Citizen Science

«Bitte das Etikettieren nicht unterlassen!»

Die Universität Zürich tritt ein für die vermehrte Partizipation der breiten Bevölkerung an wissenschaftlichen Projekten. Neu sind solche Citizen-Science-Ideen nicht, bereits vor hundert Jahren lag Amateurforschung im Trend.

Tanja Wirz1 Kommentar

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Förderer von Citizen Science der ersten Stunde: Schweizer Forscher bei einer Expedition im Wauwiler Moos um 1900. (Bild: Staatsarchiv Basel-Landschaft, Nachlass Franz Leuthardt)

Was heute als «Citizen Science» bezeichnet wird, hat eine lange Tradition, vor allem in den Naturwissenschaften. Dies zeigt der an der UZH als Oberassistent tätige Kulturwissenschaftler Tobias Scheidegger in seiner Dissertation: Bereits um 1900 erlebte die Amateur-Naturforschung einen Boom. Vor allem das Inventarisieren der heimatlichen Pflanzen- und Tierwelt lag beim gebildeten Bürgertum im Trend. So mancher Dorflehrer, Arzt oder Pfarrer trug in seiner Freizeit riesige Bestände zusammen. Am beliebtesten waren Herbare und Insektensammlungen.

Das durchaus patriotisch verstandene Ziel war, sämtliche Pflanzen oder Tiere der eigenen Region zu dokumentieren, gerne im sportlichen Wettkampf gegen die Sammler der Nachbarkantone, die womöglich bereits eine umfassende «Flora» veröffentlicht hatten. Manche Sammler spezialisierten sich auch auf einzelne Arten, trugen davon möglichst viele Exemplare zusammen und wurden so zu gefragten Fachexperten.

Fledermausmaterial sammeln

Die Amateurforscher waren in naturkundlichen Vereinen zusammengeschlossen, deren Präsident oft der Naturkundelehrer des lokalen Gymnasiums war, der in der Regel auch das örtliche Naturkundemuseum leitete. Diese «Zentrumsakteure», so fand Scheidegger heraus, waren enorm wichtig für das Gedeihen der regionalen Naturforscher-Milieus. Naturwissenschaftlich gebildet, waren sie das Bindeglied zur Universität. Einige riefen auch zu grösseren Aktionen auf, so etwa Isaak Bloch, der Leiter der naturhistorischen Abteilung des Museums der Stadt Solothurn. Er schrieb 1903 an rund 350 Naturbegeisterte: «Um die Fledermausarten, die sich im Kanton Solothurn finden, festzustellen (…), gelangen wir mit der höfl. Bitte an Sie, allfälliges Fledermausmaterial aus ihrem Bezirk zu sammeln und an (das Museum) zu senden.» In der Folge erhielt er 189 Exemplare von 13 verschiedenen Fledermausarten, die präpariert und ausgestellt wurden. Dabei wurden – aus heutiger Sicht tierquälerisch anmutende – Überlegungen angestellt, ob die Tiere der besseren Haltbarkeit zuliebe eher tot oder lebendig auf die Post gebracht werden sollten.

Anleitungen zum Erstellen eines Herbars

Auch Hochschulprofessoren waren an der Mithilfe der Amateurforscher interessiert, so etwa der Zürcher Botanikprofessor Hans Schinz. Er bemühte sich sehr darum, seinen Helfern die Standards wissenschaftlichen Arbeitens beizubringen und publizierte regelmässig Anleitungen zum Erstellen eines Herbars. «Bitte das Etikettieren nicht unterlassen!» schrieb er 1920 eindringlich und erläuterte im Detail, wie gross und aus welchem Papier diese Etiketten zu sein hatten und was alles darauf verzeichnet werden sollte.

Offenbar war es nicht immer einfach, die Laien von solch penibler Ordentlichkeit zu überzeugen, doch wer sich um die streng naturwissenschaftlichen Methoden gänzlich foutierte, machte sich unbeliebt – oder gar unglaubwürdig. So erging es dem Churer Kantonsschullehrer Christian Brügger, der es nicht so genau nahm. Zudem wagte er sich in die Sphären der Theoriebildung vor – etwas, was die meisten Amateure bescheiden von sich wiesen und den universitären Wissenschaftler überliessen: Brügger fand um 1890 herum zahlreiche Pflanzen, von denen unklar war, ob sie als Kreuzungen gelten sollten oder als eigenständige Arten. Er entschied sich für Zweites und wäre damit zum Entdecker und Namensgeber vieler neuer Spezies geworden. Das allerdings erzürnte Fachkollege August Gremli derart, dass er sich mit Brügger einen jahrzehntelangen zermürbenden Kleinkrieg lieferte, der schliesslich zur Diskreditierung Brüggers führte – unter anderem, weil seine Belege unbrauchbar waren.

Laie als Neophyten-Spezialist

Besser erging es dem Langendörfer Arzt Rudolf Probst, der zur selben Zeit auf den Abfallhaufen von Textilfabriken zahlreiche eingewanderte exotische Pflanzen entdeckte und zum renommierten Neophyten-Spezialisten wurde. Probst freute sich über die Neuankömmlinge: «Auf dieser fruchtbaren Kompostdecke, einem Eldorado für Botaniker, gesellt sich eine uns eigentümlich anmutende Mischung (exotischer Pflanzen), so dass man füglich von einer australischen Niederlassung in Derendingen sprechen kann.» Aus heutiger Sicht besonders interessant ist es, die Befunde der damaligen Sammler mit dem aktuellen Stand zu vergleichen – und so zu messen, wie es um die Artenvielfalt bestellt ist.

Neuerscheinung

«Petite Science» – Ausseruniversitäre Naturforschung in der Schweiz um 1900

Tobias Scheideggers Studie charakterisiert die um 1900 florierende Wissensformation in der ausseruniversitären Naturforschung - trotz ihrer punktuellen Kooperation mit Universitäten - als epistemisch und sozial eigenständigen Modus der Naturgeschichte.

Das Forschungsinteresse dieser »Petite Science« galt der Inventarisierung und Sammlung lokaler Flora und Fauna. In den Hauptstädten ländlich geprägter Kantone ohne eigene Universität formierten sich lokale Wissensmilieus, deren institutionelle Stützen kantonale Naturforschervereine, Naturmuseen und Kantonsschulen bildeten.

Fallstudien aus fünf Kleinstädten zeigen, wie deren kollektive Forschungen durch Objektpraktiken, mediale Wirkweisen von Inventarisierung und Taxonomie sowie durch Gabenökonomien zusammengehalten wurden.

Beleuchtet werden ebenso die häuslichen Sphären und Lebenswelten der Lokalforscher wie ihre spezifischen Raumpraktiken. Diese spielten eine wichtige Rolle in der Erfindung des Naturschutzes und der Konstruktion von «Heimat» um 1900 und sicherten der «Petite Science» gesellschaftliche Ausstrahlung bis weit ins 20. Jahrhundert.

Tanja Wirz ist freie Journalistin.

1 Leserkommentar

Sebastian Brändli schrieb am Amateure? "Amateure" der Wissenschaft - historisch zwangsläufig ein unscharfer Begriff. Die "ausseruniversitäre" Zürcher Naturforschende Gesellschaft wurde 1746 gegründet, die Antiquarische Gesellschaft Zürich besteht seit 1832 - beide älter als die UZH (aber jünger als die Universität Basel). Die Gesellschaftsgründer waren indessen sicher Amateure, indem sie die Wissenschaft und ihre Fächer liebten. Und dazu beitrugen, dass die Bürgerschaft Zürichs - das Volk - die Universität 1833 errichtete.

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