Geschichte

Gefühlvolle Briefe

Die Historikerin Petra Hornung untersucht in ihrer Dissertation, wie in Briefen Gefühle und Beziehungen verhandelt werden. Als Beispiel dient ihr der Briefwechsel des Nürnberger Ehepaars Paumgartner im 16. Jahrhundert. Die Doktorandin wird bei ihrer Arbeit vom Forschungskredit der UZH unterstützt.

Viviane Strebel

Analysiert in ihrer Dissertation, wie in Briefen Gefühle ausgedrückt werden: Historikerin Petra Hornung. (Bild: zVg)

„Erbare, tugendreiche (...) freundliche und hertzallerliebste, verthrauhtte jungfraw brautt“ – mit dieser innigen Anrede beginnt Balthasar Paumgartner den Brief an seine Verlobte Magdalena Behaim am 24. Oktober 1582. Es ist der erste von über 170 Briefen, die sich das Ehepaar im Laufe von siebzehn Jahren bis zu Balthasars Tod schreibt.

Balthasar und Magdalena stammten aus zwei Nürnberger Kaufmannsgeschlechtern. Er war als Kaufmann oft unterwegs an Messen, sie führte während seiner Abwesenheit stellvertretend die Geschäfte. In ihren Briefen tauschten sie sich über Geschäftliches und auch über private Angelegenheiten aus.

Für die Forschung ist dieser Briefaustausch ein Glücksfall. Die Briefe sind lückenlos überliefert, sprachlich sehr vielfältig und thematisch breit gefächert. Eine Edition des Briefwechsels im Jahr 1895 ebnete den Weg für eine breite Rezeption.

Einblick ins Gefühlsleben

Von Anfang an interessierte sich die historische Briefforschung auch für die in den Briefen formulierten Emotionen. Privatbriefe werden seit jeher als Dokumente von ehrlichen und intimen Gefühlsäusserungen gelesen. In den Anfängen der historischen Emotionsforschung wurde vor allem versucht, Einblick in das Gefühlsleben der Schreiberinnen und Schreiber zu gewinnen. Die Frage nach der Echtheit der geschilderten Gefühle stand im Fokus.

Die neuere Forschung interessiert sich für die Vielfalt der emotionalen Praktiken. Petra Hornung, die als Doktorandin am Historischen Seminar der Universität Zürich den Briefaustausch der Paumgartners untersucht, führt aus: «Ob die beschriebenen Gefühle authentisch sind oder nicht, lässt sich aus den Briefen nicht erschliessen. Mir geht es darum aufzuzeigen, wie die Schreibenden Gefühle übertragen und hervorrufen.»

Hornung hat beispielsweise analysiert, welche Strategien angewendet werden, um emotionale Nähe zum Empfänger herzustellen. Lange Anreden sind keine Seltenheit und werden gerne ausgeschmückt und variiert. Ebenso die Grüsse am Ende des Briefes. Sehnsuchtsäusserungen oder Wünsche sind andere Mittel. In einem Brief aus Italien schrieb Balthasar seiner Frau: «Heütt haben wir schon zimlich gutte melaun hie gehabtt, woltt, hett dir meinen thail hinnaußwünschen können.» Gerne hätte er seiner Magdalena die süssen Melonen nach Nürnberg gewünscht. Briefe werden auf diese Weise bewusst als Medium genutzt, um die Distanz zu überbrücken.

Brief von Magdalena Paumgartner an ihren Ehemann, datiert vom 1. Juli 1584. Das Ehepaar hatte sich im Laufe von 17 Jahren mehr als  170 Briefe geschrieben. (Bild: Historisches Archiv, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)

Um Worte ringen

Als fruchtbaren Anknüpfungspunkt erachtet Hornung die Theorie der emotional communities. Wo schliessen sich Menschen zu einer emotionalen Gemeinschaft zusammen? Anhand welcher Normen werden innerhalb dieser Gemeinschaft Gefühle bewertet, ausgedrückt und inszeniert?

Am 15. März 1592 musste Magdalena ihren Ehemann darüber informieren, dass das einzige Kind, der siebenjährige Balthasar, gestorben war. Der Brief ist berührend, wirkt teilweise aber auch kühl. Angesichts der starken Emotion ‚Trauer’ wird deutlich, dass Magdalena um einen angemessenen Ausdruck ihrer Gefühle rang. Wiederholungen sind ein Hinweis darauf, dass ihr die Worte fehlten. Sie stellte den Tod des Sohnes auch in einen religiösen Deutungskontext: Gott habe den Sohn zu sich genommen. Gleichzeitig verrät der Brief ihre widerstreitenden Gefühle.

«Bei der Beschäftigung mit solchen Briefen ist es wichtig, die Briefpraxis der damaligen Zeit im Auge zu behalten», sagt Petra Hornung. Überraschend sei aus heutiger Sicht die mangelnde Exklusivität der Briefe. Gerade in Zeiten von grossen Veränderungen, beispielsweise Hochzeiten oder Todesfällen, wurden Briefe oft im Familien- oder Bekanntenkreis weitergereicht und gelesen. «Als es darum ging, sich in einem Brief in der Brautzeit als der ideale Bräutigam darzustellen, tat Balthasar dies nicht nur für seine zukünftige Frau, sondern auch für die weiteren Familienangehörigen, die den Brief vielleicht auch lasen», stellt Hornung fest.

In den Briefen und durch die Briefe werden zwischenmenschliche Beziehungen hergestellt, verhandelt oder bestätigt. Die Doktorandin analysiert deshalb auch ausgewählte Briefe im weiteren Familienkreis, zum Beispiel die Korrespondenz mit Eltern und Geschwistern.

Magdalena Paumgartner überlebte ihren Mann um mehr als 40 Jahre. Als Witwe verfügte sie über ein grosses Vermögen und hatte eine einflussreiche Stellung. Aus der Zeit nach Balthasars Tod sind nur wenige weitere Briefe von ihr überliefert. In einem Brief an ihren Neffen hielt sie fest, sie schreibe nicht gern. Offenbar war das Schreiben als emotionale Praxis an ihren Ehemann gebunden gewesen.

Viviane
Strebel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Forschung und
Nachwuchsförderung der UZH.

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