Einwanderungsinitiative

«Wissenschaftler aus aller Welt sind bei uns willkommen»

Rektor Michael Hengartner äussert sich im Interview mit UZH News zur Sistierung der Forschungsabkommen durch die EU. Forschende sollten die Flinte jedoch nicht ins Korn werfen, meint Hengartner und rät, weiterhin EU-Gelder zu beantragen. 

Marita Fuchs

«Ich werde mich mit aller Kraft dafür einsetzen, der Politik klar zu machen, wieviel im Moment für den Forschungsplatz Schweiz auf dem Spiel steht.» Michael Hengartner, Rektor der UZH.

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Herr Hengartner, wie haben Sie persönlich das «Ja» zur Einwanderungsinitiative aufgenommen?

Michael Hengartner: Ich hätte mir ein anderes Ergebnis gewünscht, aber natürlich akzeptiere ich den Volksentscheid. Die Wissenschaft lebt vom internationalen Austausch. Die Schweizer Hochschulen müssen sich jetzt dafür einsetzen, dass bei der Umsetzung der Initiative der Forschungs- und Bildungsstandort Schweiz möglichst ohne Einbussen davonkommt.

Wie viel steht für den Forschungsplatz Schweiz auf dem Spiel? Droht den Schweizer Hochschulen die Isolation?

Die rechtliche Situation ist im Moment offen. Zu einer Isolation wird es sicher nicht kommen. Aber schon kleinere Einschränkungen im Austausch mit den EU-Ländern wären schmerzhaft.

Der Bundesrat hat als Konsequenz zum Volksentscheid einen Marschhalt im Ratifierungsprozess des Personenfreizügigkeitsabkommens mit Kroatien beschlossen. Die EU hat darauf bereits reagiert, indem sie die Verhandlungen über das milliardenschwere Forschungsabkommen «Horizon 2020» bis auf weiteres ausgesetzt hat. Was bedeutet das für die Schweizer Hochschulen?

«Horizon 2020» ist das grösste europäische Innovations- und Forschungsprogramm, es hat einen Umfang von 80 Milliarden Euro. Auch Schweizer Forschende setzen grosse Hoffnungen in dieses Programm. Wenn uns der Status als assoziiertes Mitglied bei «Horizon 2020» definitiv verwehrt würde – wovon ich nicht ausgehe –, wäre es für unserere Forscherinnen und Forscher nicht mehr so einfach, an europäischen Projekten als gleichberechtigte Partner teilzunehmen. Forschende in der Schweiz waren bisher sehr erfolgreich im Einwerben kompetitiv ausgeschriebener europäischer Forschungsprojekte, was wiederum viel zum international guten Ruf der UZH und der anderen Schweizer Hochschulen beigetragen hat.

Hat die UZH Mittel in der Hand, um Einfluss auf die Verhandlungen zu nehmen?

Direkt nicht. Ich werde mich aber mit aller Kraft dafür einsetzen, der Politik klar zu machen, wieviel im Moment für den Forschungsplatz Schweiz auf dem Spiel steht. Die Schweizer Hochschulen profitieren stark von den Forschungsprogrammen der EU: Die Schweiz erhielt bisher im Bereich Forschung mehr Gelder von der EU, als sie einbezahlte. Es sollte im Sinne aller Schweizerinnen und Schweizer sein, unsere Hochschulen nicht zu schwächen.

Was geschieht, wenn keine Forschungsgelder aus der EU mehr in die Schweiz fliessen?

Sollte eine Teilnahme der Schweiz an «Horizon 2020» endgültig scheitern, würde die Schweiz wahrscheinlich zum System zurückkehren, das wir bis 2004 hatten: Die Gelder, die zur Zeit für das EU-Programm vorgesehen sind, würden dann wieder innerhalb der Schweiz verteilt.

Welche Auswirkungen hätte eine Kündigung des Studierendenaustauschprogramms «Erasmus+»?

Das Austauschprogramm «Erasmus+» ermöglicht den Schweizer Studierenden, während des Austausches an ihrer Heimuniversität immatrikuliert zu bleiben. Damit können Studierende ihre vergleichsweise tiefen Studiengebühren weiterhin in der Schweiz zahlen. Eine gute Sache. Ich bin zuversichtlich, dass wir den Studierenden den Zugang zu den europäischen Universitäten garantieren können. In einer sachlichen Diskussion mit den EU-Vertretern könnte sich die jetzige Haltung Brüssels noch ändern, so hoffe ich.

Was raten Sie UZH-Forschenden, die sich um EU-Gelder bewerben wollen?

Ich rate ihnen, die Flinte nicht ins Korn zu werfen. Die Forschenden sollten weiterhin Anträge stellen. Die Teilnahme der Schweiz an «Horizon 2020» und an «Erasmus+» ist zur Zeit sistiert, aber noch nicht definitiv vom Tisch. In den kommenden Monaten kann sich noch viel verändern. Ich habe grosses Vertrauen in das Verhandlungsgeschick der Schweizer Diplomatie.

Haben Sie die Befürchtung, dass hochqualifizierte Dozierende und Forschende sich gar nicht mehr an Schweizer Hochschulen bewerben?

Dem müssen wir unbedingt Gegensteuer geben. Ich möchte deutlich signalisieren, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt bei uns willkommen sind. Seit 180 Jahren zieht die Universität Zürich die besten Forschenden und Studierenden an. Diese Internationalität ist ein wichtiger Pfeiler unserer Exzellenz in Forschung und Lehre. Auch in Zukunft werden wir innerhalb des geltenden rechtlichen Rahmens diese erfolgreiche Tradition weiterführen und allen unseren Mitarbeitenden und Studierenden optimale Rahmenbedingungen für Forschung und Lehre offerieren.

Information des Schweizerischen Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) Laut dem SBFIwill der Bund bis September 2014 mit der EU eine Lösung erarbeiten, die Forschenden in der Schweiz die Teilnahme an «Horizon 2020» ermöglicht. Auch für Einzelprojekte soll dabei eine Lösung gefunden werden. Im September sollen die ersten Verträge für die Forschungsprojekte von Konsortien unterzeichnet werden. Bis Juni 2014 will der Bund mit der EU eine Lösung erarbeiten, die Studierenden die Teilnahme an «Erasmus+» ermöglicht.

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News.

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