Psychologie

Sorgen ohne Ende

Bei einer generalisierten Angststörung geraten Ängste und Sorgen ausser Rand und Band und belasten Betroffene schwer. Der Psychologe Christoph Flückiger erforscht das Phänomen und ist auf der Suche nach wirkungsvollen Therapien.

Roger Nickl

Angst und Sorge
Angst und Sorge
Ängste: Wenn sie sich unheilvoll verketten, haben sie nicht nur psychische Folgen, sie wirken sich auch negativ auf den Körper aus. (Bild: ©iStock_SIphotography)

 

Die Pupillen weiten sich, der Körper spannt sich an, die Atmung wird schneller: Angst ist ein unerfreuliches Gefühl, aber auch ein überlebenswichtiges. Angstgefühle warnen uns vor möglichen Gefahren oder verhindern, dass wir zu grosse Risiken eingehen. Doch nicht immer ist Angst sinnvoll und nützlich. Zuweilen kann sie auch krank machen. Menschen, die an einer generalisierten Angststörung leiden, werden von Ängsten und Sorgen richtiggehend überrollt – die Angst wird übermächtig, obwohl die Bedrohungslage dies objektiv gesehen kaum rechtfertigt.

Unheilvolle Sorgenketten

Bei einer generalisierten Angststörung beginnen dunkle Gedanken zu rasen und geraten allmählich ausser Rand und Band. Der Ehemann, der im Kanton Graubünden auf Geschäftsreise ist, wo sich gerade ein Bergsturz ereignete, die Kinder, denen auf dem Weg in die Schule etwas zustossen, das Geld, das bis Ende Monat knapp werden könnte: «Die Betroffenen verknüpfen Ängste und Sorgen zu ganzen Sorgenketten, die mit der Zeit unkontrollierbar werden», sagt Christoph Flückiger, der das Phänomen am Psychologischen Institut der UZH erforscht, «es fällt ihnen zunehmend schwer Bedrohungslagen und Risiken richtig einzuschätzen.» Denn de facto ist etwa die Gefahr, dass der Ehemann Opfer eines Bergsturzes wird minimal.

Die Ängste, die sich unheilvoll verketten, haben nicht nur psychische Folgen, sie wirken sich auch negativ auf den Körper aus. Betroffene sind ständig angespannt, nervös und gestresst. Der permanente Stress verschlimmert die Angstproblematik zusätzlich, indem er das Rasen der bedrohlichen Gedanken weiter anheizt. Stress verringert die Kontrollfähigkeit und erschwert es dadurch, einen kühlen Kopf zu bewahren und einen realistischeren Blick auf die Probleme zu werfen, die oft viel kleiner sind, als sie im Strudel der Angst erscheinen – ein Teufelskreis. An den sich zusammenballenden Ängsten und Sorgen leiden die Betroffenen stark. «Eine generalisierte Angststörung belastet einen enorm und kostet viel Energie und Zeit», sagt SNF-Förderungsprofessor Flückiger.

Fehldiagnosen verbreitet

In der Schweiz sind fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung von einer generalisierten Angststörung betroffen – Frauen etwas mehr als Männer. Viele der Ängste drehten sich um einen drohenden Verlust, sagt Christoph Flückiger. Sind wir auf der Wohlstandsinsel Schweiz besonders dafür empfänglich? Teilweise, sagt Flückiger und zieht einen Vergleich heran: «Der Musterschüler, der an Prüfungen immer eine sechs schreibt, hat wohl auch mehr Angst vor einer viereinhalb als sein Kollege, der sich mittelmässige Noten gewohnt ist.»

Rund die Hälfte der Angstpatienten, mit denen der Psychologe zu tun hat, war schon in der Kindheit eher ängstlich. Die frühe Neigung zur Ängstlichkeit erklärt aber lange nicht alle Fälle. Vielfach entwickelt sich eine Angsterkrankung auch erst im Erwachsenenleben – bei Frauen etwa in Zusammenhang mit einer Schwangerschaft oder wenn die Kinder ausziehen.

Oft würden Angststörungen aber gar nicht als solche erkannt, sagt Christoph Flückiger, oder die Symptome würden von Ärzten als Depression missinterpretiert. Auf Grund dieser Fehldiagnose werden dann die falschen Therapien verordnet. «Bei der Behandlung einer Depression geht es unter anderem darum, den Patienten aus seiner Lethargie zu reissen», sagt Flückiger, «Ziel einer Therapie bei generalisierten Angststörungen ist es dagegen, dass die Betroffenen lernen, sich rasch zu entspannen.» Oft sind es die kleinen und feinen Denkunterschiede, die die Sorgenketten stoppen. So könne es hilfreich sein, sich zu fragen, was man dem besten Freund in einer vergleichbaren Situation raten würde, sagt der Psychologe.

Christoph Flückiger
Christoph Flückiger
Will die Therapie bei Angststörungen verbessern: Psychologe Christoph Flückiger.

Angst-Therapien verbessern

Wie bestehende Therapien für Angststörungen wirken, welche Entwicklungen die Patienten dabei durchmachen und wie die Behandlungen weiter optimiert werden können, untersucht Christoph Flückiger in seiner Forschung an der Abteilung für Allgemeine Interventionspsychologie und Psychotherapie des Psychologischen Instituts. Dort leitet er auch die Spezialpraxis für generalisierte Angststörungen.

Vor kurzem hat Flückiger eine grosse, vom Schweizerischen Nationalfonds mitfinanzierte Therapiestudie in Angriff genommen, für die er an der UZH Probanden suchte. «Wir wurden von Interessenten regelrecht überrannt», sagt er, «Ängste scheinen auch hier ein grosses Thema zu sein.» Die Studien-Teilnehmerinnen und –Teilnehmer durchlaufen nun ein ganzes Therapie-Programm. Dabei werden sie vom UZH-Team eng begleitet und immer wieder zu ihren Fortschritten befragt. Ziel ist es, dadurch mehr über die therapeutischen Prozesse zu erfahren und Hinweise dafür zu bekommen, wie die Behandlung verbessert werden kann.

Entspannen und nach innen blicken

Die Verhaltenstherapie, die Flückiger und sein Team an der UZH anbieten, dauert in der Regel 16 Sitzungen von je 50 bis 60 Minuten. Weil bei einer generalisierten Angststörung körperliche und psychische Symptome eng miteinander verknüpft sind, werden bei der Behandlung körperliches Entspannungstraining und Psychotherapie kombiniert. So lernen die Patienten beispielsweise, sich mit gezielten Übungen zu lockern. «Wenn man, wie das bei einer generalisierten Angststörung der Fall ist, permanent angespannt ist, muss man zuerst wieder lernen, wie sich der Körper anfühlt, wenn er entspannt ist», sagt Christoph Flückiger.

Genauso wichtig wie das Entspannungstraining ist der Blick nach innen. «Die Patientinnen und Patienten lernen im Lauf der Therapie auf eigene Angstmuster aufmerksam zu werden – und dies unabhängig von einer konkreten Situation», sagt Flückiger, «das ist ein wichtiger Schritt.» Denn so können sie genauer einschätzen, was mit ihnen passiert, wenn die sorgenvollen Gedanken das nächste Mal auszuufern  beginnen. Und sie können entsprechend versuchen, die Notbremse zu ziehen. Dies gelingt Patienten nach einer Therapie viel besser als zuvor, wie die Sitzungen zeigen, die der Psychologe jeweils nach sechs Monaten und nach einem Jahr zur Kontrolle und für die Rückfallprophylaxe durchführt. Sie haben gelernt, ihre Ängste deutlich besser in Schach zu halten. Ganz verschwinden soll und wird die Angst aber nicht – zum Glück.

Roger Nickl ist Redaktor des UZH Magazins.

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