz erläutern.

Eine verrückte Idee

Mit dem Beginn der Arbeit im Vorstand und Ausschuss der VAUZ ergriff auch uns Aktivisten eine gewisse Erregung, die sich besonders an der Frage entzündete, wie wir mit dem Entwurf für ein neues Universitätsgesetz umgehen sollten. Nach einem ersten Studium kam die Idee auf, statt einer Vernehmlassung einen eigenen Gesetzesentwurf auszuarbeiten, denn zu unterschiedlich schienen uns die offiziellen von unseren eigenen, wenn auch noch unausgegorenen Vorstellungen. Es war zweifellos – mindestens von heute aus betrachtet – eine verrückte Idee: vom Anspruch und von den Konsequenzen her. Denn ihre Realisierung hatte nicht zuletzt die Folge, dass unser von einer Vollversammlung im Februar 1969 verabschiedeter Entwurf mit den anderen, in der Universität erarbeiteten Stellungnahmen so inkompatibel erschien, dass er in der Vernehmlassung trotz gegenteiliger Versicherungen nicht berücksichtigt wurde. Schade, sehr schade.

Weitsichtige Vorstösse, professorales Misstrauen

Denn in unseren Entwurf waren – das muss ich auch sagen – recht weitsichtige Vorstösse verpackt. Ich zähle sie kurz auf: Vorschläge zur Verflachung der Hierarchien und der Beachtung des Subsidiaritätsprinzips, zur Reorganisation des Verhältnisses von Universität und Behörden, zur Einführung einer präsidialen Verfassung, aber auch  der Vorstoss zur Relativierung der Bedeutung der Habilitation für die akademische Karriere, ebenso ein Konzept zur Förderung des akademischen Nachwuchses.

Die prinzipielle Zurückweisung unseres alternativen Gesetzesentwurfs hatte ihren Grund vor allem darin, dass wir für das Prinzip der Drittelsparität, das heisst einer drittelsparitätischen Vertretung der Professoren-, Assistenten- und Studentenschaft in den universitären Gremien plädierten, womit wir uns einer Forderung der Studentenschaft anschlossen.

Ich erinnere mich, wie ich selbst dieses Prinzip zunächst für Nonsens hielt, dann aber auf es einschwenkte, weil es dem Geist der Arbeit an einer grundlegenden Erneuerung der Universität entsprang, die nur durch eine qualifizierte Mitbestimmung erreichbar schien. Pragmatische Erwägungen, wie sie später dank erster Erfahrungen mit Mitsprache und Mitbestimmung aufkamen, spielten kaum eine Rolle. Erst als man Leute, zum Teil sogar händeringend, suchen musste, die bereit waren, die wenigen Sitze in akademischen Gremien einzunehmen, hob sich der Schleier der Wünsche.

Die ideologieverdächtige Forderung nach Drittelsparität brach nach meiner Einschätzung unserem Entwurf in der Rezeption das Genick und erzeugte in grossen Teilen der Professorenschaft ein Misstrauen, das noch länger der an sich naheliegenden Übernahme von Vermittlungsaufgaben hinderlich war.

«Es machte Spass!»

Aber – ein grosses Aber. Aus der Erinnerung an die Arbeit in jenen ersten Monaten der VAUZ kann und möchte ich etwas hervorheben und dem Vergessen entreissen: Es machte Spass! Wir arbeiteten in der für die Erstellung des Entwurfes gebildeten Kommission und im 18köpfigen Vorstand, der 14mal im ersten Jahr zusammentrat, unglaublich intensiv an unserem Text. Motivierend dafür war, dass es möglich schien, mit ihm unsere Anliegen schon in der Gründungsphase der VAUZ verbindlich zu formulieren und den höheren Instanzen zu unterbreiten.       

Seit dem Anfang und im Anschluss an ihn ist in den vergangenen 50 Jahren viel erreicht worden. Ich habe das im Einzelnen nach meinem Übergang in den Stand des Professors nicht mehr verfolgt. Aber im Rückblick auf die Jahre 1968 bis 1971 erscheint es mir als ein Privileg, dass ich zusammen mit allen damals Beteiligten, einen Anfang setzen durfte. Immer wieder, auch und gerade in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit, liebe Assistierende, die Chance zu einem Anfang zu ergreifen, so unscheinbar sich das sich anbietende Anfangen ausnehmen mag, und nicht der Gewohnheit oder gar der Angst vor Verlust zuviel Raum zu geben – dazu möchte ich insbesondere Ihnen Mut machen.

Helmut Holzhey ist emeritierter Professor für Philosophie an der UZH und Gründungsmitglied des VAUZ. (Der Text ist eine gekürzte Fassung der Festrede, die Helmut Holzhey am 20. Juni 2018 in der Aula hielt.)

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