Neurowissenschaften

Gewetzte Schnäbel

Für Primarschüler kann das Englischlernen ein Kinderspiel sein. Vorausgesetzt, der Unterricht ist genügend intensiv. Neurowissenschaftler Urs Maurer untersucht, wie sich das Büffeln von Fremdsprachen auf das Hirn auswirkt.

Simona Ryser

Flechtwerk aus Elektrodenschwämmchen: Mit dem EEG-Netz lassen sich die Aktivitäten messen, die fremdsprachige Laute im Hirn von Kindern auslösen. (Bild: zVg)

Was genau passiert eigentlich in den Köpfen unserer kleinen Schulkinder, wenn sie sich eine Fremdsprache aneignen? Dieser Frage geht Urs Maurer, Professor für kognitive Neurowissenschaften am Psychologischen Institut der Universität Zürich, in einer breit angelegten Studie nach. In einer vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Längsschnittstudie hat er insgesamt 100 Schulkinder untersucht.

Er bestätigt: Es lohnt sich, möglichst früh mit dem Fremdsprachenunterricht zu beginnen. Dann nämlich wird auch auf neuronaler Ebene fleissig gearbeitet. «In jungen Jahren ist die Sprachlautverarbeitung im Gehirn besonders gut», erklärt der Psychologe. Kinder können bis zum Alter von etwa sieben Jahren eine fremde Sprache noch fast so lernen, als wäre es die Muttersprache.

Fremde Sprachlaute im Gehirn

Maurer testete Kinder in Zürich, wo in der 2. Primarklasse mit dem Frühenglisch begonnen wird, und zwar einmal kurz bevor der Englischunterricht einsetzte und ein Jahr danach. Als Kontrollgruppe dienten ihm gleichaltrige Kinder aus Berner Schulklassen, wo der Fremdsprachenunterricht erst später beginnt – Französisch in der 3. Klasse und Englisch in der 5. Klasse. Bevor Maurer mittels Elektroenzephalografie (EEG) in die Köpfe der Kleinen schaute, liess er sie verschiedene Sprachaufgaben lösen. Sie unterschieden existierende Wörter von Fantasiewörtern, erkannten sinnvolle Sätze und suchten das passende Wort zu einem vorgezeigten Bild.

Gute drei Stunden sassen die Mädchen und Buben in einem separaten Kämmerlein und liessen sich beim Englischlernen beobachten. Bald stand fest: Nach einem Jahr Frühenglisch bleibt auch etwas hängen. Die Zürcher Gruppe hatte einen grösseren Englischwortschatz als die Berner Gruppe.

Doch als den Kindern das Elektrodennetz aufgesetzt und die Hirnströme gemessen wurden, war das Resultat weniger eindeutig. «Im Gehirn ist die Sprachverarbeitung nach einem Jahr Englischunterricht nicht besonders vorangeschritten», musste Maurer feststellen. Die Frühförderung scheint auf neuronaler Ebene nicht zu greifen.

Vertraute Laute

Wie aber soll so etwas im Gehirn überhaupt nachgewiesen werden? Die Elektroenzephalografie misst die Aktivität im auditorischen Cortex – derjenigen Gehirnregion, die für das Hören zuständig ist. Dort empfängt und reagiert das Gehirn auf vertraute oder eben fremde Sprachlaute. Getestet wurde zum Beispiel das englische «th» – das auch für manchen Erwachsenen eine Herausforderung darstellt.

Bei der Messung sollte es aber erst einmal nur um die Frage gehen, inwieweit das Sprachhirn einen fremden Sprachlaut ins vertraute Repertoire aufnimmt. In einen Kinderkopf könnte das für deutsche Zungen exotische «th» leicht Zugang finden – vermutet man. Um das herauszufinden, wurde den Mädchen und Buben, während sie sich einen stummen Trickfilm ansahen, abwechselnd Sprachlaute vorgespielt, die ihnen vertraut oder fremd sind – also beispielsweise das englische «tha» im Gegensatz zum deutschen «da» oder «ta». Das EEG zeigte im auditorischen Cortex eine grössere Aktivität bei letzteren, vertrauten (schweizer-)deutschen Sprachlauten, während der noch unbekannte Laut «tha» eine kleinere Aktivität im Gehirn auslöste

Schwache Rechtschreibung

Als die Forscher den Test nach einem Jahr Englischunterricht wiederholten, kamen sie zum selben Resultat: Noch immer zeigte sich keine besondere neuronale Reaktion auf das englische «th». Daraus lässt sich schliessen, dass der Laut der Fremdsprache dem Sprachhirn fremd geblieben ist. Ist Frühenglischlernen vielleicht doch kein Kinderspiel? Hat sich die Hoffnung zerschlagen, dass unsere Kinder dereinst englisch parlieren werden, als wäre es ihre Muttersprache?

So wie der Fremdsprachenunterricht in der Primarschule zurzeit konzipiert ist – im Kanton Zürich mit zwei Lektionen in der Woche – könnten die neuronalen Mechanismen nicht greifen, meint Urs Maurer. «Die Sprachlautverarbeitung im Gehirn ist bei Kindern zwar besonders gut, doch dafür muss auch ein intensives Training stattfinden.» Damit man eine Fremdsprache gar fast so gut wie eine Muttersprache beherrscht, müsste der Unterricht viel länger und umfassender sein.

Simona Ryser ist freischaffende Journalistin.

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