Wissenschaftsforschung

Wieso Technologien scheitern

Nicht jede Innovation setzt sich durch, wissenschaftliche Entwicklungen können auch an Akzeptanzmangel scheitern. Der renommierte Sozialpsychologie Martin Bauer sprach an der UZH zum Thema Widerstand und Wissenschaftskommunikation.

Stefan Stöcklin

Martin Bauer
Interessiert sich für Widerstand: Martin Bauer, Professor an der London School of Economics. (Bild: sts)

Wieso nutzen wir ohne Vorbehalte Computer und Internet aber verweigern uns gentechnisch veränderten Lebensmitteln? Wieso stösst die Nukleartechnologie auf Widerstand? Interessante Antworten und Überlegungen zu diesen Fragen hat Martin Bauer, Professor für Sozialpsychologie an der London School of Economics und Herausgeber der Zeitschrift «Public Understanding of Science».

Der renommierte Wissenschaftler referierte kürzlich an der UZH über Widerstände gegen technische Innovationen und gab Einblicke in die Akzeptanzforschung von Wissenschaft und Technologie. Die anregende Vorlesung unter dem Titel «Learning from Resistance – Towards a Social Psychology of Techno-Scientific Mobilisation» wurde vom Kompetenzzentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung CHESS organisiert.

Der Präsident des CHESS-Leitungsausschusses, Mike Schäfer, Professor für Wissenschafts-, Krisen- und Risikokommunikation, bemerkte einführend, dass die Wahrnehmung und Akzeptanz von neuen Technologien Kernthemen des Kompetenzzentrums betreffen. Das CHESS befasst sich unter anderem mit der Selbstreflexion von Wissenschaften und betreibt Wissenschaftsforschung.

Diffusion in die Gesellschaft

Martin Bauer referierte in seinem Vortrag über drei beherrschende Technologien des 20. Jahrhunderts, die er auch in einem Buch umfassend analysiert hat: Atomkraft, Computer und Biotechnologie. Ein wichtiger Begriff im Zusammenhang der Akzeptanz ist für den Sozialpsychologen die Diffusion. Wenn sich eine neue Technologie kritiklos durchsetzt, diffundiert sie widerstandslos in die Gesellschaft. Verschiedene Akteure können diese Diffusion allerdings befördern oder behindern.

In diesen Diskussionen gebe es drei «immer wiederkehrende» Argumentationsebenen gegen Innovationen: Perversion – die ursprünglich beabsichtigte Wirkung kann ins Gegenteil kippen; Sinnlosigkeit – die Umsetzung funktioniert nicht; und Gefahr – die Technologie hat Risiken. Mit Blick auf die bestimmenden Technologien des vergangenen Jahrhunderts falle auf, dass die Computer- und Informationstechnologien nahezu widerstandsfrei in die Gesellschaft diffundiert sind, während die Atomkraft auf starken Widerstand gestossen ist und stösst. Dabei kann Widerstand auch als positives Signal zur Früherkennung von Risiken dienen. Im Fall der Biotechnologie zeigt sich ein differenziertes Bild, auf das Bauer näher einging.

Debatten diktieren Diffusion

Anschauungsmaterial liefern herbizidresistente Sojapflanzen des Agrokonzerns Monsanto, die Anfang der 1990er Jahre kommerzialisiert wurden. Es handelt sich um gentechnisch modifizierte Kulturpflanzen, die gegen das hauseigene Herbizid Glyphosat resistent sind. Der Konzern etablierte damit ein Businessmodell, um gleichzeitig Saatgut und Pflanzenschutzmittel zu verkaufen. Doch es entwickelte sich eine kontroverse Debatte, in der vor allem mit ökologischen Bedenken und Sicherheitsaspekten für den Menschen argumentiert wurde.

Wie Martin Bauer aufgrund empirischer Studien zeigen konnte, war diese Argumentation in verschiedenen Ländern unterschiedlich stark ausgeprägt und wirkte sich verschieden aus: So stieg der Anbau von Gentech-Soja in Argentinien ungebremst an. In den USA dauerte es etwas länger, bis sich die Gentechpflanzen durchsetzen konnten. In Brasilien verhinderte dagegen eine kritische Diskussion den Anbau zunächst und führte dazu, dass das Land zum Exportgewinner gentechfreier Soja aufstieg (unterdessen produziert auch Brasilien Gentech-Soja). Diese unterschiedliche Akzeptanz oder Diffusion, so Bauer, korreliert mit der Intensität der kritischen Debatte über Gentech-Pflanzen.

Haltungen statt Fakten

Bauer würzte seine Vorlesung mit Exkursen über die Wissenschaftskommunikation und hielt unter anderem fest, dass ihre Wirkung nicht immer berechenbar sei und ins Negative umschlagen und Technologien stigmatisieren könne. Im Weiteren schafft Wissen auch keine Akzeptanz, wie vielerorts angenommen wird. Widerstand ist nicht immer eine Frage von Wissen und Fakten, sondern drückt oft eine Haltung aus. Das widerspiegelt sich auch im Begriff Phantomrisiko, der unbelegte Gefährdungen durch Technologien benennt, die aber gesellschaftlich durchaus relevant sind. Insgesamt kann man sich die Frage stellen, inwieweit die Diffusion einer Technologie überhaupt auf rationalen oder irrationalen Gründen beruht.

Der Sozialpsychologe beendete seine Ausführungen zum Thema Widerstand mit einer Analogie zum menschlichen Schmerzempfindungssystem. Ähnlich dem Schmerz, der uns auf lädierte Körperstellen aufmerksam macht, fungiere Widerstand als Frühwarnsystem. Und wie schmerzstillende Medikamente könnten Akteure neuer Technologien Strategien entwickeln, um den Widerstand zu dämpfen und die Diffusion oder Durchdringung zu ermöglichen.  

Mike Schäfer
Mike Schäfer, Präsident des Leitungsausschusses von CHESS (Bild: sts)

In der von Mike Schäfer umsichtig geleiteten Diskussion stand anschliessend die Analogie der Gesellschaft als Schmerzkörper zur Debatte. Besprochen wurde auch die Frage, inwieweit die Risiken verschiedener Innovationen ihre Verbreitung beeinflussen. Der von CHESS offerierte Apéro gab Gelegenheit, über Widerstand und Innovation in der Schweiz informell zu diskutieren.

Stefan Stöcklin, Redaktor UZH News

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