Kindsmisshandlung

«Die Dunkelziffer ist immer noch hoch»

Die Statistiken im aktuellen Jahresbericht der Kinderschutzgruppe am Kinderspital Zürich sprechen für sich: Jedes Jahr werden mehr Misshandlungen an Kindern augenfällig. Ulrich Lips, seit 1988 Leiter der Kinderschutzgruppe, stellt am kommenden Montag auf einer öffentlichen Veranstaltung Fakten und Präventionsmassnahmen zum Thema Kindsmisshandlung vor. Mit UZH News spricht er über die Arbeit der Kinderschutzgruppe. 

Interview: Marita Fuchs

Herr Lips, die Fälle von Kindsmissbrauch am Kinderspital nehmen zu. Ein Alarmzeichen?

Wir hatten am Kinderspital im letzten Jahr 487 gemeldete Fälle mit Verdacht auf Kindsmisshandlung. Bei 350 Fällen lag eine Misshandlung sicher vor. Ich vermute jedoch, dass es trotz vermehrter öffentlicher Aufmerksamkeit nach wie vor eine hohe Dunkelziffer gibt.

Welche Schädigungen werden unter dem Begriff Kindsmisshandlung erfasst?

Wir verstehen darunter eine bewusste oder unbewusste körperliche oder seelische Schädigung, die zu Verletzungen, Entwicklungshemmungen oder zum Tode führt. Auch die Vernachlässigung kindlicher Bedürfnisse ist eine Form der Misshandlung.

«Bei Kindmisshandlungen bekommen wir von den Eltern keine genauen Angaben, was passiert ist», Ulrich Lips, Leiter der Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle. (Bild: Marita Fuchs)

Unbewusste Schädigung, was verstehen Sie darunter?

Wenn Eltern psychisch krank sind oder an Süchten leiden, werden sie oft den Kindern nicht mehr gerecht. Sie sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie gar nicht bemerken, was ihre Kinder brauchen. Diese Kinder sind verwahrlost, werden vernachlässigt und nehmen so Schaden. Das ist eine Form der Misshandlung, bei dem die Eltern keine wirkliche Schuld trifft. Sie sind ja krank. Anders ist es bei bewusster körperlicher oder psychischer Misshandlung, sexueller Ausbeutung und auch beim Münchhausen Stellvertreter-Syndrom, das allerdings eher selten auftritt.

Was versteht man unter diesem Syndrom?

Scheinbar fürsorgliche Mütter bringen ihre Kinder immer wieder mit unklaren Symptomen in die Klinik. Was niemand weiss: Die Mütter quälen ihre Kinder krankenhausreif, um sie hernach gesund zu pflegen.

Wie erklären Sie sich dieses grausame Verhalten?

Das Münchhausen-Stellvertreter- Syndrom hat vielfältige Ursachen. Eines ist allen gemeinsam: Diese Mütter haben eine psychische Störung und suchen nach der Aufmerksamkeit von Ärzten und Mitmenschen. Oft bemerken die Ärzte zu spät, dass die Mutter die Verursacherin der Leiden ist.

Wie erkennen Sie, dass eine Misshandlung vorliegt?

Im Gegensatz zu anderen Krankheitsbildern bekommen wir nie eine Angabe, was passiert ist, weil die Eltern die Misshandlung vertuschen wollen. Wir hören dann in der Notfallstation: «Das Kind ist gefallen, deshalb die vielen Blutergüsse» oder «Es war allein im Zimmer, wir wissen nicht, was passiert ist». Aufgrund von bekannten Verletzungsmustern, die nicht zu den Angaben der Eltern passen, können die Ärzte und das medizinische Personal herausfinden, ob etwas nicht stimmt. Wir von der Kinderschutzgruppe bilden das Personal so aus, dass es Misshandlungsfälle erkennen kann.

Kinder, die von sexuellen Übergriffen betroffen sind, gelangen meist nicht über die Notfallstation zu uns. In der Regel sind es Mütter, Väter oder Grosseltern, die einen Verdacht äussern. Wir müssen dann aufgrund der Untersuchung entscheiden, ob der Verdacht sich erhärtet oder nicht. Relativ häufig kommt es vor, dass sexueller Missbrauch in der Familie stattfindet. Wenn zum Beispiel der 15-jährige Cousin sich an einem kleinen Kind vergeht. In so einem Fall benötigt der Jugendliche oft eher eine Therapie. Anders bei erwachsenen Tätern, hier kommt es zum Strafverfahren.

Was kann man tun, wenn man den Verdacht hat, dass jemand ein Kind misshandelt?

Man sollte vorsichtig und empathisch sein. Wenn das Kind des Nachbarn ständig weint, kann man zum Beispiel fragen: «Ihr Baby ist anscheinend nicht so einfach. Das habe ich auch erlebt. Kann ich irgendwie helfen?» Vor allem bei schreienden Babys liegen schnell einmal die Nerven blank. Wütendes und gewaltsames Schütteln des Kindes kann gefährlich sein, denn beim Schütteln eines Säuglings gibt es Blutungen in und um das Gehirn, die zu den für das Shaken Baby Syndrome charakteristischen Nervenverletzungen führen, die tödlich sein können oder schwere Hirnschäden hinterlassen.

Mit welcher Misshandlungsform sind Sie am häufigsten konfrontiert?

Wir haben am häufigsten mit sexuellem Missbrauch zu tun. Das heisst aber nicht, dass es die häufigste Form von Misshandlung ist. Sie wird uns am häufigsten gemeldet. Im Jahr 2010 waren 87 Mädchen und 16 Knaben betroffen. Die zweithäufigste Form sind körperliche Misshandlungen. An dritter Stelle stehen die psychischen Misshandlungen. Ausser bei sexuellen Übergriffen sind Mädchen und Buben etwa gleich häufig von Misshandlungen betroffen.

Wie oft kommt es vor, dass Personen zu Unrecht verdächtigt werden, einen Missbrauch begangen zu haben?

Das wissen wir nicht, denn die Situationen sind oft nicht endgültig zu klären. Ein Beispiel: Am Sonntagabend ruft eine in Scheidung lebende Frau an und verdächtigt ihren Ex-Partner, während der Besuchszeit die neun Monate alte Tochter sexuell ausgebeutet zu haben. Kommt sie dann mit dem Kind zu uns, finden wir eine Rötung der Haut im Windelbereich. Das kann aber viele Ursachen haben, zum Beispiel eine nasse Windel oder ein Ausschlag durch Fruchtsaft. In solchen Fällen besteht lediglich ein Verdacht, der begründet oder unbegründet sein kann. Man kann also nicht von einem falschen Verdacht sprechen, ihn aber auch nicht ausschliessen.

Besonders schlimm ist es, wenn Eltern in Scheidungssituationen ihre Kinder instrumentalisieren, indem sie den Partner/die Partnerin gegenüber dem Kind schlecht machen und so in einen unlösbaren Loyalitätskonflikt bringen.

Kindsmisshandlung, Fakten und Prävention

Am Montag, 14. November 2011, findet vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich ein Gesundheitsforum zum Thema Kindsmisshandlungstatt. Pfarreizentrum Liebfrauen, 8006 Zürich Teilnehmen können alle Interessierten aus dem Kanton Zürich.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

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