Podiumsdiskussion

Populismus und die Zukunft der Arbeit

«Wir brauchen gute Ideen, doch die sind spärlich», sagte Richard David Precht gestern in der vollbesetzten Aula der UZH. Mit dem Ökonomen Ernst Fehr diskutierte der Philosoph und Bestsellerautor über Verunsicherungen, Populismus und die Zukunft der Arbeitsgesellschaft.

Roger Nickl1 Kommentar

David Precht
Es sei an der Zeit, grosse Utopien für unsere Gesellschaft zu entwickeln: David Precht während seinem Referat. (Bild: Roger Nickl)

 

Mit seinem Buch «Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?» landete Philosoph Richard David Precht einen Best- und Longseller. Seither ist der eloquente Denker aus Deutschland ein gern gesehener Gast in Talkshows und Diskussionsrunden. Es war wohl nicht zuletzt diesem schillernden Namen zu verdanken, dass das Publikum in Scharen an das gestrige Podiumsgespräch in der Aula der UZH strömte – ein Teil musste deshalb mit Plätzen in anderen Hörsälen vorlieb nehmen, in welche die Diskussion übertragen wurde.

«Populismus, Post-Truth, Polemik – was geschieht mit unseren Werten?» lautete der Titel der vom Department of Economics und der Müller-Möhl-Foundation organisierten Debatte, an der neben Precht der renommierte UZH-Ökonom Ernst Fehr teilnahm. Podcast

Düstere Zeitdiagnose

In einem Input-Referat stellte Richard David Precht zu Beginn der Veranstaltung eine etwas düstere Zeitdiagnose. Die erste industrielle Revolution habe vor rund 250 Jahren die Leistungsgesellschaft hervorgebracht, die auf den Prinzipien von Fleiss, Arbeit und Innovation beruhten. Diese Gesellschaftsform gehe nun mit der Digitalisierung, der vierten industriellen Revolution, zu Ende. Es stehe uns eine radikale Veränderung der Arbeitwelt bevor, Dienstleistungsberufe gingen verloren. Deshalb müssten wir uns über zukünftige Arbeitsmärkte und steigende Arbeitslosenzahlen Gedanken machen.

Nicht nur auf Grund dieser Veränderungen nehmen heute viele Menschen eine Zeitenwende wahr, glaubt Precht. In diesem Klima der Verunsicherung blühe auch der Populismus – nach Precht übrigens ein immer unbrauchbarerer Begriff, weil sich mittlerweile in der Politik alle gegenseitig vorwerfen, Populisten zu sein. Und es gediehen «Retropien», rückwärts gewandte Vorstellungen für die Zukunft.

Kontroverse um bedingungsloses Grundeinkommen

Entscheidend sei deshalb, ob der Populismus mehr zu bieten habe als solche althergebrachten Ideen. Denn das Gebot der Stunde sei, grosse Utopien für unsere Gesellschaft zu entwickeln. Doch gute Ideen gebe es nur spärlich. Einen Ansatz für die Gestaltung der künftigen Arbeits- Freizeitgesellschaft sieht Precht in der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Fehr
Als Gegengewicht zum Populismus und postfaktischem Denken brauche es eine starke Zivilgesellschaft, fordert UZH-Wirtschaftsprofessor Ernst Fehr.

 

In der, von SRF-Wirtschaftsredaktorin Susanne Giger geleiteten Diskussion, widersprach Ernst Fehr den Prognosen von Richard David Precht. Er sei optimistisch, sagte der Ökonom, die Arbeit werde uns auch in Zukunft nicht ausgehen. Die Angst einer Gesellschaft ohne Arbeit begleite die Geschichte des Kapitalismus, sie habe sich bislang nicht bewahrheitet und werde dies auch künftig nicht tun. Problematisch sei dagegen das allmähliche Verschwinden der Mittelklasse. Die Lohnunterschiede steigen und die Gesellschaft werde zunehmend polarisiert und die Ungleichheit wachse. Dies gerade in den USA, wo die Sozialsysteme nur schwach entwickelt sind. Für die so entstehenden Verteilungsprobleme gebe es noch keine Lösungen.

Starke Zivilgesellschaft gefordert

Wenig abgewinnen konnte Fehr der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Für einen Teil der Bevölkerung würde ein solches Grundeinkommen zu mehr Freiheit und Kreativität führen, glaubt der Ökonom, andererseits würde aber eine Subkultur von Leuten entstehen, die mit ihrer freien Zeit nichts anzufangen wüssten. Mit Richard David Precht einig war Fehr, dass die Frage, wie mit aktuellen gesellschaftlichen Verunsicherungen umzugehen sei, zentral ist. Als Gegengewicht zu Populismus und postfaktischen Denken brauche es eine starke Zivilgesellschaft, forderte er.

Ein Problem für längerfristige politische Strategien sei die heute grassierende mediale Aufregungskultur, sagte Richard David Precht zum Schluss der Veranstaltung. Sie widerspreche den langsamen Prozessen von Politik und Demokratie. Politikerinnen und Politiker würden so ständig gezwungen situativ zu reagieren und könnten weniger in die Zukunft denken.

Roger Nickl ist Redaktor des UZH Magazins.

1 Leserkommentar

Ruedi Winkler schrieb am Augen offen halten Ich neige eher zur Sicht von Precht. V.a. denke ich, er hat recht, dass sich das Zeitalter, das mit der Industrialisierung begonnen hat, dem Ende zuneigt und etwas Neues entsteht. Das Neue kennen wir noch nicht und wir neigen dazu, dessen Anzeichen mit den Mitteln zu bekämpfen, die dazu geführt haben. Das klassischste Beispiel ist der Klimawandel. Während wir ziemlich gut wissen, dass der Lebensstil in den wohlhabenden Ländern dazu geführt hat, wollen wir den armen Ländern immer noch weis machen, sie sollten mit Wachstum versuchen, auch so zu werden. Statt offensiv neue Lebensformen mit massiv kleinerem materiellem Aufwand zu erproben, suchen wir die Lösung in der Förderung des Wachstums und beschleunigen damit den Zeitenwandel, den wir offenbar nicht wollen.

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