Filmwissenschaften

Utopisches Kino

Spielfilme wie «Blade Runner» entwerfen ein düsteres Bild der Zukunft. Positive Utopien gibt es im Unterhaltungskino kaum, sie sind in Dok-Filmen zuhause. Filmwissenschaftler Simon Spiegel weiss, weshalb.

Michael T. Ganz1 Kommentar

Render Venus Project
Render Venus Project
Entwirft Ideen für die Zukunft: das «Venus Project» des US-amerikanischen Autors und Erfinders Jacque Fresco. (Bild: Venus Projects)

 

Dokumentarfilme sind gewöhnlich keine Kassenschlager. «Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen» war die Ausnahme: Über eine Million Französinnen und Franzosen sahen das Werk von Cyril Dion und Mélanie Laurent, als es mit dem Originaltitel «Demain» 2015 in die Kinos der Grande Nation kam. Statt den Zustand der Welt zu beklagen, zeigt «Demain» Beispiele kleiner verwirklichter Utopien aus zehn Ländern, vom grünen Energieprojekt auf La Réunion über lokale Währungssysteme in England bis zur hausaufgabenfreien Schule Skandinaviens. Der Film versprüht haufenweise Optimismus, und das erklärt wohl seinen Erfolg

Doch wird «Demain» die Welt verbessern? «Aktivistische Filme dieser Art schüren Begeisterung und reissen mit, sie bringen aber kaum je politischen und sozialen Wandel», meint Simon Spiegel, Post-Doc am Seminar für Filmwissenschaft. Seit drei Jahren beschäftigt sich Spiegel im Rahmen eines Nationalfondsprojekts zum politisch-aktivistischen Dokumentarfilm mit dem Thema und konzentriert sich auf die Utopie. Dabei geht er bewusst von einem engen Utopiebegriff aus: Die Utopie ist die Darstellung einer besseren Gesellschaft, als solche aber nicht zwingend umzusetzen. Ihr Ziel ist es vorab, mit phantasierten Ideallösungen auf Missstände in unserer Gesellschaft hinzuweisen.

Dies jedenfalls galt für eine grosse Zahl literarischer Texte bis tief ins 19. Jahrhundert hinein. Tradition hatten vorab utopische Reiseberichte: Ein Seefahrer gerät auf eine abgelegene Insel, wo alles viel besser ist als zuhause. «Diese Texte erzählten nicht primär eine Geschichte», erklärt Simon Spiegel, «sie waren vielmehr Auslegungen einer idealen Gesellschaftsordnung und deshalb literarisch nicht sehr interessant. Sie wurden oft gar nicht gelesen.» Die wahren Utopien als Totalentwürfe einer besseren Gesellschaft sind kein guter Stoff für packende Romane. Und deshalb auch kein guter Stoff für den Spielfilm. 

Exoten der Filmgeschichte

Kein Wunder also, haben es die Klassiker der utopischen Literatur nie ins Kino geschafft. Werke wie Francis Bacons «Nova Atlantis» oder Edward Bellamys «Looking Backward» blieben unverfilmt. Und Spielfilme wie Alain Tanners «Jonas qui aura 25 ans en l’an 2000» von 1976 oder Matt Ross’ «Captain Fantastic» von 2016 machen die Utopie zwar zum Thema, bleiben aber exotische Einzelfälle der Filmgeschichte. Der klassische Spielfilm braucht Drama und Komik, Höhenflüge und Tiefpunkte, Liebe und Hass. Das lernen angehende Drehbuchschreiberinnen und Drehbuchschreiber schon in der ersten Lektion.

Die Erkenntnis, dass echte Utopien eher im dokumentarischen Kino zuhause sind, hatte Simon Spiegel vor sechs Jahren, kurz nachdem er seine Dissertation zum Science-Fiction-Film abgeschlossen hatte. Blockbuster wie «Blade Runner», «The Matrix» oder «Robocop», die gemeinhin als utopisch gelten, sind das genaue Gegenteil. Es sind zukunftspessimistische Darstellungen einer zerfallenden Welt, also Dystopien. In solchen Geschichten kämpfen Gute gegen Böse, stehen sich Mensch und Maschine gegenüber, lehnen sich einsame Helden gegen totalitäre Systeme auf – ideale Plots für den Spielfilm.

«Nachdem ich mich in meiner Dissertation intensiv mit Science Fiction beschäftigt hatte, zog es mich immer mehr zur Utopie», erzählt Spiegel. «In der Forschung herrschte damals ein breiter Konsens, dass es im Film keine positiven Utopien geben kann. Mich hat das aber nie befriedigt.» Irgendwann stiess er auf «Zeitgeist: Addendum» von 2008, die zweite Folge der dokumentarischen Trilogie des unter Pseudonym auftretenden Filmemachers Peter Joseph. Als Low-Budget-Produktion ist die Trilogie im Internet frei verfügbar. «Zeitgeist: Addendum» ortet das Elend der Welt in der Tatsache, dass unsere Ökonomie auf Geld basiert. Als Alternative dazu verweist der Film auf das «Venus Project» des 1916 geborenen US-amerikanischen Autors und Erfinders Jacque Fresco.

Verkehrspolitische Vision

Was Simon Spiegel faszinierte: Fresco, der in «Zeitgeist: Addendum» ausführlich zu Wort kommt, vertritt mit seiner Theorie einer ressourcenbasierten Wirtschaft im Grunde jene Urform der Utopie, die der englische Staatsmann, Autor und Märtyrer Thomas Morus im Jahre 1516 erfand. Damals erschien Morus’ aufsehenerregendes Werk «Utopia», das die bereits erwähnte Tradition phantastischer Inselbeschreibungen überhaupt erst begründete und dem Genre seinen Namen gab. Das Wort «Utopie» leitet sich vom griechischen «ou-tópos» ab, was sich mit «Nicht-Ort» übersetzen lässt.

«Zeitgeist: Addendum» führte Simon Spiegel weg vom dystopischen Science-Fiction-Drama hin zum Dokumentarfilm als dem eigentlichen Bildmedium der Utopie. Spiegel vertiefte sich ins Thema und stiess bald auf ein dokumentarisches Genre, das ihm als Utopie-Forscher – denn das war er jetzt geworden – besonders wichtig erschien: den Propagandafilm. «Streng genommen haben die meisten Dokumentarfilme einen propagandistischen Einschlag, denn sie dokumentieren nicht bloss, sondern nehmen auch politisch oder sozial Stellung», meint Spiegel. Wobei er den Begriff Propaganda wertfrei versteht und ihm nicht jene negative Bedeutung beimisst, die er seit den Zeiten Lenins und Hitlers in Europa hat.

Ein klassisches Beispiel einer technologischen Utopie fand Simon Spiegel in den Archiven des US-amerikanischen Autoherstellers General Motors. An der Weltausstellung 1939 in New York präsentierte GM einen Kurzfilm mit dem Titel «To New Horizons». Er zeigt das Modell eines automatisierten Schnellstrassennetzes, das urbane Zentren mit Vorstädten und Industriezonen, ja sogar mit einem ultramodernen Flughafen verbindet – eine Phantasie, die freilich längst Wirklichkeit geworden ist. Interessant an diesem Beispiel ist jedoch, dass GM mit «To New Horizons» nicht etwa seine Fahrzeugpalette bewarb, sondern eine umfassende verkehrspolitische Utopie darbot, die auch die Entwicklung der städtischen Landschaft vorwegnahm.

Simon Spiegel
Simon Spiegel
«Aktivistische Filme schüren Begeisterung, bringen aber kaum je sozialen und politischen Wandel»: Filmwissenschaftler Simon Spiegel. (Bild: zVg)

Musterstadt der Zukunft

Auch der Erfinder von Mickey Mouse, Donald Duck und Goofy machte mit einer Utopie Propaganda. Wenige Monate vor seinem Tod drehte Walt Disney seinen letzten Film «The Florida Project». Er warb darin für das in Florida geplante Disney World. Es sollte mehr als nur der grössere Bruder des 1955 in Kalifornien eröffneten ersten Disney-Parks werden. Sein Herzstück sollte vielmehr eine Musterstadt der Zukunft sein, in der 20000 Menschen leben und arbeiten würden. Disney nannte sie «Experimental Prototype City of Tomorrow», kurz EPCOT.

Von Disneys Utopie ist nur der Name geblieben. Heute besteht EPCOT aus Zauberschlössern, Achterbahnen und Zuckerwatte. Dennoch: «Ich war dort», sagt Simon Spiegel, «und es war eine besondere Erfahrung. Man ist in einer eigenen Welt, abgeschottet von der Wirklichkeit. Disney World ist wie eine abgelegene Insel, ein Nicht-Ort ausserhalb der Zeit und damit in der Tat auch eine Art Utopie.» Denn ob ernstgemeinte Zukunftsstadt oder märchenhafter Vergnügungspark: Ein Mechanismus, in den sich alle reibungslos einfügen und sich dabei wohlfühlen, ist im Grunde genommen nicht allzu weit weg von dem, was Thomas Morus in «Utopia» beschrieb.

Wünsche und Ängste

Simon Spiegel will weitere Beispiele aufspüren, die seine Vermutung stützen, dass sich die wahren Utopien nicht im Spielfilm, sondern im Dokumentarfilm finden. «Filmwissenschaftler wissen wenig über Utopien, und Utopieforscher wissen wenig über den Dokumentarfilm.» Da will Spiegel eine Lücke schliessen. Die Resultate seines Forschungsprojekts zum Thema Utopie im Film sollen in ein Buch einfliessen, dessen Zielpublikum nicht nur Filmwissenschaftler sind. Simon Spiegel: «Utopien sagen letztlich immer mehr über die Wünsche und Ängste der Gesellschaft aus, in der sie entstanden sind, als über die Staatsordnung, die sie entwerfen. Mein Buch richtet sich somit an alle, die sich dafür interessieren, wie der Film diese Wünsche und Ängste umsetzen kann.»

Michael T. Ganz ist freier Journalist.

1 Leserkommentar

Yvonne Studer schrieb am Ein hervorragendes Projekt Mit grossem Interesse habe ich Ihren Artikel über Simon Spiegels Projekt gelesen. Ich bereite gerade einen Präferenzkurs für Maturanden im kommenden Schuljahr vor, in dem wir Utopien und Dystopien in der englischen Literatur und in Filmen studieren werden. Ihr Artikel hat mir wertvolle Inputs gegeben, besten Dank!

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