Wissenschaft und Öffentlichkeit

Im Kraftfeld der Massenmedien

Das konfliktreiche Verhältnis von Wissenschaft und Massenmedien war Thema eines Vortrags des Publizisten und Philosophen Marco Meier. Nachwuchsforschende der UZH erhielten von ihm Tipps im Umgang mit Journalistinnen und Journalisten.

David Werner2 Kommentare

Ermunternde und warnende Worte: Publizist und Philosoph Marco Meier bei seinem Vortrag am Graduate Campus der UZH über den Umgang mit Massenmedien. (Bild: David Werner)

Wissenschaftliche Themen sind in den Massenmedien gefragter denn je. Doch die Medienwelt funktioniert nach anderen Spielregeln als die Welt der Wissenschaft. Viele Forschende fühlen sich daher im Angesicht von Journalisten auf fremdem, manchmal gar feindlichem Terrain. Sie befürchten, dass ihre Aussagen verdreht, verkürzt und entstellt widergegeben werden. Eine Befürchung, die nicht immer ganz unberechtigt ist.

Marco Meier, Philosoph und Publizist, hielt letzte Woche vor Nachwuchsforschenden einen Vortrag über Risiken im Umgang mit Massenmedien. Einer Verteufelung der Medien redete er dabei nicht das Wort. Er stimmte auch nicht in den Chor der Pessimisten ein, welche den unaufhaltsamen Qualitätszerfall von Zeitungen, Radio und Fernsehen beklagen. Vielmehr ermunterte er die Nachwuchsforschenden, sich mit ihren Forschungsergebnissen an eine breite Öffentlichkeit zu wenden. Er riet aber, dabei mit Bedacht und Respekt vorzugehen.

Liebe zum Superlativ

Massenmedien folgen ganz anderen Kriterien als die Wissenschaft. Sie lieben den Superlativ, während es in der Wissenschaft auf das mikroskopische Detail ankommt. Sie vereinfachen und spitzen zu, wo Wissenschaft möglichst viel Komplexität ins Auge zu fassen versucht. Sie suchen die Aufmerksamkeit des eiligen Lesers, während Wissenschaft des langen Atems bedarf. Sie versuchen, Geschichten zu erzählen, die auch ohne Vorwissen verständlich sind. Sie emotionalisieren, skandalisieren und inszenieren Meinungskonflikte, wo Wissenschaft den Gestus kühler Distanz pflegt.

Solcher Unterschiede müsse man sich als Wissenschaftler oder Wissenschaftlerin im Kontakt mit den Massenmedien bewusst sein, sagte Meier. Man müsse stets genau abwägen, in welchem Mass man sich auf die Spielregeln der Massenmedien einlassen wolle, um in Genuss des raren Gutes öffentlicher Aufmerksamkeit zu kommen. Entscheidend sei, die Kontrolle niemals aus der Hand zu geben und sich nicht von den Medien instrumentalisieren zu lassen. «Achten Sie darauf, dass das Gesetz des Handelns immer auf Ihrer Seite ist», empfahl Meier den jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Anbiederung schadet der Glaubwürdigkeit

Meier gab seinem Publikum noch eine ganze Reihe weiterer Ratschläge für den Umgang mit Massenmedien mit auf den Weg. Zum Beispiel: «Überlegen Sie sich vor dem Gespräch mit einem Journalisten genau, welches der Kerngedanke ist, den sie vermitteln wollen – und achten Sie darauf, dass er beim Gegenüber auch ankommt.» Oder: «Verschaffen Sie sich Klarheit, in welchem Kontext Ihre Aussagen verwertet werden sollen und wägen Sie ab, ob dieser Kontext Ihrem Thema würdig ist.»

Meier empfahl den Nachwuchsforschenden zudem, sich vor einem Interview genau zu informieren, welche Textsorte der jeweilige Journalist wählt, welche publizistischen Absichten er mit seinem Artikel verfolgt, welche Auskunftspersonen er sonst noch befragt und welche Bilder er zur Illustration seines Artikels verwendet.

Zum kompetenten Umgang mit Massenmedien gehöre zudem, sich in der Formulierungsweise nach dem Zielpublikum des jeweiligen Medienbeitrags zu richten, sagte Meier. Noch wichtiger sei es jedoch, glaubwürdig zu bleiben und sich nicht bei den Medien anzubiedern. Meiers Appell an die Nachwuchsforschenden: «Lassen Sie sich Ihr Recht auf Komplexität nicht nehmen!»

Marco Meierwar unter anderem Chefredaktor der Kulturzeitschrift «du» und Programmleiter von DRS 2. Er ist assoziierter Fellow des Collegium Helveticum der UZH und der ETH Zürich. Seit 2012 leitet er das Lassalle-Institut in Bad Schönbrunn bei Zug. Graduate Campus:Der Vortrag von Marco Meier fand innerhalb der Reihe PHD/Postdoc Meet Up! statt, einem monatlich stattfindenden Netzwerk-Anlass, den Doktorierende und Postdoktorierende der UZH im Rahmen des Graduate Campusselbst organisieren. Die Treffen dienen dazu, sich in informellem Rahmen auszutauschen oder um mit einem Referenten über ein ausgewähltes Thema zu diskutieren.

Hinweise und Kursangebote zum Thema Wissenschaft & Massenmedien - Die Abteilung Kommunikation der UZH unterstützt und berät Universitätsangehörige bei ihrem Gang an die Öffentlichkeit, in dem sie beispielsweise Medienmitteilungen verfasst und versendet. Auf der Website der Abteilung Kommunikation finden Forschende Tipps für den Umgang mit Anfragen von Journalistinnen und Journalisten.- Das Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IPMZ) bietet jedes Jahr den dreitägigen Weiterbildungskurs «Wissenschaft öffentlich kommunizieren»an. Der Kurs findet im Rahmen der Veranstaltungen «Überfachliche Kompetenzen für Doktorierende der Universität Zürich» statt, welche Teil des Angebots des «Graduate Campus» der Universität Zürich sind. - Der Schweizerische Nationalfondsbietet Medientrainingsfür Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an.- Im nächsten Herbstsemester bietet der Graduate Campusden Kurs «Wissenschaft öffentlich kommunizieren»an. Er wird von u.a. von Dr. Ursula Schwarb geleitet und richtet sich an Doktorierende der UZH. Die genauen Kursdaten und der Anmeldetermin werden entsprechend vorher auf der Homepage des Graduate Campus angekündigt.

David Werner, Leiter Publishing

2 Leserkommentare

Walter Schaffner, Prof. schrieb am Zielkonflikt Wissenschaft/Medien Interessant der Rat, man solle sich auch über den Stil des Interviewers und den übrigen Rahmen informieren, davon kann ich ein Lied singen (obwohl ich auch positive Erfahrungen gemacht habe): In den 70er und 80er Jahren wurde von einigen Journalisten/Medien die Furcht vor der damals aufkommenden Gentechnik gezielt geschürt. Bei meinen Interviews vereinbarte ich jeweils Gegenlesen. Eines wurde dennoch direkt gedruckt, Begründung: "Es eilte, und Sie waren zwischen Versand des FAX und der Drucklegung (eine Stunde!) leider nicht erreichbar". In anderen Fällen wurde ein an sich vernünftiges Interview durch eine beigefügte Karikatur vom Typ Frankenstein oder einen Kästchentext ins Gegenteil verkehrt oder zumindest entkräftet.
Rolf Ulpts schrieb am Qualifikation der Journalisten(innen) Liegt das Problem nicht auch bei Journalisten(innen), die häufig nur eine geringe bis gar keine Wissenschaftliche Vorbildung besitzen?

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