Navigation auf uzh.ch

Suche

UZH News

DADA

«Die permanente Irritation»

Mit Dada wurde in Zürich vor hundert Jahren die Kunst neu erfunden. Anlässlich des Jubliäums präsentieren die Germanistinnen Ursula Amrein und Christa Baumberger die interdisziplinäre Ringvorlesung «DADA – Performance & Programme». Im Interview mit UZH News erklärt Ursula Amrein, wie Zürich zur Hochburg der künstlerischen Avantgarde wurde. 
Interview: Simona Ryser
100 Jahre DADA: Die UZH hat dazu eine öffentliche interdisziplinäre Ringvorlesung konzipiert. (Bild: zVg)

Frau Amrein, in ganz Zürich wird das 100-Jahr-Jubiläum gefeiert. Welchen Beitrag leistet die Ringvorlesung zum Jubiläum?

Ursula Amrein: Wir beleuchten die Dada-Bewegung aus der Sicht der aktuellen Forschung und wollen neue Perspektiven auf Dada auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Dabei war es uns wichtig, mit der Stadt und dem Trägerverein «Dada 100» zu kooperieren.

Dada fand auf der Bühne statt und lebte von der unmittelbaren Performance, dem künstlerischen Akt. Wissen wir heute noch, was DADA ist?

Das Cabaret Voltaire ist für uns heute eine Art Black Box. Einen unmittelbaren Zugang zu dem, was damals abgelaufen ist, hat man nicht. Man kann das auch nicht reproduzieren. Uns bleiben Beschreibungen und Dokumente. Und die erzählen von Rausch und Ekstase, davon, dass alles möglich war, da wurde getanzt, rezitiert, gleichsam ein Gesamtkunstwerk produziert, das alle Künste integrierte und neue Ausdrucksformen schuf.

Die Dadaisten schrieben Manifeste und Programme. Helfen sie dem Verständnis?

Die vielen Manifeste der Bewegung bilden ein Gründungsnarrativ. Dieses besagt, dass mit der Gründung des Cabaret Voltaire etwas ganz Neues entstanden ist, eine Kunst, die sich gegen den 1. Weltkrieg richtet. Dieses Narrativ homogenisiert aber auch die an und für sich heterogene Bewegung.

Die Germanistin Ursula Amrein kennt die Schreib-­ und Theaterstadt Zürich wie keine Zweite. (Bild: Robert Huber)

Umso wichtiger und aufschlussreicher ist es, Programme und Rezeption einerseits, die vielfältigen Ausdrucksformen und Performances andererseits en détail zu beleuchten. Diese Gelegenheit haben wir in der Ringvorlesung. Sicher ist, der Kern der DADA-Bewegung war die permanente Irritation, jede Setzung, jedes Manifest, jedes Programm wurde immer auch wieder aufgehoben.

Sie halten den Eröffnungsvortrag «Narrenspiel aus dem Nichts. Dada Zürich im Kontext.» Was ist Ihr spezifisches Interesse bei der Beschäftigung mit Dada?

Mich hat interessiert, wie es dazukam, dass Zürich zu einem wirkungsmächtigen Schauplatz der Moderne wurde. Im 19. Jahrhundert war Paris die Metropole, um 1900 wurde es von den pulsierenden Grossstädten Berlin, Wien und München abgelöst, da stand Zürich gewissermassen als antimoderne Provinz daneben.

Trotzdem wurde Zürich zu einem Magnet für die Dadaisten.

Zürich hatte eine Tradition als Immigrationsort. Seit Mitte des 19. Jh. war die Stadt immer wieder Anlaufstelle für revolutionäre und oppositionelle Künstler – man denke etwa an Georg Büchner, der wegen seinem «Hessischen Landboten» steckbrieflich verfolgt und in Zürich aufgenommen wurde, wo er an der neugegründeten Universität eine Anstellung als Privatdozent fand. Das passte in das republikanische Zürich dieser Zeit, genauso wie die Gründung des wichtigen Immigranten-Verlags «Literarisches Comptoir» Zürich und Winterthur, der etwa Georg Herwegh und auch Gottfried Keller herausbrachte.

Und weshalb kamen die Dadaisten nach Zürich?

Sie kamen unter den Vorzeichen des Ersten Weltkriegs in die Schweiz. Sie wollten nicht an die Kriegsfront geschickt werden, was den ziemlich sicheren Tod bedeutet hätte. Dazu brauchte es, wie Emmy Hennings in ihrer Autobiografie schreibt, den Vermerk «DU» – definitiv untauglich – im Pass. So gelangten etwa auch Walter Benjamin und Ernst Bloch in die Schweiz.

Es war eine spezielle Konstellation: Ringsum herrschte Krieg, die Schweiz war eine neutrale Insel, auf die die Menschen flüchteten. Das Gefühl des Eingeschlossenseins auf der Insel Schweiz ergab eine gewisse Konzentration, in der sich die Protagonisten des Dada, die schon vorher in der Kunstszene aktiv gewesen waren, zusammen etwas produzierten, das noch ausstrahlte, als sie schon wieder weg waren.

Und wie entstand dann die DADA-Bewegung konkret?

Der Begriff Dada steht nicht am Anfang. Der Name wurde erst nachträglich gefunden und zu einem Label gemacht. Zuerst nannte sich die Gruppe Cabaret Voltaire. Emmy Hennings und Hugo Ball, die aus der Kabarett- und Avantgarde-Szene in München und Berlin kamen, tingelten als Diseuse und Pianist durch die Zürcher Kabaretts bis sie am 5. Februar 1916 an der Spiegelgasse 1 eine eigene Künstlerkneipe und Kabarett-Bühne gründeten.

Der Name Cabaret Voltaire spielt auf Voltaires satirische Novelle «Candide oder der Optimismus» an, in der Voltaire aufzeigt, wie zerstörerisch der naive Glaube an die Zukunftsversprechungen der Obrigkeit ist. Programmatisch schreibt Hugo Ball, dass die Dada-Bewegung die Denkmuster ihrer Zeit, die bildungsbürgerlichen Ideale, die in den Imperialismus gekippt seien und den Boden für den 1. Weltkrieg bereitet haben, mit ihren Performances blosstellen und demontieren wolle.

Welche Aspekte werden in der Ringvorlesung sonst noch zur Sprache kommen?

Wir gehen der Gründungsgeschichte von Dada nach, diskutieren das Verhältnis von künstlerischer Performance und theoretischen Programmen und zeigen unter anderem wie der Künstler Hugo Ball als magischer Bischof im kubistischen Kostüm zur Ikone wird. Neben der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte, dem revolutionären und dem mystischen Gehalt der Bewegung wird es auch um Einzelaspekte gehen – etwa dem Tanz auf den Dada-Bühnen oder den Film.

Gibt es heute eine Fortführung von DADA?

Im Schlusspodium der Ringvorlesung werden wir den Gegenwartsbezug mit der hiesigen Kunstszene knüpfen. Dazu haben wir die Schauspielhaus-Intendantin Barbara Frey, Bice Curiger, Direktorin Fondation Vincent van Gogh Arles und Juri Steiner, Kurator von Dada 100 eingeladen. Sehr oft wird zum Beispiel die Theaterästhetik von Christoph Marthaler oder die Kunst von Peter Fischli und David Weiss in die Nachgeschichte von Dada gerückt. Wie es sich mit solchen Traditionslinien verhält, wollen wir diskutieren.