Männerforschung

Gesunde Optimisten

Ulrike Ehlert untersucht, was Männer ab 40 gesund, fit und zufrieden hält. Wichtig sind eine optimistische Lebenseinstellung und regelmässiges Körpertraining, sagt die Psychologin.

Roger Nickl2 Kommentare

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Im Seilziehen mit dem Älterwerden haben Optimisten den besseren Stand. (Bild: Jos Schmid)

Sie seien in den besten Jahren, heisst es von Männern über 40. Wenn auch etwas dran sein mag – so rosig, wie es das Diktum will, sind die Perspektiven für die zweite Lebenshälfte nicht immer. Denn der Zahn der Zeit nagt stetig an Körper und Seele. Die Risiken, körperlich oder psychisch zu erkranken, steigen in dieser Lebensphase. Und obwohl Männer im Gegensatz zu den Frauen nicht in die Wechseljahre kommen, sinkt der Spiegel des Sexualhormons Testosteron ab 40 stetig. Damit schwindet vielleicht auch etwas männliches Selbstwertgefühl. «Männer definieren sich ein Stück weit über ihren Testosteronspiegel», sagt Ulrike Ehlert, «sie gehen davon aus, dass ihre sexuelle Potenz direkt damit zusammenhängt.»

Die Klinische Psychologin und ihr Team wollen in ihrem Forschungsprojekt «Männer 40+» herausfinden, mit welchen gesundheitlichen und sozialen Herausforderungen Männer in den besten Jahren zu kämpfen haben und welche Rolle dabei die hormonelle Entwicklung spielt. Und sie wollen vor allem in Erfahrung bringen, weshalb ein Teil der Männer zwischen 40 und 75 auch mit zunehmendem Alter gesund und vital bleiben, andere aber nicht. «Gesundes Altern fängt spätestens mit 40 an», sagt Ehlert. Wer im höheren Alter noch fit und gesund sein will, sollte also frühzeitig darum besorgt sein. Denn die Weichen dafür werden bereits in der mittleren Lebensphase gestellt.

Hormoneller Jungbrunnen

Um hinter das Geheimnis des gesunden Alterns zu kommen, untersuchten die Klinischen Psychologen der UZH in verschiedenen Studien rund 300 gesunde Männer im Alter zwischen 40 und 75 Jahren. «Es bringt nichts, immer nur auf Krankheiten zu fokussieren», sagt Psychologin Ehlert, «lernen können wir nur von denen, die gesund bleiben.» Untersucht haben die Forscherinnen und Forscher etwa, wie sich der Spiegel er Hormone Testosteron und DHEA bei Männern entwickelt. DHEA gilt als eigentliches Jungbrunnenhormon und ist für jugendliches Aussehen und geistige Flexibilität mitverantwortlich.

Wie die Studien nun zeigen, nehmen zwar der Testosteron­ und der DHEA-Spiegel mit zunehmendem Alter ab, allerdings ist die Streuung zwischen den untersuchten Männern gross. «Mann ist nicht gleich Mann», sagt Ulrike Ehlert, «es gibt auch Männer, die noch im hohen Alter hohe Werte für diese gesunden Hormone haben.» Die Forscherinnen und Forscher untersuchten deshalb, was diese Männer besonders gut machen. Herausgefunden haben sie dabei zum Beispiel, dass sich der Hormonspiegel durch das regelmässige Training von asiatischen Kampf­ und Konzentrationstechniken wie Tai Chi Qigong oder Kung Fu positiv beeinflussen lässt. Männer, die mindestens viermal pro Woche Tai Chi Qigong oder Kung Fu machen, waren innerhalb der untersuchten Gruppe deutlich fitter. Sie waren besser gestimmt und ausgeglichener. Weshalb das so ist, liegt für Ulrike Ehlert auf der Hand: «Durch das Training bringen wir uns willentlich zur Ruhe, wir zwingen uns, nicht mehr zu denken, und konzentrieren uns auf Körper und Atmung – das fährt die Produktion von Stresshormonen herunter.» Einen ähnlich positiven Effekt auf Körper und Geist haben regelmässiges Sporttreiben und Musizieren – sie halten uns länger gesund, fit und vital.

Mehr Seitensprünge

Zuweilen kommt es aber doch vor, dass der Testosteronspiegel von Männern mit zunehmendem Alter stark sinkt. In solchen Fällen können tatsächlich belastende Potenzprobleme und Erektionsstörungen die Folge sein. Eine Therapie, die das fehlende Testosteron ersetzt, ist aber lange nicht immer sinnvoll, ist Ulrike Ehlert überzeugt. Denn die Ursache für die Potenzprobleme muss nicht allein bei den mangelnden Hormonen liegen, auch Beziehungsprobleme können dafür verantwortlich sein. «Für eine gute Sexualität muss die Beziehungsqualität stimmen», sagt die Psychologin, «diese über die 30 und mehr Jahre hinweg aufrechtzuerhalten, die ältere Paare oft schon zusammen sind, ist natürlich eine grosse Herausforderung.»

Im Seilziehen mit dem Älterwerden haben Optimisten den besseren Stand. Deshalb ist es vielleicht auch nicht erstaunlich, dass ein Drittel der Männer über 40, die die Psychologen untersucht haben, angaben, sie unterhielten Aussenbeziehungen. «Möglicherweise wollen diese Männer herausfinden, ob sie dieselben Probleme auch mit anderen Frauen haben, und versuchen, ihr Selbstwertgefühl zu heben», meint Ehlert. Aber nicht nur die Zahl der Seitensprünge steigt bei den Männern in den besten Jahren, auch die Scheidungsrate bei Paaren um die 50 ist in den letzten Jahrzehnten in die Höhe geschnellt. «Ob die Lebenszufriedenheit der Partner nach einer Trennung aber tatsächlich besser wird, wissen wir noch nicht», sagt Ehlert, «das muss die künftige Forschung analysieren.»

Halb volles Glas

Männer über 40 haben nicht nur vermehrt mit körperlichen Gebrechen zu kämpfen, auch das Risiko, depressiv zu werden, nimmt zu. Dies belegen grosse Schweizer Gesundheitsstudien. Bei einer Depression wird im Körper das Stresshormon Cortisol im Übermass produziert. Viele depressive Männer leiden aber nicht nur psychisch, sie neigen auch vermehrt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und haben ein höheres Herzinfarktrisiko. Deshalb stellt sich die Frage, wie man sich vor Depression und anderen psychischen Erkrankungen schützen kann.

Ulrike Ehlerts Forschung ergab darauf eine klare Antwort: Insbesondere seelisch gesund bleibt, wer optimistisch ist. «Optimisten haben eine positive Einstellung sich selbst und der Welt gegenüber», sagt die Psychologin, «sie gehen davon aus, dass das Leben es gut mit ihnen meint und dass es weitergeht, auch wenn einmal etwas schiefläuft.» Sie kommen deshalb besser mit Stresssituationen zurecht und fühlen sich weniger unter Druck. Menschen mit einer Depression geht diese positive Grundhaltung allerdings ab. Das hat Ulrike Ehlert, die als Psychotherapeutin oft mit depressiven und ängstlichen Patienten zu tun gehabt hat, immer wieder erfahren. Sie hat in Therapiestunden dann jeweils versucht, sich in ihr Gegenüber zu versetzen. «Ich wollte eine Ahnung davon bekommen, was es bedeutet, wenn man das Glas immer halb leer und nicht halb voll wahrnimmt, wenn man jede Entscheidung fünfmal abwägt und kognitive Dissonanzen aufbaut, anstatt einfach zu sagen: kein Problem», sagt sie. Dies hat der Psychologin geholfen, Depressive besser zu verstehen. Obwohl es schwierig ist, solche negativen Grundhaltungen zu verändern, glaubt Ulrike Ehlert heute, dass sich eine optimistische Lebenseinstellung bis zu einem gewissen Grad antrainieren lässt. Zwar sei nicht jeder zum Optimismus geboren, meint sie, aber eigene Einstellungen zu reflektieren und zu merken, wo man sich selber im Weg steht, könne man sogar im hohen Alter noch üben und sich damit das Leben erleichtern.

Sind Männer psychisch gesund, fällt ihnen das Leben nicht nur leichter, sie sehen auch besser aus. Dies hat Ehlerts Mitarbeiterin Emilou Noser bei einem Experiment festgestellt. Dazu hat sie Bilder von Männern zuerst vermessen und dann Frauen die Porträts nach Attraktivität und geschätztem Alter beurteilen lassen. Dabei zeigte sich, dass die Männer, die sich psychisch gesund fühlten, auf die Frauen auch jünger und attraktiver wirkten.

Besser Leben

Mit ihren Studien fügen die Psychologinnen und Psychologen um Ulrike Ehlert Puzzlestein an Puzzlestein. Mit der Zeit soll so ein umfassendes Bild entstehen, was Männer zwischen 40 und 75 fit und gesund hält. Dieses Wissen, hofft die Forscherin, könnte künftig in ein Healthy-­Aging-Programm an der UZH einfliessen. «Das Ziel ist es, Menschen individuelle Empfehlungen zu geben, wie sie im Alter ein gutes Leben führen können und wie sie Ängsten und Problemen begegnen können», sagt Ehlert, «es geht nicht darum, Schwächen zu beheben, sondern Ressourcen zu optimieren.»

Um dieses Know­how noch weiter zu vergrössern, möchten die Psychologen die gesunden Männer, mit denen sie sich bisher beschäftigt haben, in einigen Jahren nochmals untersuchen und herausfinden, wie stabil ihre Entwicklung ist. Inzwischen werden die Forscherinnen aber noch ein zweites Grossprojekt in Angriff nehmen: Ab diesem Herbst wollen sie sich analog zu den Männerstudien der Frauengesundheit 40+ widmen. So wird künftig auch der Vergleich möglich sein, wie sich der kleine Unterschied auf die Gesundheit und die Lebenszufriedenheit von Frauen und Männern in den besten Jahren auswirkt.

 

Roger Nickl ist Redaktor des UZH Magazin.

2 Leserkommentare

Tumasch Cathomen schrieb am T. Cathomen Interessante, gute Studie.
Anastasia Risch schrieb am Depression ist keine "negative Grundhaltung" Ich finde es schlimm, wie in diesem Artikel Depressionen als "negative Grundhaltungen" ausgelegt werden, als etwas also, was man sich sozusagen selbst aussucht und genauso selbst beeinflussen kann ("werd mal optimistischer!"). Ich hoffe einfach mal, dass dieser Gedankengang nicht von Frau Ehlert ausgeht, die als Psychologin wissen solle, was eine Depression ist, sondern vom Autor des Artikels so interpretiert wurde. Depression ist eine Krankheit, als solche kategorisiert in der Psychiatrie. Depressiven Patienten damit zu begegnen, dass sie sich gefälligst zusammenreißen und positiver denken sollen, ist gefährlich.

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