Pflanzenbiologie

Mitsii, die kleinste Pflanze der Welt

Hoch oben in den peruanischen Anden gibt es unberührte bewaldete Stellen, die so gar nicht zum umliegenden Grasland passen. Steven Sylvester vom Institut für Systematische Botanik der Universität Zürich untersucht in seiner Doktorarbeit die Vegetation dieser Waldstellen und des Graslandes und findet einzigartige Pflanzen. 

Lena Serck-Hanssen

Auf der Suche einzigartiger Pflanzen: Botaniker und Bergsteiger Steven Sylvester am Steilhang. (Bild: zVg.)

Was macht man, wenn man mit Herzblut Botanik studiert hat, leidenschaftlicher Bergsteiger ist, Lateinamerika liebt und dann doktorieren will? Man widmet sich hauptsächlich nur dem einen und verlagert das andere auf Ferien und Freizeit oder man denkt sich ein Forschungsprojekt aus, welches allen Vorlieben gleicherweise gerecht wird. Letzteres trifft auf Steven Sylvester zu. Mit der Idee einer Doktorarbeit in den Anden fand Sylvester in Privatdozent Michael Kessler vom Institut für Systematische Botanik an der Universität Zürich den idealen Doktorvater.

Seit bald vier Jahren widmet sich nun der gebürtige Brite der Frage, wie die ursprüngliche Vegetation in den peruanischen Anden wohl ausgesehen hat, bevor der Mensch vor rund 10‘000 Jahren in diesen Regionen auftrat und sich daran machte, die Landschaft zu verändern. Für dieses Forschungsprojekt, welches vom Forschungskredit der Universität Zürich unterstützt wird, hat Sylvester während fast dreier Jahre in den peruanischen Anden in luftiger Höhe von über 4500 m.ü.M. die Vegetation untersucht. Dafür war er oft mit der Kletterausrüstung unterwegs, erklomm die hohen Spitzen und Felsabsätze und biwakierte wochenlang in einem kleinen Zelt.

Rekordverdächtig: Die vermutlich kleinste Pflanze der Welt, Lysipoma mitsii. (Bild zVg)

Unberührte Waldstellen und genutztes Grasland

Die gängige Meinung geht davon aus, dass die in den hohen Anden wachsenden Bäume an speziellen Standorten parallel zum meist vorherrschenden Grasland vorkommen. Sylvester’s These jedoch ist, dass die bewaldeten, doch für Menschen im allgemeinen unerreichbaren Stellen im Hochgebirge die ursprüngliche Vegetation widerspiegeln. Während die Grasland-Hochebenen von den Menschen als Weiden für ihre Tiere genutzt und regelmässig abgebrannt werden, blieben die Flecken, die von Felsen umgeben sind, über Jahrhunderte von äusseren Einflüssen unbehelligt «Meine Frage ist, wie sich die Vegetation im vom Menschen geschaffenen Grasland von derjenigen in den unberührten Gebieten unterscheidet», erklärt Sylvester.

Ganz neue Spezies entdeckt

Mit Seil und Steigeisen versehen ist Sylvester zu diesen unberührten Stellen vorgedrungen und hat Fleck um Fleck untersucht und Pflanzenarten gesammelt, insgesamt Tausende von Proben. Dabei kam Erstaunliches zutage und Sylvester’s Augen leuchten, wenn er davon erzählt: «Ich habe gegen fünfzehn bisher unbekannte Pflanzenspezies entdeckt. Spezies, die vielleicht noch kein Mensch vor uns je gesehen hat und die vermutlich nur in diesen speziellen Nischen vorkommen, also dort endemisch sind.» Diese endemischen Pflanzen kommen auch nicht im umliegenden Grasland vor, wohingegen dort wiederum mehr Pflanzenarten zu finden sind, die vermutlich von Tieren und Menschen von weit her mitgebracht wurden.

Schwierige Pflanzenbestimmung

Zurück in der Schweiz ist Sylvester nun hauptsächlich mit der Bestimmung all dieser Pflanzen beschäftigt. Besonders viel Zeit nehmen die «Neuen» in Anspruch, die eine genaue Literaturrecherche und oftmals auch den Beizug von Spezialisten auf dem jeweiligen Gattungsgebiet erfordern.

Einige seiner Entdeckungen stellen laut Sylvester vermutlich Rekorde dar. Eine kleine Pflanze zum Beispiel, die Sylvester auf 4600 m.ü.M. gefunden hat, ist vielleicht die kleinste zweikeimblättrige Pflanze der Welt. Auch eine auf Bäumen wachsende Pflanze, ein sogenannter Epiphyt, der ebenfalls auf 4600 m.ü.M. gedeiht, könnte in der Kategorie «in höchster Höhe wachsender Epiphyt» Rekord halten. Daneben wachsen die von Sylvester gefundenen Bäume auf 4825 m.ü.M. an der wohl höchst gelegenen Baumgrenze der Welt. Möglich, dass diese Bäume sogar noch höher oben wachsen könnten, doch ihre Ausbreitung wird in der Höhe durch Felswände limitiert. «Ich habe höher oben zwar noch Keimlinge gefunden, doch vermutlich ist der fehlende Humus dafür verantwortlich, dass sie dort nicht gross werden können», meint Sylvester.

Neues Forschungsprojekt geplant

So ganz alleine unterwegs im unwirtlichen Gelände war Sylvester nicht. Seine peruanische Frau Mitsy, ebenfalls Forscherin am Institut für Systematische Botanik an der Universität Zürich und auf Flechten spezialisiert, hat Sylvester begleitet. Nach ihr ist auch die kleinste zweikeimblättrige Pflanze der Welt benannt: Lysipomia mitsii.

Und was kommt nach der Doktorarbeit? «Vermutlich ein ähnliches Forschungsprojekt in Nepal», erklärt Sylvester. Solange Pflanzen, Hochgebirge und seine Frau dabei sind, scheint für Sylvester alles in Ordnung.

Forschungskredit Mit Beiträgen aus dem Forschungskredit fördert die Universität Zürich ihren akademischen Nachwuchs auf den Stufen Candoc (Doktorat) und Postdoc. Für Zusprachen stehen 2015 insgesamt rund 8 Mio. CHF zur Verfügung (in der Regel CHF 50'000-100'000 pro Projekt). Unterstützt werden viel versprechende junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an der Universität Zürich ein Dissertations-, Postdoc- oder Habilitationsprojekt durchführen möchten..

Lena Serck-Hanssen, Dipl. Natw. ETH/CAS PR-Redaktorin.

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