Navigation auf uzh.ch

Suche

UZH News

Bewegung und Gesundheit

Jeder Schritt zählt

Eine internationale Autorengruppe, darunter Brian Martin und sein Team vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin, hat die aktuelle wissenschaftliche Literatur zum Thema «Bewegung und Gesundheit» ausgewertet. Sie kommen zum Teil zu überraschenden Ergebnissen und bestreiten damit den Sommerschwerpunkt der renommierten Wissenschaftszeitschrift «The Lancet».
Marita Fuchs
Brian Martin: «Gerade Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen können viel von regelmässiger Bewegung profitieren.»

Sich bewegen oder lieber faulenzen? Was spornt die Menschen zu körperlichen Anstrengungen an, was hält sie zurück? Diese Fragen beschäftigen Wissenschaftler und Mediziner aus aller Welt, denn klar ist, dass Bewegung und Gesundheit zusammengehören. Wer sich viel bewegt, stärkt beispielsweise Herz und Kreislauf und beugt Diabetes oder Krebs vor.

Mangelnde körperliche Aktivität ist in der Schweiz – zurückhaltend geschätzt – für mindestens 2800 frühzeitige Todesfälle, zwei Millionen Krankheitsfälle sowie Behandlungskosten von 2,2 Milliarden Franken pro Jahr verantwortlich.

Pionierleistung der Epidemiologie

Zur Frage, warum einige Menschen sich freiwillig viel bewegen und andere eben nicht, gibt es weltweit viele wissenschaftliche Studien. Bisher hat jedoch noch niemand all diese Studien der letzten Jahre auf ihre Hauptaussagen hin abgeklopft und in eine Gesamtübersicht gegossen. An dieser Herkulesaufgabe waren der Präventivmediziner Brian Martin und sein Team vom Institut für Präventiv- und Sozialmedizin der Universität Zürich beteiligt. Die Resultate erscheinen heute in der Wissenschaftszeitschrift «The Lancet».

Sport bedeutet nicht überall dasselbe

Einen sinnvollen Vergleich zwischen den zahlreichen bestehenden Studien zu ziehen, war voller Tücken, wie Brian Martin erklärt: Die Studien basieren auf unterschiedlichsten Messmethoden, die grundlegenden Begriffsprägungen variieren von Land zu Land. Ein Beispiel: In der Schweiz reicht das Bedeutungsspektrum des Wortes «Sport» vom Joggen im Wald und dem Radeln zum Büro bis hin zum Marathonlauf. In England und den USA dagegen fallen nur Wettkämpfe unter «sports», das Training jedoch nicht.

Trotz dieser Erschwernisse führte die Auswertung der globalen Studien zu interessanten Befunden – sowohl in demografischer, biologischer, psychosozialer, verhaltensbezogener, sozialer, kultureller und umweltbezogener Hinsicht.

Wer sich schont, liegt oft falsch

Unter anderem zeigt sich, dass der allgemeine Gesundheitszustand einen deutlichen Einfluss auf das Bewegungsverhalten hat. Je besser dieser ist, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, aktiv zu sein. Doch gerade Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen können viel von regelmässiger Bewegung profitieren. Eine optimale medizinische Versorgung und Betreuung als Ausgangslage sowie vermehrte Aufklärungsarbeit und Motivation von Seiten der Ärzte seien hier von grosser Bedeutung, meint Martin.

Männer sind sportlicher

Die Kultur prägt das Bewegungsverhalten wesentlich mit – zum Beispiel die kulturell verankerten Geschlechterbilder. So kommt es, dass Buben sich mehr als Mädchen und erwachsene Männer mehr als Frauen bewegen. «Das trifft vor allem auf Freizeitaktivitäten zu, es lässt sich nicht unbedingt für das gesamte Bewegungsverhalten nachweisen», sagt Martin.

Dass genetische Faktoren nicht verantwortlich gemacht werden können, belegen finnische Studien. In Finnland treiben Frauen und Männer in etwa gleich viel Sport. In der Schweiz sind die Unterschiede insbesondere bei Immigranten aus Südeuropa gross: Die Männer dieser Gruppe bewegen sich ebenso häufig wie Schweizer Männer, doch die Frauen treiben kaum Sport.

«Ich schaffe das – wäre doch gelacht!»

Mit überraschenden Befunden kann Martin auch in psychosozialer Hinsicht aufwarten: Die so genannte Selbstwirksamkeit entscheidet bei Erwachsenen und Kindern, ob sie beim Sport bleiben oder wieder abspringen. Unter Selbstwirksamkeit versteht man die innere Überzeugung, dass man aufgrund eigener Kompetenzen Handlungen erfolgreich ausführen kann – nach dem Motto: «Ich schaffe das, wäre doch gelacht!»

Ein Mensch, der daran glaubt, selbst etwas bewirken und auch in schwierigen Situationen selbstständig handeln zu können, zeigt diese Einstellung in der Regel auch in seinem Bewegungsverhalten: Er treibt Sport und lebt gesünder.

Weg vom individualistischen Ansatz

In einigen Studien wird der Einfluss von Umweltfaktoren auf die Bewegung untersucht. So wirkt sich beispielsweise das Nichtvorhandensein von Trottoirs negativ auf das Bewegungsverhalten aus. «Ich sehe in städtebaulichen Verbesserungen ein grosses Potenzial», sagt Martin.

Der individualistische Ansatz der Bewegungsförderung, der seit den letzten 20 bis 30 Jahren vorherrschend war, habe nicht die erhoffte Wirkung gezeigt. Dagegen könnten sich Massnahmen wie zum Beispiel die Wiederbelebung der Innenstädte durch Fussgängerzonen oder die Schaffung von Velowegen positiv auf das Verhalten auswirken, ist Martin überzeugt.

Der Überblick über die internationale Forschung zum Thema Gesundheit und Bewegung, an dem die Zürcher Gruppe als einzige Vertreter einer deutschsprachigen Universität beteiligt waren, beleuchtet noch zahlreiche weitere Zusammenhänge. Der so entstandene Informationsfundus ist nicht nur für Fachleute, sondern auch für interessierte Laien hilfreich.