Primaten

Liebesdrama im Urwald

Forschende der Universität Zürich wurden zum ersten Mal Zeuge einer gezielten Tötung unter Orang-Utans. Ein «Auftragskiller» brachte eine Orang-Utan-Dame ums Leben, die in ein Beziehungsdrama verflochten war. 

Marita Fuchs, Stefan Stöcklin

Kondor ist auf Partnersuche und findet Gefallen an Ekko. (Bild: Anna Marzec)

Dass Orang-Utans nicht immer friedlich sind, war bekannt. Doch nun haben Forschende der UZH zum ersten Mal beobachten können, dass weibliche Borneo-Orang-Utans eine Artgenossin gezielt töten liessen. Eine aktuelle Studie dokumentiert das aussergewöhnliche Ereignis, bei dem eine Orang-Utan-Dame einen männlichen Freund dazu animierte, eine Rivalin so hart zu attackieren, dass sie den Folgen ihrer Verletzungen erlag. «Wir konnten ein extrem seltenes Ereignis beobachten», sagt Carel van Schaik zur Studie seiner Mitarbeiterin Anna Marzec, Hauptautorin der Publikation dieser Dreiecksgeschichte.

Ekko entscheidet sich für Kondor und ignoriert Sidony, eine andere Orang-Utan-Dame.  (Bild: Anna Marzec)

Das Orang-Utan-Weibchen «Kondor» ist auf Partnersuche und trifft «Ekko». Sie finden sich gegenseitig attraktiv und paaren sich. Plötzlich bricht Kondor die Paarung ab und wendet sich gegen Sidony, dabei wird sie von Ekko unterstützt. Das Duo verfolgt die ältere Sidony, schneidet ihr den Fluchtweg ab und verletzt sie in einem 33-minütigen Kampf so stark, dass sie nach zwei Wochen stirbt. Schwere Verletzungen werden vor allem durch die scharfen Eckzähne des männlichen Affen verursacht.

Sidony vor dem Kampf, der tödlich für sie endete. (Bild: Anna Marzec)

«Bisher war nicht bekannt, dass Orang-Utan-Männchen und Weibchen solche Koalitionen eingehen», sagt Anna Marzec. Auseinandersetzungen unter Orang-Utan-Weibchen sind zwar dokumentiert, aber sie enden in der Regel nicht tödlich. Eine seltene Kombination von Umständen habe zu diesem tödlichen Kampf geführt, sagen die Autoren. So war Sidony mit rund 50 Jahren sehr alt und entsprechend verletzlich. Gleichzeitig war die angreifende Kondor als «aggressives» Tier bekannt, was auch damit zu tun haben dürfte, dass sie zuvor ihr Kind verloren hatte. Sie konnte Ekko offenbar für sich instrumentalisieren und dazu bringen, die unangenehme «Arbeit» – den tödlichen Angriff auf Sidony – für sie zu erledigen. «Dieses Geschehen wirft ein neues Licht auf das Sozialverhalten der Tiere», sagt van Schaik.

Weibliche Borneo Orang-Utans (Pongo pygmaeus wurmbill) leben allein und in der Regel bleiben sie in der Nähe der Region, in der sie geboren wurden, während die männlichen Tiere in einem grosseren Radius umherwandern. Nur zur Paarungszeit kommen Männchen und Weibchen zusammen.

Das Team vom Anthropologischen Institut der UZH beobachtet seit 2003 Borneo-Orang-Utans in den Sumpfwäldern Indonesiens. Im Laufe ihrer Studie haben die Forschenden insgesamt sechs Angriffe unter Weibchen beobachten können, die jedoch in keinem Fall zu irgendwelchen sichtbaren Verletzungen führten. Die Studie wurde in der Zeitschrift Behavioral Ecology and Sociobiology vor kurzem veröffentlicht.

Marita Fuchs, Stefan Stöcklin, Redaktion UZH News.

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