Medizin

Kinder der Höhenluft

Verbringt eine Frau die Zeit der Schwangerschaft in grosser Höhe, kommt ihr Baby mit einer höheren Dichte an Blutgefässen zur Welt. Das hat UZH-Medizinstudentin Norina Gassmann in ihrer Feldforschung in den Anden von Peru herausgefunden. Mit den Erkenntnissen ihrer Masterarbeit hat sie es ins American Journal of Applied Physiology geschafft.

Adrian Ritter

Neugeborenes Baby im Krankenhaus in Puno
Neugeborenes Baby im Krankenhaus in Puno
Hat ein dichteres Netz an Blutgefässen in der Unterhaut des Oberarms: Neugeborenes Baby im Krankenhaus in Puno auf 3800 Metern über Meer. (Bild: zVg)

 

Erfahrung mit Babys und Kleinkindern hatte Norina Gassmann bereits, als sie im Juni 2014 nach Südamerika aufbrach. Die UZH-Medizinstudentin arbeitet neben dem Studium als Pflegehilfe im Kinderspital Zürich. Das kam ihr während der zweimonatigen Arbeit auf der Neugeborenenstation am städtischen Krankenhaus EsSalud III im peruanischen Puno am Titicacasee zugute.

Norina Gassmann war allerdings nicht als Pflegerin dort, sondern um Forschung zu betreiben. Sie widmete ihre Masterarbeit der Frage: Inwiefern sind bereits Föten und Neugeborene an den reduzierten Sauerstoffgehalt auf 3800 Metern über Meer angepasst? Bekannt ist, dass sowohl Babys wie Erwachsene, die in solchen Höhen leben, mehr rote Blutkörperchen im Blut aufweisen. Aber gibt es noch andere Anpassungsmechanismen?

Weniger Sauerstoff, mehr Gefässe

Für ihre Forschung konnte sich Norina Gassmann einem Forschungsprojekt des Erasmus Medical Center Rotterdam anschliessen. Sie untersuchte am Krankenhaus in Puno 53 Neugeborene – nur mit nicht-invasiven Methoden: Sie mass ihnen am Handgelenk und auf der Stirn die Sauerstoffsättigung in Blut und Gewebe und filmte mit einer neuartigen Kamera (Incident dark field technology) die Blutzirkulation in der Unterhaut des Oberarms. Mit der Kamera konnte sie auch die Anzahl der feinsten Kapillargefässe bestimmen. Die Ergebnisse verglich sie mit Daten von Babys, die auf Meereshöhe geboren wurden.

Das Resultat war eindeutig: Die auf 3800 Metern über Meer geborenen Babys haben in der Unterhaut des Oberarms eine 14 Prozent höhere Dichte an Blutgefässen. Dies stellt eine bisher unbekannte Form der Anpassung an die Höhe dar: «Weil der Sauerstoffgehalt im Blut geringer ist, brauchen die Babys offensichtlich mehr Blutgefässe, um das Gewebe mit gleichviel Sauerstoff zu versorgen», so Gassmann.

Zeigen konnte die Medizinstudentin auch, dass die vermehrte Kapillarbildung nicht genetisch bedingt ist, sondern eine Adaptation darstellt. Sie trat nämlich auch bei Babys auf, deren Familien nicht schon seit Generationen in der Höhe leben. «Wenn die peruanischen Mütter die Zeit der Schwangerschaft auf Meereshöhe verbracht hätten, wäre die Dichte an Kapillargefässen bei ihren Babys kaum erhöht», sagt Gassmann.

Norina Gassmann
Norina Gassmann
Hat eine aufwändige, aber erfolgreiche Masterarbeit geschrieben: UZH-Medizinstudentin Norina Gassmann bei der Feldarbeit in Peru. (Bild: zVg)

Auf der Suche nach dem Auslöser

Ob die höhere Dichte an Blutgefässen mit dem Wachstum der Kleinkinder erhalten bleibt, ist bisher nicht bekannt. Wahrscheinlich ist es aber, denn eine Studie hat bei Bergsteigern am Mount Everest gezeigt, dass bei Erwachsenen die Dichte an Blutgefässen – unter der Zunge gemessen – bei der Akklimatisierung an die Höhe ebenfalls zunimmt.

Für Norina Gassmann stellen sich aufgrund ihrer Arbeit weitere spannende Fragen: Ist die erhöhte Dichte an Blutgefässen bei Babys auch in anderen Organen zu finden? Durch welche physiologischen Faktoren wird sie ausgelöst? Würde es gelingen, diese ausfindig zu machen, könnte dies auch Babys helfen, welche unter Lungenkrankheiten und daher an ungenügender Sauerstoffversorgung leiden.

Der Lohn für den Aufwand

Ihre Masterarbeit hat Norina Gassman kürzlich an der Medizinischen Fakultät der UZH eingereicht. Die Arbeit war nicht nur überdurchschnittlich aufwändig, sondern auch jetzt schon überaus erfolgreich. Mit ihren Daten konnte die 24-Jährige als Ko-Erstautorin einen Artikel im American Journal of Applied Physiology veröffentlichen. Der Artikel wurde von der American Physiological Society zu einem der besten kürzlich veröffentlichten Beiträge in physiologischer Forschung ernannt. Das Interesse für Forschung ist bei Norina Gassmann geweckt. Ob sie nach dem letzten Jahr des Masterstudiums in diese Richtung gehen wird, ist allerdings noch offen. Die praktische Tätigkeit als Ärztin gefällt ihr ebenfalls sehr gut: «Wer weiss, vielleicht lässt sich ja eine Kombination aus Forschung und Klinik verwirklichen. »

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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