9. Aarauer Demokratietage

Vom Leser zum User

Die Digitalisierung verändert das Mediensystem und die Art, wie wir Medien nutzen. Welche Folgen das für die Demokratie hat, darüber gingen die Meinungen an einem Podiumsgespräch im Rahmen der 9. Aarauer Demokratietage auseinander.

Adrian Ritter

9. Aarauer Demokratietage
9. Aarauer Demokratietage
Wenn Medienschaffende über Medien diskutieren (von links): Iwan Rickenbacher, Susanne Wille, Moderatorin Pascale Bruderer, Peter Wanner und Roger Schawinski. (Bild: ZDA/Romeo Basler)

Früher war es einfacher. Man schlug seine gewohnte Tageszeitung auf und wusste, woran man ist: Hier eine Agenturmeldung, da ein Artikel des Ressortleiters Inland, gefolgt von den Leserbriefen. Tempi passati, wie Katharina Kleinen-von Königslöw in ihrem Referat an den 9. Aarauer Demokratietagen am vergangenen Donnerstag aufzeigte. Kleinen-von Königslöw ist Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg. In ihrem Referat präsentierte sie die Ergebnisse der Forschung, die sie bis Juli 2016 als Assistenzprofessorin am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der UZH durchgeführt hatte.

Mit der Digitalisierung habe sich das Medienangebot wie auch die Mediennutzung stark verändert, so Kleinen-von Königslöw: Das Angebot an Nachrichten wird grösser und unübersichtlicher. Je fragmentierter aber das Medienangebot, desto weniger integrativ können einzelne Medien wir früher eine Tagesschau wirken. So verlieren in der Schweiz die öffentlich-rechtlichen Sender bei Online-Lesern zulasten von Plattformen wie Facebook und 20 Minuten an Bedeutung.

Gleichzeitig wird die Mediennutzung immer indirekter: Soziale Medien und Email-Anbieter und Suchmaschinen schieben sich zunehmend als Vermittler zwischen Journalismus und Leserschaft. Für die Leser sei es schwierig, die Qualität der Informationen auf solchen Portalen zu beurteilen, so Kleinen-von Königslöw. Anspruchsvollen Medienfunktionen würden diese Plattformen zudem nicht immer gerecht – etwa dem Anspruch, einen rationalen Austausch von Meinungen zu ermöglichen.

Die Referentin schloss ihre Ausführungen mit dem Appell an die Medien, den Qualitätsanspruch hochzuhalten und mit der Forderung, an den Schulen vermehrt digitale Kompetenz zu vermitteln.

Näher beim Publikum?

Beim anschliessenden Podiumsgespräch war die Rollenverteilung für einmal vertauscht. Nicht eine Journalistin befragte Gäste aus der Politik, sondern Ständerätin Pascale Bruderer moderierte ein Gespräch mit vier Medienschaffenden: Roger Schawinski (SRF/Medienunternehmer), Peter Wanner (Verleger AZ Medien), Susanne Wille (SRF) und Iwan Rickenbacher (Verwaltungsrat Tamedia AG).

Susanne Wille und Iwan Rickenbacher betrachteten die Sozialen Medien weniger skeptisch als Referentin Kleinen-von Königslöw. «Diese neuen Kanäle ermöglichen es, die Meinung der Bevölkerung und die Meinungsvielfalt besser wahrzunehmen», sagte Wille. Sie forderte die Journalistinnen und Journalisten auf, in solchen Foren mehr mitzudiskutieren. Iwan Rickenbacher betrachtet die neue Vielfalt ebenfalls positiv – die Zeiten seien vorbei, in denen die Journalisten die «schweigsame Deutungshoheit der Welt hatten». Roger Schawinski zeigte sich skeptischer, etwa bezüglich der vielen gehässigen Kommentare in den Sozialen Medien. Die Redaktionen müssten in solchen Fällen stärker einschreiten.

Katharina Kleinen-von Königslöw
Katharina Kleinen-von Königslöw
Untersucht, wie sich die Digitalisierung auf die Medien auswirkt: Kommunikationswissenschaftlerin Katharina Kleinen-von Königslöw. (Bild: ZDA/Romeo Basler)

Komplexität vermitteln

Viel zu reden gab am Podium die Frage, ob die Medien noch in der Lage sind, ihrer zentralen Aufgabe in der direkten Demokratie nachzukommen – Abstimmungsvorlagen verständlich zu kommunizieren. Roger Schawinski spielte den Ball an die Politik zurück: Gewisse Vorlagen wie kürzlich die Unternehmenssteuerreform III seien schlicht zu komplex, um sie anschaulich zu vermitteln. Dem widersprach Susanne Wille: «Wir müssen auch schwierige Vorlagen kommunizieren.» Der Blick in die Sozialen Medien zeige gerade, ob ein Thema verständlich habe vermittelt werden können oder ob weitere journalistische Beiträge zur Klärung nötig seien.

Dass die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger mit politischen Vorlagen bisweilen überfordert sind, sei schon bei früheren Generationen der Fall gewesen, sagte Iwan Rickenbacher. Es sei kein Grund, nicht über bestimmte Themen abstimmen zu lassen. In Staaten mit einer parlamentarischen Demokratie seien die Resultate des politischen Prozesses nicht besser als in Staaten mit direkter Demokratie.

Pascale Bruderer gab zu bedenken, dass die Politikerinnen und Politiker heute in den Medien den Raum nicht mehr hätten, um die Komplexität von politischen Vorlagen aufzuzeigen: «Alles muss schnell gehen.» Hier sah auch Susanne Wille einen zentralen Punkt: «Qualitätsjournalismus braucht Zeit und Ressourcen. Das ist heute das Hauptproblem des Journalismus.»

Gestiegene Anforderungen

Einig war man sich auf dem Podium: Die Herausforderungen an die Mediennutzer sind gestiegen. Früher musste man sich als Leserin und Leser bei einem Artikel fragen: Interessiert mich das Thema? Heute müsse man als «User» auch einschätzen, ob es sich um «Fake News» oder seriöse Informationen handelt, sagte Moderatorin Pascale Bruderer.

Das könne auch eine Chance sein, meinte AZ-Verleger Peter Wanner. Donald Trump möge eine Katastrophe für die Welt sein, aber für die Medien sei er ein Segen: Er sorge in den USA für ein steigendes Interesse an Qualitätsmedien. Für Iwan Rickenbacher liegt es in der Verantwortung der Medien, durch seriöse Arbeit ihren Ruf zu pflegen. Susanne Wille appellierte an die Journalisten, transparenter zu machen, was sie tun: Wie entsteht die Gästeliste für eine Politsendung? Nach welchen Kriterien werden die Personen ausgesucht?

Zu reden gab auf dem Podium auch, wie stark sich die Medien nach dem Click-Zahlen ihrer Online-Artikel ausrichten sollen. Der Hinweis von Moderatorin Pascale Bruderer, dass beim Tagesanzeiger-Newsportal diese Clicks für die Journalisten bereits lohnwirksam sind, wurde allerdings nicht weiter diskutiert.

Die Verantwortung der Medien bezüglich Qualität und Transparenz hat zugenommen, waren sich die Teilnehmenden des Podiums einig. Gestiegen sei aber auch die Schwierigkeit für die Medienkonsumenten, sich zu orientieren. Es brauche deshalb mehr Schulung für Medienkompetenz.

Die 10. Aarauer Demokratietage widmen sich im März 2018 dem Thema «Direkte Demokratie lokal, national, international».

Medien und Abstimmungen

Am zweiten Tag der Demokratietage fanden drei wissenschaftliche Panels zum Thema Medien und Demokratie statt. Dabei berichtete unter anderem Linards Udris vom Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der UZH über die Medienresonanz von Abstimmungskampagnen.  Er zeigte auf, welche Faktoren mit einer höheren Medienresonanz einhergehen. UZH-Politikwissenschaftler Laurent Bernhard ging der Frage nach, inwiefern die Medien den Abstimmungsentscheid der Bürgerinnen und Bürger beeinflussen können. Seine Forschung zeigt, dass sich die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger beeinflussen lassen, wenn sie mit sehr komplexen Abstimmungen konfrontiert sind.

Mehrere Artikel zu den Präsentationen der drei Panels sind auf der Plattform Defacto zu finden.

9. Aarauer Demokratietage

Die Aarauer Demokratietage widmen sich jährlich im März einem aktuellen Thema der Demokratieforschung. Organisiert wird die Veranstaltung vom Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) – zu dessen Trägerschaft auch die Universität Zürich gehört. In diesem Jahr waren die Demokratietage mitorganisiert vom Nationalen Forschungsschwerpunkt Demokratie, der seine zwölfjährige Laufzeit mit einer Reihe von öffentlichen Veranstaltungen beendet.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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