Filmwissenschaft

Die explosive Wirkung der Farben

Die Retrospektive der diesjährigen Internationalen Filmfestspiele in Berlin zeigt 30 aufwändig restaurierte Technicolor-Filme. Barbara Flückiger, Professorin für Filmwissenschaft an der UZH, forscht zu historischen Filmfarben wie Technicolor und setzt sich dafür ein, dass analoge Filme werkgetreu digitalisiert werden.

Alexandra Bröhm

Das Farbfilm-Verfahren Technicolor feiert dieses Jahr den hundertsten Geburtstag. Im Bild: Gone with the Wind (USA 1939, Victor Fleming), Nitratkopie von 1940. (Library of Congress. Fotografie der Technicolor-Kopie: Barbara Flückiger)

Ein Spagat sei ihre Forschungstätigkeit immer schon ein bisschen gewesen, sagt Barbara Flückiger – ein Spagat zwischen der technischen Grundlagenforschung und der Auseinandersetzung mit ästhetischen und theoretischen Fragen. Den meistert Flückiger jedoch erfolgreich: Die Professorin für Filmwissenschaft an der Universität Zürich nimmt an der Retrospektive zur Geschichte von Technicolor der diesjährigen Berlinale (5. bis 15. Februar) teil, die von der Deutschen Kinemathek unter der Leitung von Dr. Rainer Rother von Connie Betz und Annika Schaefer kuratiert wird.

Mit dickem Pinsel aufgetragen

Das Farbfilm-Verfahren Technicolor feiert dieses Jahr den hundertsten Geburtstag. Aus diesem Anlass zeigt das Berliner Filmfestival ein Programm mit Filmen, die typisch sind für jene Zeit des Farbfilms in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Technicolor wirkt auf heutige Betrachter manchmal grell und kitschig, die Farben sind je nach Szene mit dem dicken Pinsel aufgetragen. Wenn beispielsweise Vivien Leigh in der Rolle der Scarlett O'Hara in einem Filmbild aus «Gone with the Wind» als Silhouette vor dem flammend roten Südstaaten-Himmel erscheint, hinter ihr das Anwesen Tara, so ist das eine typische Technicolor-Aufnahme. «Exzessiv» nennt Flückiger diese Technik.

Weil Flückiger für ihr Nationalfondsprojekt Film History Re-mastered selbst längere Zeit in den US-Archiven geforscht hat, weiss die Zürcher Professorin genau, welche Kopien in welchem Zustand wo lagern. Am Festival nimmt sie zudem an einem Podium zur Restaurierung der Technicolor-Filme teil und schrieb einen langen Aufsatz für den Technicolor-Sammelband, den die Deutsche Kinemathek herausgibt.

Das kulturelle Filmerbe bewahren: Barbara Flückiger, Professorin für Filmwissenschaft an der UZH. (Bild: zVg)

Unbewusste Wirkung

Die Filmtechnik als solche und ihre Auswirkungen auf die Aesthetik im Film sind die beiden inhaltlichen Schwerpunkte, um die Flückigers Forschung kreist. Zehn Jahre lang arbeitete sie selbst international in der Filmproduktion und kennt sich deshalb im technischen Bereich bestens aus. Dies prädestiniert die Professorin dazu, einerseits technische Fragen zu erforschen und sich andererseits zu fragen, welche Wirkung der Einsatz gewisser technischer Mittel, wie Farbe oder Ton, auf den Zuschauer hat. Diesen Fragen habe sich lange niemand gewidmet. «Auf Farbe reagiert man als Zuschauer instinktiv und emotional», sagt Flückiger. Kaum jemand sitzt im Kino und denkt: «Schau mal dieses intensive Rot!» Viel mehr lösen Farben unbewusst Emotionen aus, was wiederum das gesamte Filmerlebnis beeinflusst.

Kulturelles Erbe bewahren

Gerade weil die Farben in einem Film nicht zufällig gesetzt werden, setzt sich Flückiger auch dafür ein, dass man ältere Filme in ihrer Originalbildsprache restauriert. Das ist ein technisch anspruchsvoller Prozess, der viel Geduld, Zeit und Finanzen fordert. Es sei nicht damit getan, einen Farbfilm nach den gerade vorherrschenden Trends in die Zukunft zu retten.

Bildsprachen ändern sich, und nur eine digitale Kopie, die die Originalfarben zeige, könne jenseits von Trends als Zeitzeugnis bestehen. «Ich kämpfe dafür, dass die Schweiz die Infrastruktur und das Knowhow für diese spezifischen Tätigkeiten aufrecht erhält», sagt sie. Es gebe nur noch sehr wenige Spezialisten, die analoge Filme heute noch werkgetreu restaurieren könnten, und diesen Wissensschatz will die Filmprofessorin unbedingt bewahren. Dafür brauche es jedoch Geld und ein Engagement von Seiten des Bundesamtes für Kultur. «Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass in den Archiven ein Riesenschatz schlummert, der zugänglich sein sollte.»

Werkgetreue Digitalisierung

In diesem Zusammenhang engagiert sich Flückiger auch in ihrem Forschungsprojekt DIASTOR Bridging the Gap Between Film History and Digital Technology. Das Projekt ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Seminar für Filmwissenschaft, dem Computer Graphics Lab der ETH Zürich, SRF Schweizer Radio und Fernsehen und Disney Research Zürich, mit der Cinémathèque suisse und dem letzten Filmlabor in der Schweiz, der Firma Cinegrell Postproduction.

Diese breite Abstützung soll dazu beitragen, dass die wenigen Anbieter, die in der Schweiz noch analoge Filme werkgetreu digitalisieren, überleben können. Die meisten Kinos sind heute gar nicht mehr in der Lage, noch analoge Kopien zu zeigen, da sie in den letzten Jahren komplett auf digitale Projektion umgestellt haben. Das Ziel von DIASTOR ist es, technische Lösungen für die Digitalisierung zu entwickeln, die den technischen Aufwand im Bereich des Machbaren halten und die Ansprüche an eine werktreue Digitalisierung trotzdem einlösen. Damit Scarlett auch in fünfzig Jahren noch vor flammend rotem Himmel steht.

Alexandra Bröhm ist freischaffende Journalistin.

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