Die Schweiz im Ersten Weltkrieg

Fünf Dinge, die wir über den Ersten Weltkrieg wissen sollten

Militärisch blieb die Schweiz vom Ersten Weltkrieg verschont. Doch der Krieg, der vier Jahre lang rund um das kleine Land tobte, prägte gleichwohl den Alltag. Der UZH-Historiker Roman Rossfeld sagt, was wir darüber wissen sollten.  

Thomas Gull

Montagehalle für Zünder in der Automobil- und Maschinenfabrik Piccard, Pictet & Cie. in Genf (Schweizerisches Nationalmuseum LM-102442.29)

Lange Zeit war der Erste Weltkrieg einer der blinden Flecken der Schweizer Geschichtsschreibung. Er stand im Schatten des Zweiten Weltkriegs, der die Gemüter weit mehr erhitzte und die Politik beschäftigte. Im Hinblick auf das Centenaire des Kriegsausbruchs am 28. Juli 1914 wurde das vom Nationalfonds geförderte Sinergia-Projekt «Die Schweiz im Ersten Weltkrieg» lanciert, das die Entwicklung des Landes während der Kriegsjahre erforscht.

Geleitet wird das Projekt von Jakob Tanner, Geschichtsprofessor an der UZH. Projektkoordinator ist Roman Rossfeld. Er ist zudem Mitherausgeber des Buches «14/18: Die Schweiz und der Grosse Krieg», das in diesen Tagen beim Verlag «hier + jetzt» erscheint, und Co-Kurator der gleichnamigen Ausstellung, die zur Zeit im Landesmuseum Zürich und im Historischen Museum Basel gezeigt wird. Im Gespräch mit UZH News hat Rossfeld fünf Aspekte der Geschichte der Schweiz im Ersten Weltkrieg umrissen, die bisher noch wenig bekannt sind.

1 – Die Schweiz als Munitionsfabrik der Entente

Die Schweiz produzierte während des Ersten Weltkriegs im grossen Stil Rüstungsgüter für die kriegsführenden Länder. Besonders wichtig war die Produktion von Munitionsbestandteilen, insbesondere Zündern, für Artillerie-Geschosse. «Auf dem Höhepunkt, 1917, arbeiteten zwischen 30'000 und 50'000 Beschäftigte in der Munitionsfabrikation», sagt Roman Rossfeld, «das war rund ein Drittel aller Arbeitskräfte in der Metall-, Maschinen- und Uhrenindustrie.» In den vier Kriegsjahren exportierte die Schweiz für rund 850 Millionen Franken Munitionsbestandteile und Werkzeugmaschinen für die Munitionsherstellung.

Die Spielkarte – eine Karikatur aus dem «Nebelspalter» vom November 1917 – interpretiert den «Graben» zwischen der Deutsch- und der Westschweiz als eine Spaltung des Landes. (Zentralbibliothek, Zürich, Julius Friedrich Boscovits)

Rund 90 Prozent davon ging an die Entente-Länder Frankreich, England, Italien und Russland. Die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn erhielten fast keine Rüstungsgüter, weil sie keine Rohstoffe liefern konnten. «Die Munition wurde zwar in der Schweiz hergestellt, die Rohstoffe mussten jedoch von den kriegsführenden Ländern zur Verfügung gestellt werden», erklärt Rossfeld. Diese stellten mit Kontrolleuren sicher, dass von ihnen geliefertes Material nicht dazu verwendet wurde, Munition für die Gegenseite zu produzieren. Deutschland hätte gerne auch mehr Munition aus der Schweiz erhalten, konnte aber die dafür notwendigen Rohstoffe nicht liefern.

Die Munitionsproduktion war ein einträgliches Geschäft, insbesondere für die Uhrenindustrie. Hochburgen der Produktion waren La Chaux-de-Fonds und Genf. Während in der vom IKRK 1914 gegründeten «Agence Internationale des Prisonniers de Guerre» (AIPG) rund 1000 Personen arbeiteten, beschäftigte die Munitionsindustrie 1917 alleine in Genf rund 10'000 Personen. Obwohl der Bundesrat 1914 ein Exportverbot für Kriegsmaterial erlassen hatte, bewilligte er in der Folge die Ausfuhr der Munitionsbestandteile, die aus seiner Sicht völkerrechtskonform war.

2 – Röstigraben und Propaganda

Die Schweiz war Schauplatz eines erbitterten Propagandakriegs zwischen Deutschland und der Entente, dessen «Umfang erschreckend war», so Rossfeld. Um ihre Sicht der Dinge an die Schweizerinnen und Schweizer zu bringen, kauften nicht nur Deutschland, sondern auch Frankreich Kinos in der ganzen Schweiz und zeigten dort ihre Kriegsfilme. Die Kriegsmächte beteiligten sich an Zeitungen wie der «Züricher Post» oder der «Tribune de Genève». «Wenn man Zeitungen aus dem Ersten Weltkrieg liest, muss man wissen, wer dahinter steht: Deutschland oder die Entente», sagt Rossfeld.

Die Schlacht in den Medien heizte auch den innerschweizerischen Konflikt zwischen den Romands, die mit Frankreich sympathisierten, und den Deutschschweizern, die eher Deutschland zugeneigt waren, zusätzlich an. Das gefährdete den fragilen nationalen Zusammenhalt. Der Bundesrat sah die Gefahr und erliess mehrere Verordnungen gegen die ausländische Propaganda.

Offen deutschfreundlich waren etwa die «Stimmen im Sturm aus der deutschen Schweiz», zu deren Gründern Eduard Blocher, der Grossvater von Christoph Blocher, gehörte. «Die Stimmen im Sturm waren zum Teil antisemitisch und polemisierten gegen die Sympathien der Westschweiz für die Entente», erklärt Rossfeld. Dafür wurden sie vom Bundesrat scharf gerügt.

Karikatur in «Le Petit Suisse» zur Deutschfreundlichkeit der Deutschschweizer, 23. April 1915 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Edmund Bille)

Die kriegführenden Nationen hatten gute Gründe, in der Schweiz die Propagandatrommel zu rühren: Für beide Seiten war das Land eine wichtige wirtschaftliche Drehscheibe. Die Schweiz zog die Lehren aus ihren unterschiedlichen – propagandistisch ausgeschlachteten – Sympathien für die kriegführenden Mächte. Vor dem Zweiten Weltkrieg sorgte die hausgemachte Propaganda der Geistigen Landesverteidigung dafür, dass sich die Schweizerinnen und Schweizer auf ihre gemeinsamen Werte besannen.

3 – Die Angst des Bürgertums vor einer Revolution

Während des Krieges verarmten weite Teile der Bevölkerung, unter anderem, weil es für die eingezogenen Soldaten keine Erwerbsausfallentschädigung gab. Der Unmut der Arbeiterschaft entlud sich im November 1918 im Landesstreik. Die Geschichte des Streiks ist relativ gut erforscht, allerdings zu einseitig, wie Rossfeld konstatiert: «Die Geschichte des Landesstreiks ist bisher eine tendenziell linke Geschichtsschreibung, die den Streik vor allem aus der Perspektive der Arbeiterschaft betrachtet.»

Vergessen ging dabei die andere Seite, das liberale Bürgertum und dessen Ängste vor einer bolschewistischen Revolution. Diese Ängste führten dazu, dass sich in den Städten Bürgerwehren bildeten, die von Polizei und Militär bewaffnet wurden. «Die Furcht vor einem Umsturz ist mit Blick auf das Ausland verständlich», sagt Rossfeld. In Deutschland und Österreich mussten die Kaiser abdanken, in Russland beendete die Revolution die Herrschaft des Zaren. Rossfeld: «Auch die Schweiz wurde durch den Krieg tiefgreifend verändert. Vor dem Krieg war sie ein durch und durch bürgerliches und liberales Land. Diese Tradition wurde durch den Landesstreik zumindest kurzfristig in Frage gestellt.»

4 – Eine erste Überfremdungsdebatte

Schon im Ersten Weltkrieg wurde die «Überfremdung» zum Thema, obwohl die Zahl der Ausländer sank, weil viele in ihren Heimatländern einberufen wurden. «Der Verlust von ausländischen Arbeitskräften war das grössere Problem für die Wirtschaft als die Mobilisierung der Schweizer Soldaten, deren Zahl schon Ende 1914 wieder deutlich sank», sagt Rossfeld.

«Hochgradig mit den kriegführenden Ländern verstrickt», Roman Rossfeld über die Schweiz im Ersten Weltkrieg. (Bild: zVg)

Der Nationalismus nahm in den Kriegsjahren deutlich zu, und die Grenzen, die bis 1914 weit offen standen – in Europa konnte man ohne Pass reisen –, wurden dicht gemacht. Das Fremde wurde suspekt, auch weil «andere» Fremde in die Schweiz kamen, wie Rossfeld erklärt: Dienstverweigerer, Deserteure, Spione, Internierte und Flüchtlinge. 1917 wurde die Fremdenpolizei geschaffen, die die Ausländer im Land kontrollieren und überwachen sollte.

Am Ende des Kriegs wurde eine vom «Vorort», dem Dachverband der Schweizer Wirtschaft, lancierte Debatte über die «wirtschaftliche Überfremdung» geführt. «Es wurde befürchtet, die Schweizer Wirtschaft könnte nach dem Krieg von Deutschen unterwandert werden, die von der Schweiz aus Geschäfte tätigen wollten», sagt Rossfeld. Die Schweiz reagierte unter anderem mit einer Aktienrechtsrevision auf diese Befürchtungen, die allerdings erst in den 1930er-Jahren abgeschlossen wurde.

5 – Die Schweiz: mehr als eine Insel im Sturm

Das Bild der Schweiz als Friedensinsel in einem Meer aus Blut und Tränen stammt nicht aus dem Zweiten Weltkrieg, es war schon im Ersten präsent. «In Bezug auf die militärischen Auseinandersetzungen war die Schweiz tatsächlich eine Insel», resümiert Rossfeld. «Doch ansonsten war sie hochgradig mit den kriegführenden Ländern verstrickt und von den verschiedensten Importen abhängig.» So wäre das Land nie in der Lage gewesen, die Bevölkerung autark zu ernähren. Und die Wirtschaft war auf den Import von Rohstoffen angewiesen. «Bis zu einem gewissen Grad war das Land damit erpressbar», sagt Rossfeld.

«Das ist ein Trauma, das bis heute nachwirkt.» Das gilt auch für die Vorstellung der Schweiz als Insel – mit zuweilen «fatalen Folgen», wie Rossfeld bemerkt.

Ringvorlesung «1914»Am 18. September beginnt eine Vorlesungsreihe zum Ersten Weltkrieg. Sie bietet einen Querschnitt der Perspektiven, Überlegungen und Befunde, die in der gegenwärtigen Debatte über den ersten Weltkrieg wichtig geworden sind.

Thomas Gull ist Redaktor des Magazins der UZH.

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