Fernerkundung

«Wir sind begeistert»

Grosser Tag für Michael Schaepman, Professor für Fernerkundung am Geographischen Institut der UZH, und sein Team: Heute morgen ist in Französisch-Guyana eine Vega-Rakete mit dem Satelliten Sentinel-2A gestartet, der auf Know-how der Zürcher basiert. Die Spektralkamera vermisst aus dem Orbit die Vegetation und ihre Veränderungen in bisher nie gekannter Auflösung.

Stefan Stöcklin

Spektralkamera an Bord: Der Erderkundungssatellit «Sentinel-2A», der heute in die Umlaufbahn geschossen wurde. (Bildmontage: ESA)

Herr Schaepman, Sie haben vom Kontrollzentrum in Darmstadt aus den Start der Vega-Rakete in Französisch Guyana verfolgt, die «ihren» Satelliten in den Weltraum transportiert hat. Was ging Ihnen beim Abheben durch den Kopf?

Michael Schaepman: Wir haben fünf Jahre auf diesen Moment hin zugearbeitet und sind natürlich begeistert. Das Projekt ist nun in die entscheidende Phase getreten und der Satellit Sentinel-2A wird unter anderem dank unserem Know-how schon bald die ersten Messdaten liefern.

Kernstück des Satelliten Sentinel-2A ist eine Spektralkamera, die die Vegetation der Erde aus einer Höhe von rund 800 Kilometern vermisst. Was Entscheidendes haben Sie und Ihr Team zu diesem Messinstrument beigetragen?

Michael Schaepman: Wir haben die notwendigen Spezifikationen mitentwickelt, damit die Kamera die Vegetation und ihre Veränderungen hochauflösend verfolgen kann. Die Spektralkamera misst im sichtbaren, nahen Infrarot- und im kurzwelligen Infrarot-Bereich insgesamt in 13 Spektralkanälen. Dank unserem Know-how liefert die Kamera an Bord des Satelliten Daten, die zuverlässig Änderungen der Vegetation erfassen.

«Es bleibt spannend»: Michael Schaepman erwartet einzigartige Daten des Satelliten. (Bild: zVg)

Was vermisst der Satellit?

Michael Schaepman: Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die Landvegetation. Die Kamera vermisst Wälder, landwirtschaftliche Kulturen, Wiesen aber auch die Gewässer, Strassen und Bauten. Er hält aber auch Naturkatastrophen fest, zum Beispiel Vulkanausbrüche. Der Satellit überstreicht alle Gebiete regelmässig. Mit dem Start des zweiten Sentinel-2 Sateilliten 2016 wird die gesamte Erdoberfläche alle fünf Tage komplett aufgenommen. Dies erlaubt es, kurzfristige Veränderungen zu verfolgen. Wir können also die Entwicklung des Gesundheitszustandes von Pflanzen oder das Wachsen von Wäldern verfolgen – allgemein gesagt: die Änderungen der Landnutzung und Vegetation. Daraus ergeben sich unzählige Anwendungen und Nutzungsmöglichkeiten.

Welche zum Beispiel?

Am Satelliten-Projekt Sentinel-2A, das Teil des Europäischen Erdbeobachtungsprogramms Copernicus ist, sind viele Gruppen beteiligt, die unterschiedliche Projekte verfolgen. Wir sind im Rahmen des Universitären Forschungsschwerpunktes «Globaler Wandel und Biodiversität» an Veränderungen der Vegetation, das heisst an der Vielfalt, die das Funktionieren eines Ökosystems beeinflusst, interessiert. Wir können die Änderungen dieser Vielfalt dank dem Satelliten grossräumig verfolgen – zuerst in den sechs Versuchsgebieten des Forschungsschwerpunktes (Zürichsee, Lägern, Borneo, Sibirien, Hochland von Tibet und Aldabra), dann in ganzen Ökosystemen (gemässigter Wald, Regenwald, Tundra, alpines Grasland, subtroptisches Atoll).

Interessiert sind wir auch an der Photosynthese-Aktivität der Vegatation. Die Messung der Photosynthese-Aktivität ermöglicht Rückschlüsse auf Wachstum und Gesundheit der Pflanzen. Zudem können wir mit Hilfe dieser Daten Erkenntnisse darüber gewinnen, wie die Vegetation auf die wichtigsten Komponenten des globalen Wandels reagiert, also zum Beispiel auf die Klimaerwärmung, auf chemische Verschmutzung, auf invasive Pflanzenarten und auf Landnutzungsänderungen.

Wann erhalten Sie die ersten Daten von Sentinel-2A?

Michael Schaepman: Wir rechnen in drei Monaten mit den ersten Daten. Die Auswertung wird etwas länger dauern. Erste Anlaysen dürften in etwa einem halben Jahr folgen.

Wie geht es weiter?

Michael Schaepman: Das Sentinel-Satellitenprogramm besteht immer aus zwei baugleichen Satelliten. Wenn Sentinel-2A erfolgreich etabliert ist, wird wie erwähnt Sentinel-2B abheben. Die beiden Wächter (deutsch für Sentinel) sind so konfiguriert, dass sich die Aufnahmezeitpunkte optimal ergänzen. Es bleibt also spannend.

Stefan Stöcklin, Redaktor UZH News und Journal

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